Der Maßstab an sich und andere

Wir können die Welt nicht über Nacht ändern, aber das wollen einige Schreihälse offenbar nicht verstehen. Auch wenn die Diskussion um Julia Schramms Buch nun schon viele Tage anhält, so werden doch immer noch die gleichen Argumente wie am ersten Tag bedient. Und da setzt man für andere offenbar andere Maßstäbe an, als für sich selbst. (Und warum große Verlage für Autoren interessant sind habe ich hier mal erklärt).

Die Piraten treten für ein liberaleres Urheberrecht ein, vor Allem für eine sehr umfangreiches Recht an der nicht-kommerziellen Kopie. Und das finde ich gut. Als Verleger kann ich jedoch fast keinen Autoren bei mir dafür begeistern. Und die Bildarchive, die mir Bildrechte lizenzieren, schon gar nicht. Aber das hindert einen ja nicht daran auf die rückständigen Verlage zu schimpfen.

Der Knaus Verlag kam Julias Forderungen weit entgegen: nach 10 Jahren fallen die Rechte an sie zurück. Das ist unglaublich. Sie hat erreicht, dass private Filesharer nicht gleich kostenpflichtig eine Unterlassungserklärung abgeben sollen – das ist zumindest sehr gut. Der Verlag nähert sich, in kleinen Schritten, den Forderungen der Partei an, die in den Umfragen gerade mal ein paar Prozent der Wähler hinter sich hat. Doch diesen Erfolg wollen einige offenbar nicht sehen sondern treten drauf rum, wie es nur geht. Das ist wie wenn man auf dem Mars eine kleine Blume findet und erst mal mit dem Rover drüber fährt und schreit „Verdammte Scheiße! Ich wollte ne Oase und keine dämlich Blume!„.

Zum anderen gibt es ja viel mehr kreativen, immateriellen Output als Bücher und Filme. Fast jeder von uns schafft täglich irgendwelche Werke. Kaum jemand gibt die als CC heraus. Wer in einer Werbeagentur arbeitet wird seine Konzepte kaum kostenlos herausgeben, weil er dann gekündigt wird. Demjenigen zu sagen „Dann musst du halt einen anderen Vertrag verhandeln“ oder „bestimmt zahlt jemand dir freiwillig etwas dafür“ wird wohl kaum klappen. Ich habe viele Leute, die sich beschwert haben, gefragt, wie sie ihr Geld verdienen. Viele wollten es nicht sagen. Einer meinte ich würde ihm nur „einen Strick daraus drehen“ wollen. Nein, das will ich nicht. Ich will nur zeigen, dass man anderen keine Regeln aus einem Parteiprogramm als Lebensgrundlage vorschreiben kann, ohne sich selber daran zu halten. Geht mal zum jeweiligen Arbeitgeber und fragt, ob ihr den immateriellen Output kostenfrei ins Netz stellen dürft. Baupläne, Schulungen, Konzepte usw. Ihr werdet nicht weit kommen. Nicht weil die Leute schlechte Menschen sind, sondern weil der Umbau der Gesellschaft länger dauert.

Eine Gesellschaft, in der man für kostenfreie Dinge Geld bekommt wird eine harte Schule durchlaufen müssen. Erst müssen ein paar Unternehmen, die es versuchen, pleite gehen und keine Werke nachliefern. Dann stellt sich das Bewusstsein dafür ein, dann werden die Leute auch freiwillig mehr zahlen. Zu viele Leute in unserem Umfeld leben in einer Filterbubble in der alle das Internet benutzen, CC, Plegde, Flattr und so weiter kennen. Leute aus der Offlinewelt müssen als dies verstehen und verinnerlichen. Und alle Leute, die daran bisher verdienen werden Angst vor der Umstellung haben, wie so oft. Auch die muss man ihnen nehmen oder ihnen erklären, wie es weitergeht. Und sie nicht mit Mist bewerfen und beschimpfen.

Ich bin diese Diskussionen Leid. Ich Diskutiere mit keinen Leuten, die mich als Mafiosi titulieren, die mich Beschimpfen oder die mir irgend was anderes schlechtes unterstellen. Ich blocke sie bei Twitter und ich lache über sie im echten Leben und biete ihnen an eine gesittete Unterhaltung zu führen. Dann rufen sie oft „Zensur“ oder ähnliches. Das sind die Leute, die die Welt nicht nicht verändern werden. Das sind auch die Leute, die keinen positiven Beitrag zum Umbau der Gesellschaft Leisten.

Also lasst uns den Dialog zwischen denen führen, die unterschiedlicher Meinung sind, aber diskutieren können.

  • hans guck in die luft

    ohhh guter neuer Stoff für die http://popcornpiraten.de/ o/

    Liebe Grüße vom Struwwelpeter

    • enno

      Was ist das?

  • pinky0x51

    Hallo Enno,
    Ich habe die Diskussion um Julia und ihr Buch lange verfolgt, mich bisher aber als „neu-Pirat“ zurück gehalten. Ich glaube ich muss auch nicht extra erwähnen, dass viele Kritiker sicher deutlich über das Ziel hinaus geschossen sind. Zu deinem Blog will ich jetzt aber doch was schreiben. In vielem gebe ich dir recht. Ja, Julia hat ein paar bemerkenswerte Sachen für einen traditionellen Verlag heraus gehandelt (das hätte man viel besser Kommunizieren können/müssen). Und sich leben wir alle irgendwie in einer „Filter-Bubble“, da wir vieles als selbstverständlich (bekannt) voraussetzen was so in der Allgemeinheit nicht der Fall ist. Aber ich glaube das trifft fast auf jeden zu der sich tiefer mit einem Themenkomplex beschäftigt. Ich gebe dir auch recht, dass sicher viele unter uns Berufe nachgehen in denen sie auch Werke unter Bedingungen schaffen die nicht gerade „piratig“ sind.

    Wo ich aber widersprechen muss ist, dass du Julias Beruf nicht ganz mit dem der Masse vergleichen kannst. Als Autorin ist Julia nämlich selbstständig und hat damit viel mehr Einflussmöglichkeiten als der normale Arbeitgeber. Hier hätte ich mir erwartet, dass sie etwas progressiver vor geht. Neue Vertriebswege sucht, neue (oder in unserer Filterbubble vielleicht schon etablierte) Veröffentlichungsmethoden ausprobiert usw. Diese Möglichkeiten hat ein Angestellter einer Werbeagentur oder einer Softwarefirma nicht. Klar kann man auch hier hinterfragen warum man in Unternehmen X arbeiten und nicht in Unternehmen Y welches den persönliche Werten sehr viel mehr entspricht und diese Frage würde ich durchaus auch stellen. Aber im Fall von Julia hatte sie von Anfang an alle Möglichkeiten in der Hand um selbstständig zu entscheiden wie sie ihr Buch vermarktet und veröffentlicht. Da hätte ich von ihr persönlich einfach etwas mehr erwartet.

    • enno

      Hallo,

      ich glaube du überschätzt die Macht von neu-Autoren etwas. Dass sie überhaupt einen Vorschuß bekommen haben soll kann sie schon als Erfolg verbuchen. Große Forderungen stellen kann man da eher selten.

      Julia hätte es auch selber als PDF machen können. Ohne Korrektorat, ohne Lektorat, ohne Grafiker, ohne Satz, ohne Marketing, ohne Druck. Aber dann hätte sie die Zeit vermutlich mit anderem Geld verdienen verbracht und nicht mit diesem Buch.

      Und warum sollte sie besser da stehen, als ein anderer angestellter? Sie muss ja genau so verhandeln, wenn sie Geld will. Ei normaler Angestellter hat beim Vorstellungsgespräch etwa die selbe (eher weniger vorhandene) Macht. Du kannst dir ja etwa vorstellen, wie du bei einem Vorstellungsgespräch bei so etwas verhandeln würdest 😉

      Gruß, Enno

  • johnny nogo

    Was ich in Deinem Text nicht verstehe, ist die Gleichsetzung von Julia Schramm und Marina Weisband mit hauptberuflich tätigen Autoren. Insbesondere bei Marina Weisband hinkt diese Argumentation. Ihr Buchprojekt wäre vermutlich ohne ihre letztjähriges Engagement bei den Piraten wohl kaum zustande gekommen. Auch wird es ein Buch mit politischem Hintergrund. Ein Buch zu schreiben stand also nicht am Anfang, sondern entstand aus den Erfahrungen des vergangenen Jahres. Dies ist legitim und begrüßenswert.

    Wer aber zwingt Marina Weisband in die Problematik des heutigen Urheberrechts, einem der Kernthemen ihrer Partei? Im Zweifel nur sie selbst. Warum nicht einfach zuerst das Buch schreiben, online verfügbar machen und dann die Offline Vertriebsschiene aus dieser Position bedienen? Solche Beispiele gibt es ja schon. Es könnte auch den lebendigen Beweis erbringen, dass dieser Weg funktioniert. Also aus der kostenlosen Verfügbarkeit im Internet (was ja prinzipiell gewünscht wird) heraus paralell ein klassisch funktionierendes Wertschöpfungsmodell im Offline und auch im Online Bereich zu starten.

    Diesen Schritt kann man vielleicht nicht von einem hauptberuflichen Autor verlangen, aber von jemandem, der politisch motiviert ist, Mitglied einer Partei ist mit dem Anspruch der Neugestaltung des Urheberrechts und der allein erst durch seine politische Tätigkeit in die beneidenswerte Position einer vermutlich off- wie online nachgefragten Autorin gekommen ist, MUSS man eigentlich erwarten können, dass sie hier konsequenter den alternativen Weg geht, kreativ neue Wege zu gehen.

    Bei Julia Schramm muss man dies wohl differenzierter sehen, ihr persönliches Anliegen als Buchautorin Geld zu verdienen, davon also zu leben, war wohl schon immer ein Wunsch oder Vorhaben und hat sich wohl teilweise überschnitten mit ihrer politischen Tätigkeit. Deshalb ist der Umgang mit ihr auch in Teilen sehr unfair und nicht zu akzeptieren, unabhänig davon, wie man ihr Buch wertet.

    Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das Thema erstaunlich unkreativ angegangen wird. Auch im digitalen Bereich wird analog gedacht, statt mit neuen Ideen oder Konzepten die alten, unbrauchbaren Modelle zu kippen, arbeitet man sich mühselig an diesen alten Modellen ab und erreicht letztlich marginale Änderungen.

    Hier auch deshalb eine direkte Frage an Dich als Verleger, warum probierst Du nicht mit neuen Modellen, kreativen Ansätzen und noch nicht etablierten Autoren Dein Verleger Glück als Vorreiter?

    • enno

      Über Marina schreibe ich hier gar nicht. Und was von meinen bisherigen Sachen reichte dir nicht? Also du tust so, als hätte ich noch nie etwas anderes als die klassischen Verwertungsmodelle gemacht. Genau das kotzt mich immer wieder an, wie ich oben schon schreib 🙂

      • johnny nogo

        Mein Kommentar sollte kein persönlicher Angriff sein, meine das alles eigentlich neutral, zumal ich als Zaungast nicht im Detail Dein Wirken als Verleger beurteilen kann. Natürlich schreibst Du nicht über Marina Weisband, aber gerade an den Buchveröffentlichungen prominenter Piraten entzündet sich ja gerade diese teilweise unterirdirsche Diskussion, der ein undifferenziert bewerteter Anspruch der PP von Seiten der Öffentlichkeit gegenüber steht. Das hier nun alles und jedes vermengt wird und die falschen in die Rechtfertigung zwingt, wo keine verlangt wird, liegt wohl in der Natur der Sache.

        Also Gelassenheit 😉

        • enno

          Dann lies doch mal das Verlagsblog: Bücher verschenken, fair pay, kostenlose eBook, günstige eBooks, Bücher die aus teilen anderer stehen und verschenkt oder verlost werden, Auszüge oder kapitel vor-veröffentlichen, die Leser Fragen was sie haben wollen, Lesungen machen, Events machen, reisen Verlosen wenn man teile des Inhalts kennt usw.

          Aber immer viel (bezahlte) arbeit für wenig Erfolg.

          Und bei Autoren ist es schwer: Ich mache Bücher über Berlin, oft historisch. Bisher kam in dem Genre niemand zu mir, der von sich aus neue Ideen ausprobieren wollte. Ich biete es oft an, oft klappt es nicht.