Desinteresse statt Lügenpresse

Bild von Daniel R. BlumeBild von Daniel R. Blume

Ich bin oft in Kurdistan (Irak) und kenne den Kampf der Peschmerga gegen den IS aus nächster Nähe. Was ich darüber in den deutschen Medien sehe, lässt mich immer wieder verzweifeln. Doch damit nicht genug. Wenn man die Journalisten auf ihre Fehler hinweist, ist die Reaktion oft einfaches Desinteresse. Woher kommt das?

Dazu muss ich mal kurz erklären, wie so eine Zeitung heute zustande kommt. Zeitungen (online und offline) können sich durch ihre Verkäufe schon lange nicht mehr finanzieren. Sie sind auf die Werbekunden angewiesen. Diese erhält man, wenn man eine hohe Auflage erreicht. Eine hohe Auflage erreicht man mit den besten Artikeln. Daher ist die Bild die profitabelste Zeitung in Deutschland – sie machen einfach die besten Artikel. Bevor ihr nun Schnappatmung bekommt, lasst mich den Punkt erklären: Sie machen die besten Artikel – für ihre Werbekunden und ihre Zielgruppe. Sie erreichen eine hohe Auflage und nutzen die Artikel als Vehikel, um die Werbung zu verkaufen.

Andere Zeitungen haben andere Zielgruppen und arbeiten anders – oder besser: Sollten anders arbeiten. Was früher im Spiegel stand, war richtig und geprüft. Da musste man keine Sekunde auf eine eigene Recherche verschwenden. Bei F.A.Z. und Süddeutscher war es genau so. Inzwischen gibt es keine einzige Zeitung mehr, der ich blind trauen würde. Aber auch heute sollten z.B. Spiegel (Online), Focus (Online) und die anderen großen höchste Ansprüche an sich selber stellen. Einzelne Journalisten machen das nach wie vor, andere eben nicht. Da die Artikel jeweils unter einem Label erscheinen, ist die jeweilige Zeitung für den Nutzer ab einem bestimmten Moment einfach verbrannt. Dazu kommt der redaktionsinterne Kampf zwischen online und offline. Meist gibt es für beide Bereiche verschiedene Chefs, die einen Konkurrenzkampf untereinander haben.

Peschmerga in Shingal

Peschmerga blicken auf den Ort Shingal

Aber zurück zum konkreten Beispiel, dem Kampf gegen den IS. Damit kenne ich mich aus und daran messe ich sie alle. Ich habe die Flaggen des IS ohne Fernglas sehen können, stand unter Beschuss, habe die Opfer gesprochen und Einsätze begleitet. Dahin zu kommen ist ein langer Weg. Man muss sich vor Ort viel Vertrauen erarbeiten, man muss Zeit investieren, echtes Interesse haben und muss das Ganze psychisch und körperlich durchstehen. Bin ich also der geilste Journalist, der da rumläuft und alle anderen sind einfach zu doof? Sicher nicht. Ich spreche die Landessprache Sorani kaum, habe eigentlich zu wenig Zeit und muss ja in Berlin meinem normalen Job im Bunker nachgehen. Es gäbe also sicher Bessere – aber es ist kaum jemand da. Als ich das erste Mal von der Front zurück kam, fiel es mir richtig auf. Die Peschmerga werden als „Milizen“ bezeichnet, obwohl sie zu den Streitkräften des Irak gehören. Die PKK und die Peschmerga werden als „die Kurden“ zusammengefasst, obwohl sie sich nicht mal wirklich mögen und nur in seltensten Ausnahmefällen für wenige Stunden zusammen gekämpft haben. Die türkische Armee bildet seit Jahren die Peschmerga aus – das wiederum weiß scheinbar niemand. Bei TV-Beiträgen merken die Leute nicht mal, dass sie die YPG in Syrien mit den Peschmerga im Nord-Irak durcheinander werfen usw. und das ist nur der Anfang. Der Focus berichtete vor kurzem „Bagdad und Erbil stehen nicht mehr unter IS-Herrschaft“ – standen sie auch nie. Es dürfte auch nicht eine Quelle dafür geben und Tagesschau gucken würde reichen, um solche Fehler nicht zu machen.  Ich hatte es dem Focus damals mitgeteilt. Reaktion: Keine. Inzwischen wurde es wohl geändert. Oft höre ich dann „Aber wir hatten zwei Quellen für die Story!“ – das ist weiterhin gängig. Hat man zwei Quellen, muss die Story echt sein. Fertig. Dann kann man nämlich bequem vom Schreibtisch in Berlin über die ganze Welt schreiben. Auch wenn Augenzeugen es anders erzählen. Das ist ja nur eine Quelle. Man spart sich Reisekosten, die Gespräche vor Ort und ist pünktlich zum Abendessen wieder zu Hause. Und wer soll es merken? Die Leute stehen oft unter dem Druck eine gewisse Menge an Artikeln in einer bestimmten Zeit zu produzieren, die dann auch noch dem Leser gefallen müssen. Nirgends kenne ich eine echte Quote oder vergleichbares – aber wenn man nichts liefert, wird man wohl kaum dort bleiben. Also hat man einen gewissen Leistungsdruck.

Auch im persönlichen Gespräch mit Journalisten zu den Themen höre ich dann oft wahlweise „Die anderen machen es auch so“ oder – „Ja, keine Ahnung, ist mir aber auch egal“. Leider auch bei den Großen, den Öffentlichen und den Bekannten. Ich hatte vor kurzem über zwei Headlines berichtet, die so nicht stimmten. Bei der einen gab es sogar drei Quellen – leider drei mal die gleiche, wenn man genauer guckte.

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Enno Lenze im Gespräch mit Dr. Najmaldin Karim, Gouverneur von Kirkuk

Auch zur aktuellen Großoffensive auf Mossul gibt es viel Halbwissen. Geplant wurde das Ganze von der US-Armee zusammen mit den Peschmerga. Trainiert wurden die Leute vor Ort von der US-Armee, der türkischen Armee, der Bundeswehr und ein paar israelischen Ausbildern. Im Einsatz sind nun am Boden hunderte US-Marines und irakische Armee und auf Stand-By ein paar Kilometer weiter die Peschmerga und türkische Armee. Dazu Spezialeinheiten aus den USA, UK, Kanada und Australien. Headline in den Medien: „Irakische Armee starten Offensive auf Mossul“ – wieder aus einer Kombination von Desinteresse und Unwissenheit. Es ist also keine gezielte Lügenpresse, keine Kampagne oder so, sondern Zeitdruck und mangelndes Geld für die Reise. Mich kostet eine Woche vor Ort zwischen 2.000 und 5.000€ inklusive allem. Ich weiß nie, was ich zu sehen bekomme. Und ich kann mich im Land bis an die Front frei bewegen und bekomme sogar die Einsatzvideos der Peschmerga mit nach Hause. Jemand, der das erste Mal dort ist, müsste sich erst mal durcharbeiten. Heute seiner Redaktion 10.000€ auf gut Glück für so einen Trip aus den Rippen zu leiern, wird kaum noch gehen. Die Bild Zeitung ist recht spendabel. Sie hatten Claas Weinmann wochenlang nach Kurdistan (Irak) geschickt und Paul Ronzheimer ins IS umzingelte Kobane. Die anderen können es sich oft nicht leisten – und der Leser merkt es meistens eh nicht. Aber man könnte dem Leser viel mehr bieten. Wenn man vor Ort ist, sieht man erst die ganzen anderen Geschichten. Menschen sprechen einen auf der Straße an, man lernt andere Berichterstatter vor Ort kennen und man versteht die Zusammenhänge. Das passt dann in keinen kleinen Beitrag mehr, aber ist eben die ganze Geschichte.

Für mich hinterlässt das ganze ein ganz trauriges Bild. Wenn es bei „meinen“ Themen so desaströs aussieht, wie ist es dann woanders? Und der Wille, das zu bessern, ist nicht vorhanden. „Lügenpresse“ trifft es also weiterhin nicht, „Desintresse-Presse“ oft schon. Und das Problem, welches in einem generellen Misstrauen der Medien resultiert, ist zu 100% hausgemacht. Die Lösung wäre einfach.

Also fangt bitte wieder mit ordentlichen Recherchen an. In Kurdistan (Irak) helfe ich auch gerne! Meine Artikel zu der Gegend findet ihr hier.

Diesen Blogpost vorlesen – Eingesprochen von Bettina Winert