Deutschlandfunk über die Peschmerga

Vor kurzem brachte der Deutschlandfunk einen Bericht, welcher die Peschmerga (Armee der Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak) diskreditieren sollte. Ich war oft vor Ort und bin sehr verwundert über so wenige Fakten und so viel Hörensagen. Wer die Region nicht kennt, kann hier erst mal ein Grundwissen erlangen.

Auch die kurdische Nachrichtenagentur Rudaw findet den Artikel von Deutschlandfunk problematisch, sie zitieren dabei den Kurdistan Experten und Grünen-Politiker Siggi Martsch, den Bürgermeister von Erbil Nihad Salim Qoja sowie den FDP-Politiker Tobias Huch.

Ihre Punkte sind die gleichen wie meine: Der Autor kann kurdische und arabische Städte (Mosul) nicht auseinander halten und alle eigenen Beobachtungen decken sich nicht mit dem, was im Artikel beschrieben wird. Im Detail:

„Ethnische Säuberungen, Geheimgefängnisse, Folter, Mordversuche an Regimegegnern! “

Das gibt Aufmerksamkeit und klingt spannend, sollte man dann aber mit Fakten aus eigener Recherche vor Ort unterlegen. Das fehlt mir in diesem Artikel komplett.

Zerstörte Dörfer in der Ninive Provinz

Zerstörte Dörfer in der Ninive Provinz – Weder Kurden noch Araber können hier hin zurück kehren, weil nichts mehr steht.

„Die Peschmerga dort erzählten mir ganz offen: Sie hätten Haus für Haus eingerissen, um sicher zu sein, dass die arabischen Bewohner nicht mehr zurückkommen würden.“

Es gibt Gebiete im Nord-Irak in denen Saddam Araber ansiedeln wollte, um die Kurden zu vertreiben. Teile dieser Gebiete wurden im vergangenen Jahr von der ISIS übernommen, die irakische Armee floh. Später haben die Peschmerga dieses Gebiet von der ISIS übernommen – die irakische Armee schaffte es bisher nicht. Dort sollen die Peschmerga die Häuser oder ganze Dörfer gesprengt haben, damit die Araber nicht wieder kommen. Zum einen hätte man Journalisten Claas Weinmann fragen können. Er war als einziger Journalist bei der grossen Schlacht um diese Gebiete mit den Peschmerga unterwegs.
Ich war etwa drei Wochen später vor Ort und habe mir die Gegend zusammen mit dem FDP-Politiker Tobias Huch angesehen. Dort stand fast kein Haus mehr, alles war voller Krater. Bei einer zweistündigen Autofahrt sahen wir weit und breit nur ein paar Menschen an den Checkpoints – also waren auch keine Kurden in den Dörfern, wie behauptet. Zum anderen: Wenn es kaum Häuser gibt, warum sollte man die dann sprengen und sie nicht an Kurden verschenken? Und warum versorgt man die arabischen Flüchtlinge so aufwendig, statt sie abzuweisen? Rund eine Million Flüchtlinge aus dem Irak sowie eine Million aus Syrien sind derzeit in Kurdistan/Nord-Irak. Ich habe die Camps seit 2013 besucht. Immer habe ich (zehn)tausende arabische Flüchtlinge gesehen und viele gesprochen.

Vor Ort wurde mir eine ganz andere Geschichte erzählt: Viele Häuser wurden von der ISIS mit Sprengfallen versehen. Diese wurden aus der Ferne z.B. mit Granaten gesprengt. Dies betraf aber nicht nur arabisch, sondern auch kurdisch bewohnte Häuser.

„Zurückgekehrt nach der Vertreibung des IS waren aber nur die Kurden.“

Nein, in weiten Teilen ist einfach niemand. Auch die Kurden nicht.

„Grundsätzlich hat kein Araber im Augenblick die Möglichkeit, wieder in sein Heimatgebiet zurückzukehren“

Es gibt Gebiete in die kann man derzeit nicht zurück kehren. Es ist Krieg! Welche Überraschung! Teilweise gibt es gar keine Infrastruktur mehr, nicht mal befahrbare Strassen (siehe Titelbild). Da ist es egal, ob man Kurde oder Araber ist. Zum anderen wäre das wieder ziemlich unsinnig: Wenn man die Araber bei sich (in der sicheren Zone, in den Flüchtlingscamps) nicht haben will: Warum sollte man sie dann daran hindern zurück zu gehen?

„Vertreibung, ethnische, beziehungsweise ethnisch-religiöse Säuberungen“

Auch religiöse Säuberung kann ich nicht nachvollziehen. Das Parlament der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak hat Pflichtplätze für alle religiösen Minderheiten. In der Hauptstadt wohnen Sunniten, Schiiten, Juden, Asyrer, Christen und Jesiden nebeneinander. Der Tempel von Sherfedin im Shingal/Sindschar Gebirge wird von jesidischen Peschmerga verteidigt. Ich war bei diversen Gemeinden und habe mit ihnen gesprochen. Niemand hat Sorge vor einer ethnisch-religiösen Säuberung oder ähnlichem Blödsinn.

„Seit die Truppen des Islamischen Staates IS im Sommer 2014 überraschend das kurdische Mosul überrannten“

Mosul ist keine kurdische Stadt. Mosul war deutlich mehrheitlich arabisch. Es gab schon vor Jahren eine Entscheidung, dass Mosul, an der Grenze zwischen dem Irak und der Autonomen Region Kurdistan, zum Irak gehört. Bereits 2013 mussten wir einen Bogen drum fahren, weil ich nur ein kurdisches Visum hatte. Daher befreien die Peschmerga Mosul ja auch nicht. Dies soll die irakische Armee machen. Niemand möchte eine Stadt befreien, die er danach nicht haben möchte.

„De facto sind es inzwischen vor allem die mit der Türkei verfeindete und im Westen geächtete PKK und die syrischen Peschmerga, die effizient gegen den IS kämpfen.“

Yassir Kesim mit einem G36

Yassir Kesim mit einem G36

Um diesen Punkt selber zu prüfen, bin ich im vergangenen Sommer (fast) von der türkischen Grenzen bis zur iranischen Grenze die Front abgefahren. Nicht durchgehend, aber an vielen Stellen hin. Immer wieder bis in Sichtweite der ISIS. Auf der Seite waren keine PKK Checkpoints, Stützpunkte oder Kämpfer zu sehen. Als ich im Januar bis Shingal kam sahen wir einen YPG Stützpunkt. Soweit mir bekannt ist die YPG vor allem südlich und östlich von Shingal sowie teilweise südlich von Kirkuk. Da ich sie aber, bis auf das eine Mal, nie gesehen habe, kann ich es nicht mal sicher sagen.

Als im Dezember über 3.000qkm von der ISIS eingenommen wurden, waren das jedoch die Peschmerga. Die Front, die seit dem Beginn des Krieges dafür sorgt, dass die Autonome Region Kurdistan sicher ist, ist ebenfalls durchgehend von den Peschmerga besetzt. Und das ist nicht verwunderlich, da sie ja laut irakischer Verfassung genau das machen sollen und dafür bezahlt werden. Die YPG leistet in Syrien (Rojava) immer noch wahnsinnige Arbeit im Kampf gegen die ISIS, da sie mit zu wenig und zu alten Waffen auskommen müssen. Dass sie da nicht nebenbei noch den Irak retten, wundert einen auch nicht.

„Fraglich ist hingegen, was die Verbände militärisch nützen, die Deutschland ausbildet und mit Waffen versorgt.“

Im Januar wurde bereits berichtet, dass niemand wisse wo die Waffen der Bundeswehr seien und wie sei eingesetzt werden. Zusammen mit Tobias machte ich mich auf die Spur der Waffen. Kurz zusammengefasst: Wir brauchten keine 30 Minuten, bis wir die ersten hatten, die Liste der Standorte lag zur Einsicht für uns bereit, wir bekamen Kontakt zum Artillerie-General, der die MILAN-Raketenwerfer verteilt usw. Ich sprach mit der Bundeswehr darüber, die wussten das alles ebenfalls und lobte die gute, offene und transparente Zusammenarbeit mit den Peschmerga.

„die Barzanis bestimmen, ob überhaupt, zu welchen Konditionen und mit welchen Provisionen sie etwas vom Kuchen der Öleinnahmen weiterverteilen will“

Zum einen ist die Verteilung in einem Gesetzt im Irak geregelt und nicht in der Autonomen Region Kurdistan, zum anderen sind die Ölverträge zum grossen Teil öffentlich einsehbar.

„geheimes Gefängnis“

Es gibt immer wieder Berichte über geheime Gefängnisse die mal der eine mal der andere mal hier mal da betreibt. Ich habe mal versucht die Leute zu kontaktieren, die da gewesen sein sollen, um sie zu fragen, wie es da ausgesehen hat, wie lange sie dort hin gefahren sind usw. um das Gebiet einzugrenzen. Da ich nie in irgendeiner Form vom Berichten aus der Region abgehalten wurde,würde ich dem gerne nachgehen. Leider findet man zu all dem keine Angaben.

„Feudalfamilien“

Es wird auch immer wieder über die Barzanis und Talibanis geschrieben. Sie sind die beiden „Feudalfamilien“. Zum einen gibt es mehr grosse Clans und „Scheich“-Familien vor Ort. Aber sie sind das genaue Gegenteil von Feudalfamilien. Was der Deutschlandfunk verschweigt ist, wie gerade Barzani und Talibani so beliebt beim Volk wurden. Sie waren die beiden Peschmerga-Generäle, die gegen Saddam gekämpft haben. Ihre Familien genau so. Sie haben Waffen und humanitäre Hilfe besorgt und sich nach den Giftgasangriffen (das Giftgasprogramm war übrigens aus deutscher Produktion) gegen das Regime gestellt und die Teil-Autonomie unter Saddam verhandelt. Bei den Wahlen kam die Barzani-Partei PdK zwar auf den ersten, die Talibani-Partei PUK aber nur auf den dritten Platz. Dazwischen landete Gorran „the change movement“. Wie das in das Bild von Terror, Feudalherrschaft usw. passt, lässt der Deutschlandfunk auch offen.

Auch die Angriffe auf die Presse, die nie aufgeklärt wurden, werden thematisiert. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass kritische Journalisten angegriffen wurden. Die Frage ist nur von wem und warum? Dass die Parteien eigenständig ihre „Schlagertrupps“ schicken, halte ich für sehr aus der Luft gegriffen. Eher tippe ich auf „fanboys“, die das eigenständig machen. So etwas passiert aber auch in anderen Ländern der Welt – wie z.B. Deutschland.

„Es gibt von deutscher Seite nicht den geringsten Druck auf die kurdische Autonomieregierung, ihrer Verantwortung auch nachzukommen.“

Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Enno Lenze

Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Enno Lenze

Ich habe mit der Bundeswehr, dem Verteidigungsminsterium und dem Auswärtigen Amt gesprochen. Zuletzt mit Frank-Walter Steinmeier selber. Bei allen hatte ich mitbekommen, wie man seit Jahren mit der Autonomen Region Kurdistan verhandelt und erst jetzt Waffen geliefert hat – kontrolliert von der Zentralregierung in Bagdad. Vor Ort bekomme ich mit, wie eng der Kontakt zur Bundesregierung ist und wie eng man sich abstimmt.

 

 

Ich verstehe nicht, wieso der Deutschlandfunk so eine Hetzkampagne fährt oder was man sich davon verspricht. Aber sie würden gut daran tun, mal ein paar Wochen Journalisten vor Ort zu schicken und die Region kennen zu lernen. Soweit mir bekannt hat das ausser der Bild kein deutsches Medium gemacht, was auch wieder sehr schade ist.

Ich bin in der kommenden Woche erneut bei den Peschmerga und berichte während der Reise auf Facebook und Twitter, später auch in diesem Blog.

  • ich glaube nicht, dass es der Deutschlandfunk per se ist, der da hetzt, sondern da exisitieren garantiert irgendwelche Seilschaften, Freunschaftliche Verknüfpungen o.ä. und der verantwortliche Redakteur lässt sich von politischen Gefälligkeiten leiten….

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  • Martin

    Hetze habe ich im dlf Artikel nicht lesen können.
    Er hat halt Zweifel und verfügt nicht über dein Wissen.
    Du hast einige Ungenauigkeiten erklären können, sowie alternative/bessere Erklärungen gegeben was dort passiert.

    Aus der ganz weiten Sicht sind da trotzdem mächtige Familien die das Ölgeschäft verwalten und die die Befehlshaber des Militärs waren (sind?).
    Im Zweifel ist das alles aktuell nicht schlimm, besonders angesichts des Chaos indem sie sich befinden. Im Zweifel haben die beiden Clans ihre Position verdient.

    Im Zweifel stimmen aber auch die Informationen das Truppenteile den Parteien dienen und das Druck auf Journalisten ausgeübt wird.
    Da wo Geld durchgeht gibt’s Kriminalität und die Kurden werden da nicht anders sein als hier.
    Und wie hier wird versucht werden missliebige Informationen zu unterdrücken. Dort halt mit den Druckmitteln die dort zur Verfügung stehen.

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