CSD Berlin 2013

Seit 1979 findet in Berlin die Christopher-Street-Day Parade (in andereren Länder als Gay-Pride-Parade oder Regenbogenparade bekannt) statt. Sie geht zurück auf die Proteste gegen Polizeiwillkür gegen Homosexuelle und andere sexuelle Minderheiten, welche 1969 in der New Yorker Christopher Street stattfanden.

Enno Lenze CSD Berlin

Fotograf: Bartjez Lizenz: CC-BY-SA

Heute ist es immer noch ein Protest für eine rechtliche gleichstellung aller (sexueller) Lebensarten und gegen die Soziale ächtung. Zum anderen ist es aber auch eine gigantische Party, die in der Stimmung die Loveparades der späten 90er Jahre übertrifft. 750.000 bunte, fröhliche Menschen feiern ausgelassen einen ganzen Tag und die folgende Nacht. Neben den Vereinen und Verbänden der Szene fahren etliche große Unternehmen, Parteien und Gewerkschaften mit. Ich besuche den CSD seit vielen Jahren, da es für mich selbstverständlich ist, dass man über sein Liebesleben und seinen Hochzeitspartner frei entscheiden kann und dass man sich nicht schämen muss, dies öffentlich zu äußern.

Dass Toleranz und Offenheit wichtig ist, sollte jedem klar sein. Seitdem ich 15 bin, bin ich in der Hacker-Szene unterwegs. Dort hatte ich schnell gelernt, dass man Menschen nicht nach ihren Neigungen, ihrer Kleidung, ihrem Alter oder Alkoholpegel beurteilen sollte, sondern nur nach dem, was sie können und tun. Ich bin dort immer wieder positiv überrascht worden.

In beiden Szenen sieht man, dass Menschen einfach glücklicher leben, wenn sie offen sein können. Wenn man nicht vorverurteilt wird und nicht herablassen behandelt wird, entfaltet man sich schneller und weiter. Eigentlich sollte das in einer freien Gesellschaft, wie wir sie in Deutschland haben, total normal sein.

Dieses Jahr tanzte ich auf dem Wagen der Piratenpartei, von dem aus man gute elektronische Musik hören konnte. Und so ein Tag ist anstrengend. Auch wenn ich spät aufstand, um es gerade noch um 12 Uhr zum Truck zu schaffen, so war ich 8 Stunden später bereits wieder ziemlich müde. In den hohen Stiefeln bei der Temperatur Leute zu umarmen, Flaggen zu schwenken, zu tanzen und für Fotos zu posieren, geht ganz schön auf die Beine. Auf der anderen Seite sieht man die ganze Zeit in tausende lachende Gesichter.

Der Truck wurde größtenteils über Spenden von Privatleuten finanziert und von wenigen Leuten ehrenamtlich organisiert, geschmückt, abgebaut usw. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie gut so etwas funktioniert, wenn man nur ein gutes Ziel vor Augen hat. So ein Truck bewegt sich den Tag über mit etwa 1 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit und die Fahrt ist für den Fahrer Schwerstarbeit. Für alle drum rum aber ein toller Spaß!

Bereits vor dem Start traf ich zufällig Lilo Wanders, welche mein Kostüm lobte, mir einen Kuss gab und wieder in der Menge verschwand. Der nächste erwähnenwerte Zwischenfall ereignete sich nur einen Kilometer weiter, also etwa 1-2 Stunden später. Ein junger Mann wollte sich für ein Foto von mir den Hintern mit einer Gerte versohlen lassen. Na klar! Doch mit einem Klaps gab er sich nicht zufrieden: „Mach mal dolle!“ Also schwang ich die Gerte unter dem Jubel der Umstehenden weiter. „Nein, doller! Mach mal richtig jetzt.“ Nun hat man da als Ungeübter ja etwas Hemmungen, aber ich folgte seinen Anweisungen, er rief weiter, ich haute weiter, die Menge jubelte weiter – bis die Spitze der Gerte brach. Die umstehenden grölten, die Gertenspitze flog in die Menge und der junge Mann zog weiter. Tja, es ist Wahlkampf und als Listenkandidat tue ich doch alles für meine potentiellen Wähler.

Im weiteren Verlauf musste ich noch viele Leute umarmen, wurde mehr als einmal unsittlich berührt und bekam rund fünf Dutzend unmoralische Angebote. Und das finde ich gar nicht schlimm. Man kann immer noch „nein“ sagen, wenn es einem nicht zusagt. Ich ziehe die Klamotten ja nicht einfach für mich an, sondern weil ich das Feedback dazu liebe.

Nun zur finalen Frage: Kann man solche Klamotten tragen? Ja! Und auch in 50 Jahren und mit 50kg mehr werde ich solche Dinge tragen. Und warum? Weil ich es kann! Weil es mir niemand verbieten kann und weil mich die Meinung von Leuten, die ein Problem damit haben, nicht interessiert. Wem so etwas nicht gefällt, der soll das sachlich äußern oder direkt für sich behalten. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der man für seine Kleidung am CSD verurteilt wird – und auch nicht für die an anderen Tagen. Und je mehr mutige Leute solche Kleidung tragen, desto mehr unmutige Leute werden ermutigt, mal über sich herauszuwachsen und das zu tragen, was sie immer schon mal zeigen wollten. Und die Facebook-Diskussion zu meiner Kleidung zeigt mir, dass wenigstens meine Peergroup es genau so sieht.

Ich bin immer noch für Kostüme für das kommende Jahr offen.