Der Bundeskongress der Kurdischen Gemeinde Deutschland

Tobias Huch, Ali Ertan Toprak und Enno LenzeTobias Huch, Ali Ertan Toprak und Enno Lenze

Am Freitag lud die Kurdische Gemeinde Deutschland zu ihrem Bundeskongress ein. Ich wurde eingeladen, um zusammen mit Tobias Huch etwas über unsere gemeinsamen und einzelnen Reisen nach Kurdistan (Irak) zu erzählen.

Ich hatte eher ein kleines Event mit den üblichen Verdächtigen gedacht, wurde aber von einem großen und bunten Event positiv überrascht. Es gab traditionelle kurdische Musik und Redebeiträge von Politikern, Menschenrechtlern, Aktivisten und Wissenschaftlern. Bevor es los ging, gab ich noch Interviews zur Befreiung Shingals an den kurdischen Nachrichtensender Rudaw. Ich kenne einige Nachrichtenteams von Rudaw, da ich diese in Kurdistan an der Front und in Berlin bei Events traf. Hier bekommt man immer alle Nachrichten und den aktuelle Gossip aus der Region. Die Gespräche sind immer eine Mischung aus guten Informationen und lustigen Details, die man besser nicht vor der Kamera zum Besten gibt. Ich hatte meine kurdische Kleidung an, die mir Kaka Hama im Sommer geschenkt hat. Ich hatte mehr davon erwartet, aber die Kurden trugen alle europäische Kleidung. So wurde ich zum beliebten Fotomotiv.

Dr. Al Hussein (mitte) baut ein Krankenhaus für Kobane

Dr. Al Hussein (Mitte) unterstützt ein Krankenhaus für Kobane

Gerade die Redebeiträge auf solchen Events sind oft eine Mischung aus Eigenwerbung und Bauchpinselei des Veranstalters, weswegen ich meistens im Foyer Gespräche führe, statt den Beiträgen zu folgen. In diesem Fall konnte ich mich aber kaum weg von der Bühne wagen, weil ich immer Sorge hatte einen guten Beitrag zu verpassen. Da die Veranstalter mich in der ersten Reihe zwischen Siggi Martsch, ihrem Vorstand und Cem Özdemir platziert hatten, gab es auch beim Wechsel der Vortragenden keine langweiligen Sekunden.

Siggi kennt mich, seitdem ich ein kleines Kind bin. Er lud mich das erste Mal ein „sein“ Kurdistan kennen zu lernen. Saddam setzte einst eine Million Dollar Kopfgeld auf ihn aus, es gab sieben Attentate und eine Entführung, aber er ist nicht tot zu bekommen und macht immer noch gerne seinen Mund auf, um auf Missstände hinzuweisen.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von den bekannten kurdischen Musikerinnen Nure Dilovani (Violine), Pervin Cakar (Opernsängerin) und Naze Isxan (Klavier), was dem ganzen einen angenehmen und würdigen Rahme gab. Anschließend traten nach und nach die Redner und Gäste auf.

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Einen traurigen aber beeindrucken Vortrag hielt Prof. Dr. Dr. Ilhan Kizilhan, welcher missbrauchte jesidische Frauen und Mädchen nach Deutschland holt, um sie hier psychisch und physisch zu behandeln. Sie können bleiben, bis sie sich selber bereit fühlen, zurück zu kehren. Nicht nur, dass man das politisch verhandeln muss, man muss die Arbeit auch selber aushalten. Er legt mit seinem Vortrag den Finger in die klaffende Wunde „Shingal“ und sagt: „Shingal ist nur militärisch befreit. Aber wir haben noch genug Aufgaben vor uns: Wie sieht der Schutz der Minderheiten aus? Bekommen die Jesiden nach hunderten Jahren endlich die Rechte, die sie verdient haben?“.

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Armin Laschet (CDU) redet über die Ungleichbehandlung der Opfer des rechten und linken Terrorismus in Deutschland. Für die (meist christlichen) Opfer der R.A.F. Gemeindegottesdienste und große Solidaritätsveranstaltungen. Als nach Jahren der NSU aufflog, hat man erst mal geguckt, ob die oft muslimischen Opfer nicht selber Straftäter waren. Es ging soweit, dass in den Kinderzimmern der Opfer die Gardinen auf Drogenspuren untersucht wurden. Grotesk – aber wurde von der breiten Masse als total normal gesehen. Laschet sagt, dieses Verhalten sei einer Bundesrepublik Deutschland einfach nicht würdig.

Zur Flüchtlingskrise sagt er: Asyl ist kein Mittel der Einwanderung. Aber wer Asyl hat, muss ordentlich versorgt werden und mit einem Lächeln begrüßt werden. Zusätzlich benötigen wir ein Einwanderungsgesetz für die, die bleiben wollen.

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Dr. Herbert Schmalstieg, Oberbürgermeister von Hannover a.D. hat Flüchtlinge in Deutschland und in Kurdistan getroffen. Man merkt, wie ihn die „besorgten Bürger“ und die aktuelle Linie der türkischen Regierung erregt. „Der Weg der Türkei in die EU führt über Dyabakir“ sagte er. Er erklärt weiter, es sei „unanständig und unangemessen“ die Türkei als sicheres Drittland zu bezeichnen, so lange die Regierung einen Krieg gegen ihre eigene Bevölkerung führt. Er beendet seinen sehr emotionalen Vortrag mit einem Gedicht, welches mit „befreites Kurdistan, ich liebe dich“ endet. Ein jubelndes und stehendes Publikum verabschiedet ihn von der Bühne.

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Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der kurdischen Gemeinde Deutschland e.V. begrüßt Cem Özdemir (Grüne) und plaudert etwas aus dem Nähkästchen – nun kennen alle Anwesenden den Spitznamen von Cem. Cem begrüßt die Anwesenden auf kurdisch, arabisch und deutsch und beginnt in seiner Jugend in Deutschland. Er ging morgens zur deutschen und nachmittags zur türkischen Schule. Der Inhalt des Unterrichts war geringfügig anders. Zum Beispiel lernte er, wie siegreich das Osmanische Reich einen Krieg nach dem anderen gewann. Dabei fällt ihm auf, dass die Türkei auf der Karte immer weiter schrumpft. Er fragt nach, wie das Sieger-Land immer kleiner werden kann und erntet eine schallende Ohrfeige. „Kurden“ – so wusste er, existieren irgendwie. Erst später begann er heimlich die Texte des anwesenden Dr. Ismail Besikci zu lesen. Er bedankt sich persönlich dafür, da diese ihm sehr geholfen haben die Situation in seiner Heimat zu verstehen. Er kritisiert auch die Politik der Bundesregierung im Bezug auf die Türkei. Es könne nicht sein, dass man bei der aktuellen innenpolitischen Lage wieder über eine bevorzugte Partnerschaft mit der EU rede. Aber er sagt auch „Weder die PKK noch die türkische Armee kann den Krieg gewinnen. Die Waffen müssen dauerhaft ruhen

Tobias Huch (FDP) und ich werden auf der Bühne begrüßt und werden zu unserer ehrenamtlichen Berichterstattung und dem Engagement für Flüchtlinge in Kurdistan und hier befragt. Im Anschluss loben die anwesenden Politiker diesen Einsatz und versprechen, nun mehr meine Artikel zu lesen und uns zu unterstützen.

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Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) sagt: „Es war richtig, Waffen an die Kurden zu liefern“ und spricht über die politische Situation der Flüchtlinge. Wie so oft auf solchen Veranstaltungen: Die Politiker, die hier her kommen, sind sich einig. Sie müssen es nur innerhalb ihrer Parteien vertreten können.

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Rupert Neudeck, unter anderem bekannt durch Kap Anamour und die Grünhelme, ist auch in seinem Alter noch ein beeindruckender Redner. Er hat auf der ganzen Welt Menschen gerettet und Helfende und Hilfesuchende zusammengebracht. Er sagt, dass auch er als überzeugter Pazifist weiß, dass Waffen in Einzelfällen nötig sind, um gegen Terroristen vorzugehen. „Die Kurden sind die einzigen, die diese Terrorbande IS bekämpfen können!

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Dr. Ismail Besikci hat viel über die Kurden geforscht und geschrieben – leider in der Türkei. So sass er siebzehn Jahre im Gefängnis und schrieb doch immer weiter. Er ist der einzige Redner beim dem der Aufruf des Namens genügt, um das Publikum von den Sitzen zu erheben und in Jubeln, Rufen und Johlen ausbrechen zu lassen. Auf türkisch erklärt er historisch, warum die Kurden einen eigenen Staat brauchen. Der Vortrag wird mir von meinem Nachbar simultan übersetzt und ist beeindruckend. Plötzlich stehen zeitgleich einige Leute im Publikum mit ernster Mine auf und gehen schnellen Schrittes zum Ausgang – ich dachte zunächst an ein Personenschutzteam oder ähnliches. Im gleichen Moment hörte ich Tobias flüstern „Anschlag in Paris“ und mein Handy hörte nicht auf zu vibrieren; die kurze Nachricht: „PARIS, Frankreich: Terroristischer Anschlag. Geiselnahme Selbstmordattentat Amoklauf“. Ich ging auch raus, um mehr zu erfahren. Journalisten vor Ort hatten auch noch keine Information, eilten aber zum Stadion und konnten nur grob sagen „gut organisiert“. Im Laufe der Nacht erklärte man mir aus Sicherheitskreisen, dass Waffen, Ausrüstung, Profil der Attentäter sowie der Planungsstand und das Vorgehen an die Anschläge vom Januar erinnerten.

An ein Zurückkehren in den Saal war vorerst nicht zu denken, ich blieb also mit den anderen draußen und versuchte mehr zu erfahren. Die Gespräche drehten sich um Shingal, Kobane, den islamisierten Terror des IS und die Sicherheitslage in der Welt. Aus der Freudenfeier für den Sieg über Shingal war eine nachdenkliche bis trauernde Gruppe geworden.

Die Veranstaltung hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, weil ich viele spannende Menschen traf, mit denen ich noch lange in anderen Projekten arbeiten möchte.