Auslandjournalismus von der heimischen Couch aus

An der Peshmerga-Front südlich von Kirkuk

Selber vor Ort

Wenn man über die Lage in der Welt schreibt, dann sollte man sie gesehen haben. Wenn man über die Lage im kurdischen Nord-Irak und die ISIS schreibt, dann sollte man auch da gewesen sein. Ich war gerade erst in Kirkuk, Mosul und deren Umgebung und bin schon häufiger in Kurdistan gewesen und schreibe über die Entwicklung der Region. Bei einigen Artikeln, die ich derzeit lese, platzt mir der Kragen. Da sitzen anscheinend Leute auf der Couch zu hause und spielen sich als die Experten der Region auf.

Beispielhaft möchte ich diesen Artikel der Jungen Welt nehmen. Zusammengefasst vermutet man da, dass die irakischen Kurden mit der ISIS gemeinsame Sache machen. Die ISIS wird geführt von alten Saddam-Generälen, also den Leuten, die die Kurden ausrotten wollten.

So rückten kurdische Peschmerga unmittelbar nach der Einnahme von Mossul durch ISIS in die von der irakischen Armee verlassenen Stellungen rund um Kirkuk vor, während ISIS keine Anstalten machte, sich die aufgrund ihrer riesigen Ölfelder strategisch wichtige Stadt zu sichern.

ISIS hat in Mossul lediglich die Banken leer geräumt um die Kriegskasse zu füllen. Sie haben etwa 500-900 Millionen US$ raus getragen. Dann hat die ISIS versucht Bereich zwischen Syrien und Mossul als Nachschubroute zu sicher. Als ich vor 10 Tagen in Mossul stand, stand die ISIS bis zum Tigirs. Ich war nur weniger hundert Meter weiter. Einen Tag vorher war Jan Eikelboom dort. Da war es auch so. Auch gab es Gefechte zwischen Peschmerga und ISIS, allerdings keine zu schweren. Spannender ist die Frage, warum 30.000 irakische Soldaten wie auf Zuruf die Flucht ergriffen. Dann wäre es ja ein Komplott aus ISIS, Peschmerga und irakischer Armee. Nur gegen wen!?

KDP-Peschmerga transportierten nun die schweren Waffen aus Kasernen der 12. Irakischen Armee in die kurdische Autonomieregion ab

Die übernommenen Waffen sind von Irakischen Soldaten an den Checkpoints übergeben worden. Die Lager wurden nicht von Peschmerga geräumt.

Augenzeugen berichten von einem faktischen Waffenstillstand zwischen Peschmerga und der IS in den kurdischen Stadtvierteln von Mossul.

Ja. An der gesamten Front. Die ISIS versucht keine unnötigen Gefechte zu führen. Die Peschmerga haben keine Order aus ihrem Gebiet raus zu gehen. Warum genau sollte man also Schießen? Ich bin übrigens einer dieser Augenzeugen…

Wohl auf Druck aus Teheran, (…) agiert die PUK in der Frage eines unabhängigen Kurdistans wesentlich zurückhaltender als Barsani.

Talking to Gouverneur Najmaldin Karim

Ich habe vor Ort mit Gouverneur Najmaldin Karim, dem Gouverneur von Kirkuk gesprochen. Er ist PUK Politiker. Er sagte mir (vor laufender Kamera), dass er natürlich für ein unabhängiges Kurdistan sei. Zurückhaltung sieht für mich anders aus.

 

Tatsächlich sind die irakischen Kurdengebiete aufgrund wirtschaftlicher Abhängigkeit in den letzten Jahren zum faktischen Protektorat der Türkei geworden

Da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Natürlich gibt es gute Wirtschaftliche Beziehungen und durch den Öl-Pipeline-Deal mit der Türkei hat man sich zu Freunden gemacht. Aber der, der das Öl hat, macht die Regeln. Die Autonome Region Kurdistan als Protektorat der Türkei habe ich ich diesem Artikel das erste mal gehört und ist eine so steile These, wie alles andere darin.

Und aus genau dem Grund fahre ich selber vor Ort, spreche selber mit den Generälen, Gouverneuren, Soldaten, Special Forces, der Bevölkerung und anderen Journalisten vor Ort. Aber von der Couch aus ist es sicher einfacher!

  • jungewelt

    stimmt so nicht herr lenze die jungewelt war auch vor ort

    • enno

      Das wundert mich bei dem Text. Ich finde auf Jungewelt auch keinen Artikel von vor Ort, also mit welchen PDK/PUK Politkern gesprochen wurde, wann die Front in Mosul besucht wurde um das Vorgehen der ISIS zu beurteilen usw. Können Sie mir den Link geben? Oder zumindest sagen wer wann wo war und mit wem gesprochen hat? Mich wundert es, dass unsere Ansichten nach scheinbar gleichen Besuchen vor Ort so dermaßen auseinander gehen.

      • anreizstruktur

        Wundervoll: „Das ist so seltsam, da kann eigentlich niemand vor Ort gewesen sein. Liesst sich wie Couchjournalismus“ – „Doch doch , wir waren schon vor Ort.“ Hmmm

  • Klaus

    Kleine Anmerkung: Sie benutzen das Wort „scheinbar“ anstatt dem passenden Wort „anscheinend“. Die Wörter haben eine unterschiedliche Bedeutung und ihre Sätze mit“anscheinend“ ergeben somit keinen richtigen Sinn.

    Ansonsten Danke für den Einblick in das kurdische Gebiet.

    • enno

      Danke! Habe ich korrigiert