Content-Mafia – die Alternative

Begriffsdefinitionen

Bei der ganzen Diskussion um „Raubkopierer“ und „Content-Mafia“ wird von allen Seiten viel schwarz-weiß-Malerei betrieben. Das nervt mich ungemein. Drum möchte ich hier mal ein paar Worte zu meinem kleinen Verlag verlieren und warum ich nie die wirklich lukrativen Bücher verlegen kann. Die „Content-Mafia“ ist einfach der spannendere Partner.

In der ganzen Diskussion müssen noch viele Begriffe klar definiert werden. Ich sehe dauernd eine Vermischung von Kulturgütern und kommerziellen Produkten, auch wenn die Trennung natürlich nicht einfach ist. Vor kurzem sprach ich mit Simon Verhoeven, dem Produzenten von „Männerherzen„. Er sagte auch, man müsse von „Produkten“ und nicht von „Filmen“ reden. Ich glaube, er meinte es etwas anders als ich, aber wir sind gedanklich in der gleichen Richtung unterwegs.
Ein Kulturgut ist für mich z.B. der bereits 1927 erschienene Film Metropolis. Er war ein Meilenstein der Filmgeschichte, er hat die Zeit geprägt, viele haben sich von ihm inspirieren lassen. Im Gegensatz dazu könnte man z.B. auf „American Pie 3“ verzichten, ohne dass es der Kulturlandschaft schaden würde.
So eine Klassifizierung ist natürlich nicht immer einfach oder unumstritten. Ein sinnvoller Ansatzpunkt wäre es da, wenn der Urheber einem direkt sagt, in welche Kategorie er selbst sein Werk einordnet. Mein Blog z.B. hat keine besonders hohe Schöpfungshöhe. Ich hätte mit Privatkopien meiner Blogtexte deshalb kein Problem.

Buch beim kleinen Verlag

Bücher entstehen meist aus einer Idee des Verlages. Man kennt seine Autoren und fragt sie, ob sie das Buch schreiben wollen. Bei kleinen Verlagen kann man eher ein eigenes Buch platzieren als bei großen. Zu mir kommen oft Autoren, die ein Nischenthema haben, welches mit Berlin zu tun hat. Sie wollen das Buch schreiben, weil sie das Thema interessiert, weil sie es verbreiten wollen und eine kleine Anerkennung in Form von Geld bekommen. Ein Titel wie „Auf Britzer Sand gebaut – die Geschichte der Löwenhäuser“ ist aufwändig recherchiert und gut geschrieben, hat aber nur eine kleine Leserschaft. Wenn man diesen Titel für 16.80€ in einer 1.000er Auflage produziert, ist es kein Geschäftsgeheimnis, dass maximal 16.800€ damit an Umsatz am Endkunden gemacht werden – auf ein bis drei Jahre verteilt. Davon möchten ein paar Leute bezahlt werden: Buchhandel (Rabatte), der Staat möchte Steuern, Druckerei, Lager, Marketing, Lektorat (extern) und anteilig Software-Lizenzen, Personal, Büromieten usw. Und dem Klischee nach müssten noch mein Ferrari und mein Privatjet bezahlt werden, aber irgendwie klappt das nicht.
Selbst wenn der Autor also 100% der Einnahmen bekäme, könnte er von diesem Titel nicht annähernd leben. Einen Vorschuss gibt es bei kleinen Verlag auch nur selten. Hier schreibt also jemand, weil ihm das Thema wichtig ist. Reich wird der Autor, wenn das Buch hunderttausendfach verkauft wird. Von leben kann er, wenn er viele Bücher schreibt. Nun könnte man sagen: Das unternehmerische Risiko liegt eben bei mir und ich solle jedem einen Vorschuß zahlen. Und da sieht man dann: Die großen Unternehmen tun genau das – und lehnen alle Bücher, die sich nicht sicher rentieren, ab. Eine Zwickmühle.

Ich werde also auch nicht reich. Was so ein Buch im Detail kostet habe ich bereits früher mal gebloggt. Auch wenn ich die „bösen“ Geschäftsmodelle nutzen würde, würde ich nicht mehr verdienen. Ein Buy-Out Vertrag würde mir nichts bringen, wenn ich die Texte nicht zweitverwertet bekomme. Ein Deal mit einem Abmahnanwalt auch nicht, da diese Sachen nicht auf Piratebay landen.

Exkurs zur Buchpreisbindung

Auf der anderen Seite kann man hier schön zeigen, warum die Buchpreisbindung ihren Sinn hat: Ich kenne die 7% Steuern, ich kenne die Rabattstaffeln im Buchhandel und ich kann abschätzen, was mein Team kostet. Da ich den Preis beim Endkunden bestimmen kann, kann ich also vorrauschauend kalkulieren. Gäbe es die Buchpreisbindung nicht, könnte ein Großhändler mir einen ganz schlechten Deal nach dem anderen anbieten. Entweder würde ich mitmachen und nichts verdienen oder nicht mitmachen und nichts verdienen. Die Buchpreisbindung hilft also kleinen Verlagen zu überleben. Dass sie ihre Nachteile hat, möchte ich nicht in Abrede stellen, aber sie hat eine sinnvolle Grundlage.

Die großen Verlage

Ist man aber John Grisham, so geht man zu einem der ganz großen Verlage und lässt sich erst mal einen fürstlichen Vorschuss plus sehr gute Konditionen geben. Der große Verlag produziert hunderttausende bis Millionen Bücher pro Titel. Das Lektorat, den Satz und die Grafiker zahlt er nur einmal, der Druck wird pro Stück günstiger. Ich könnte so einen Titel beim besten Willen nicht bedienen, weil ich nicht mal das Geld für den Druck von einer Million dicker Bücher hätte, und müsste ihm also absagen.

Nun haben wir einen mittel-berühmten Autoren, der ein Angebot bekommt: Ich biete 1.000er Auflage, keinen Vorschuss. Der Groß-Verlag bietet 100.000er Auflage, 10.000€ Vorschuss und Werbung auf Plakaten, im TV, Kino und Radio. Wo geht der Autor wohl hin? Und wer mag es ihm verdenken? Er muss ja von etwas leben, während er das Buch schreibt. Und ich kann es dem großen Verlag nicht verdenken, dass er nun mal Geld verdienen will.

Self-Publishing

Bis hierhin sieht die Geschichte, so wie ich sie erzähle, schlüssig aus. Oft höre ich in letzter Zeit, dass Verlage sterben werden, wegen Self-Publishing Portalen und print-on-demand. Das glaube ich weiterhin nicht. Gerade neue Autoren brauchen oft ein Lektorat. Man braucht den Vertrieb über Amazon hinaus, wenn man ein Buch platzieren möchte, und man braucht Werbung. Der Verlag ist also vor allem ein Marketingunternehmen. Werbeageturen sind auch nicht ausgestorben, als man im Internet Produkte selber bewerben konnte.
Und würde der Autor aus unserem Beispiel Self-Publishing als Alternative sehen?

Der Vorhang zu und alle Fragen offen

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Verlage nicht zwingend „böse“ sind und dass es für den Autoren gute Gründe geben kann, zu den großen Verlagen (oder auch Lables, wenn es um Musik geht) zu gehen. Und die Welt ist nicht so einfach in gut und böse zu teilen, wie man teilweise meint.

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