Berlin: Mein Abend am Weihnachtsmarkt

Gestern Abend wurde ich aus aller Welt gefragt, ob ich OK sei, es habe einen Anschlag gegeben. Nachfragen, ob es gut geht, weil was passiert sei, kommen immer wieder – gefühlt passiert das selbst, wenn nur eine S-Bahn zu spät kommt. Also konnte ich die Aufregung erst mal nicht verstehen und ging von einem unglücklichen Verkehrsunfall oder ähnlichem aus, der die Leute wieder schlagartig in Panik versetzt. Auf der anderen Seite war es aber nicht so ganz klar. Da ich nur 15 Minuten weg vom Ort des Geschehens war, wollte ich hin gehen, um mir selber ein Bild zu machen: Kann man offensichtlich erkennen, was es war? Ist wieder alles übertriebene Panikmache? Sieht es realistisch nach einem Anschlag aus?

Als ich am Bahnhof Zoo ankam, war der Bereich schon weiträumig gesperrt und geräumt – einzelne Leute kamen aus dem abgesperrten Bereich raus. Anwohner, Menschen die dort gearbeitet haben oder die einfach noch zwischen den Absperrbändern unterwegs waren. An der Kreuzung vor dem Bahnhof Zoo regelten zum Teil die DB Sicherheitsleute zusammen mit der Polizei den Verkehr und hielten die Menschen zurück. Es gab aber keinen Ansturm auf sie, die Leute hielten den normalen Abstand. Es war angespannt, aber ruhig. Keiner nervte die Sicherheitskräfte wegen der Absperrung, keiner schrie was von Terror oder so. Die Rettungswagen konnten ohne große Probleme durch und es kamen permanent Rettungswagen, Notärzte, Gerätefahrzeuge, Polizei usw. an. Alles wirkte aber sehr durchorganisiert und koordiniert, alle waren diszipliniert. Ich kam zuerst zu den DB Sicherheitsleuten und fragte diese, ob sie schon was von einer Pressesammelstelle wissen: Leider nein, soweit sie wissen. Die Polizisten standen ein paar Meter hinter dem Flatterband, um nicht permanent alles Mögliche gefragt zu werden und winkten ab, als ich versuchte, mit ihnen zu sprechen. Fand ich in dem Moment völlig in Ordnung – erst mal abwarten was los ist und den Überblick behalten. Sie standen nur alle 5-10 Meter und mussten sehen, was um sie rum passiert. Dann kam das Pressemobil an. Es gab immer noch keine richtige Auskunft, außer, dass man versucht, der Presse Informationen zukommen zu lassen, aber dass es eben noch nichts gibt. Auch bei den inzwischen 100-200 Journalisten Verständnis. Kein Geheule, kein Generve.

Kurz drauf durften wir vor bis zum Zoopalast (Bürgersteig vor der Treppe zwischen Zoopalast und Bikini-Haus). Von dort aus standen die Ketten von Rettungswagen vor uns, dahinter der LKW. Die Straße war frei für den Rettungsdienst und wir wurden von gerade mal 5 Polizisten „bewacht“. Viel sehen konnte man nicht – Informationen gab es auch nicht und die Polizei hielt sich mit Kommentaren, Gesprächen und allem zurück. Sie hatten zwar die (SK1) Westen an und Maschinenpistolen, aber das ist in Berlin keine Besonderheit. So etwas sieht man hier jeden Tag an der S-Bahn. Man merkte aber, wie angespannt alle waren, wie die Augen permanent hin und her wanderten, sie miteinander Sichtkontakt hielten, auch die Journalisten genauer musterten.

Die Journalisten hatten das alte Problem, dass alle etwas von Ihnen erwarten, sie aber nichts berichten können. Ich sah etliche bekannte Gesichter, alle versuchten Informationen auszutauschen und im Kern ging es um die Frage: War es Absicht oder nicht? Und war es Terror? Auf den ersten Blick würde ich sagen: Sah verdächtig nach Absicht aus – gerade als die Information der Polizei kam, dass der vermeindliche Fahrer geflohen und gefasst sei. Aber nur weil es so aussieht, muss es nicht so sein. Der Sprecher der Polizei teilte die Zahlen der Feurwehr mit (neun Tote, ca. 50 Verletzte), hatte sonst aber auch nicht viel. Ich berichtete live für Al Jazeera und hielt mich auch da mit Spekulationen zurück, die bringen halt niemandem was. 

Die Faktenlage war aber dünn. Als der regierende Bürgermeister Michael Müller auftauchte, gab es nochmal eine Traube um ihn. Ich habe ihn und Wowereit oft getroffen, kenne das sehr entspannte Sicherheitsteam vom Sehen. Diesmal war es auch hier anders. Sie hatten die dicken Westen an, es waren zusätzliche Leute mit Maschinenpistolen dabei und sie waren angespannter als sonst – das mag logisch klingen, ist es aber nicht zwingend. Auch in anderen Situationen, die einen normalen Menschen in Panik versetzten, laufen diese Jungs oft noch total entspannt rum und gucken erst mal, was los ist. Auch hier: Keine Panik, alles ruhig, keine „bösen“ Worte verwenden.

Drei Augenzeugen liefen weinend an uns vorbei, standen ratlos rum – es dauerte einen Augenblick, bis sich ein Polizist ihrer annahm und sie wegbrachte. Langsam stieg der Druck auf die Journalisten, die schnelles Geld machen wollen, aber eigentlich keine echte Story brauchen. Neben mir unterhielten sich zwei „Die Augenzeugen flennen nur rum und wollen mit Niemandem sprechen, da ist nichts zu holen“ – Mir ging durch den Kopf „Ja, dann verpiss‘ dich doch einfach! Du bist eine Peinlichkeit für alle anderen“ – aber das hätte auch Niemandem geholfen. So Leute gibt es eben auch, total zum kotzen, kann ich immer noch nicht fassen.

Ich hatte alles gesehen, was ich sehen wollte. Ich wusste nun, wie die Kräfte vor Ort regieren und dass man eigentlich nichts zur Lage weiß und machte mich im langen Bogen auf den Heimweg. PKWs kamen ab dem Ernst-Reuter-Platz nicht mehr durch, am Hauptbahnhof, Potsdamer Platz und Alexanderplatz war es leerer als sonst. Die Autos fuhren langsamer und gesitteter als sonst, kein Gehupe, kein Gedrängel. Das ist wirklich auffällig, wenn man sieht, wie es hier sonst zugeht.

Inzwischen heißt es, es sei ein Anschlag gewesen, der bisher zwölf Menschen das Leben gekostet und rund fünfzig zum Teil schwer verletzt hat. Ich wünsche mir, dass man seine Energie nun darauf konzentriert, diesen Menschen und ihren Hinterbliebenen zu helfen und dafür zu sorgen, dass sich so eine Tragödie nicht wiederholt.

Viele werden Ihre Energie aber lieber für Panik und Hetze verschwenden. Und wenn das passiert, haben die Täter genau das erreicht, was sie wollten.