Die Basis sieht das anders

Ich habe mich, seitdem ich klein war, für Politik interessiert. Ich habe den Konflikt um Ethnien und Land nah erlebt und musste meine geliebte Heimat Ruanda verlassen und mich von meinen Eltern in ein Land verschleppen lassen, welches ich nur vom Einband meines Passes kannte. Deutschland war kalt, voller Straßen und komischer Menschen.

Aber hier gab es keine solchen Konflikte, keine Kriege, keine echten Existenzängste. Es gibt eine echte Demokratie mit all seinen Vor- und Nachteilen. Durch meine Eltern hatte ich viel mit Politik zu tun und bin ihnen dafür sehr dankbar. Konflikte wurden bei uns ausdiskutiert, Andersdenkende akzeptiert. Jedem seine Meinung – auch wenn er ein Dummkopf ist. Dennoch konnte ich mich nie für eine Partei oder deren Jugendorganisationen begeistern. Ein Satz, der mir immer missfiel, war: „Die Basis sieht das anders“. Die Partei macht Mist, aber wenn man mit einem Mitglied redet, sieht es das anders und bügelt die Argumente ab.

Wenn man einem Parteitag oder einer Sitzung folgen will, hört man Dinge wie „Wir stimmen ab über Antrag 08/15. Dafür? Dagegen? Enthaltung? OK, nächster Punkt!“. Da kann man nicht partizipieren. Will man etwas wissen, heißt es „steht im Parteiprogramm„. Dazu Leute, die sich selbst darstellen, und Groupies, die ihnen hinterher laufen.

Dann gibt es noch die Seilschaften, die sich im Hinterzimmer treffen, von Unternehmen gesponsortes Catering essen und die Weltherrschaft planen.

Doch am Horizont klärten die Wolken auf, als die Piratenpartei erschien. Ich habe immer Spaß an unterschätzen Gruppierungen gehabt, die irgendwann ihren großen Auftritt haben. So trat ich bereits 2009 in die Piratenpartei ein, las viel, war aber wenig aktiv. Zu der Zeit führte ich noch die 3Gstore.de GmbH, welche einfach zu viel Zeit fraß. Im letzten Jahr wurde ich endlich aktiv. Erst wenig, dann immer mehr. Und ich merkte, dass es nicht nur ein spannender Hack des bestehenden Systems ist, sondern dass dort auch viele nette Leute herumlaufen. Inzwischen gibt es viele gute Freundschaften. Wir gehen zusammen zu den öffentlichen Abenden, haben eine Crew gegründet, haben Spaß auf dem Bundesparteitag. Man bekommt mit, wie die Partei funktioniert, wer in welchen thematischen Bereichen aktiv ist und wird Teil des Ganzen.

Und das bekommen die Freunde mit. Man hat weniger Zeit, schleppt sie mit auf Parteiabende, um sie mal zu sehen, und redet mit ihnen über Politik. Man macht sich Gedanken dazu, wie man die Politik verbessern kann. Liest Gesetze, guckt sich Finanzpläne an, sucht Leute, die die gleichen Themen interessieren, schreibt Anträge, zeigt sie Bekannten zum Gegenlesen. Man stellt anderen Parteimitgliedern das Konzept vor, engagiert sich in Arbeitsgemeinschaften und bekommt eine Peergroup in der Peergroup, in der man sich organisiert. Dann kommen von Außenstehenden Fragen wie: „Der Bundesvorsitzende hat aber im Interview gesagt… Wie wollt ihr das umsetzen?“ – Ja, keine Ahnung. Ich habe das Interview nicht gelesen, was interessiert mich der Vorsitzende. Die Basis sieht das eh anders, wir arbeiten da ja gerade an einem Paper.

Durch das Engagement in der Partei wird der Zeitplan immer enger, man trifft sich mit anderen Mitgliedern bei ihnen zu Hause. Gut, wenn Weihnachtszeit ist und man Sekt von Lieferanten geschenkt bekommt, denn dann gibt’s auch noch was zu saufen.

Und irgendwann überlegt man: Wir sitzen da mit ein paar Leute nicht öffentlich rum und trinken Sekt, den uns ein Unternehmen geschenkt hat. Ist das nun eine Seilschaft? Nein, wir sind halt Freunde und sitzen rum. Ist das eine Einflussnahme des Sektspenders? Nein, der weiß ja gar nicht, wo die Flasche ist. Aber was ist es nun!? Privat oder Partei? Sekt trinken oder Bestechung? An sich ist das Beispiel trivial. Wir sitzen halt mit Freunden rum und reden über das gemeinsame Thema. Mit anderen Freunden habe ich so Abende zum Thema Motorrad oder Computer. Aber wo ist die Grenze? Über was kann man reden? Und was hat der Vorstand da wieder getwittert!?

Angekommen auf dem Parteitag werden dann die Themen behandelt. Antrag 263, oder den Schwesternantrag? Also schon mal die Finger an die Abstimmungskarte. Wir (meine Crew und ich) hatten uns in einer Nachtschicht alle wichtigen Anträge angeguckt, Argumente ausgetauscht, Meinungsbilder eingeholt. Wir sind gut vorbereitet! Dann kommen die Redebeiträge. Nachfragen. Wir haben 560 Anträge abzustimmen und es sitzen Leute rum, die sich nicht vorbereitet haben und fragen, was nun die Abstimmung zum Thema hat. Steht doch im Antragsbuch! Hat er nicht bei, man wird wahnsinnig. Aber hatte ich die Situation nicht auch vor Jahren? Da saß ich bei so manchem Parteievent auf der anderen Seite und fand es genau so blöd.

Und dann denkt man sich: „Oh noez! Ich sage die gleichen Dinge, die ich einst verfluchte„. Aber es stimmt doch. Und man trifft Freunde, die einem das gleiche sagen, was man noch vor Jahren den Jusos oder Jungliberalen des Freundeskreises selber sagte. Das ist wirr, aber das ist vermutlich wie mit so vielem: Man entwickelt sich weiter, sieht die Dinge anders und wie immer versteht man Dinge besser, wenn man sie von innen gesehen hat. Und die Piratenpartei ist nunmal cool.

Und ich sehe, dass es hier immer noch besser läuft, als damals in Ruanda. Wir haben Shitstorms auf den Maillisten, diskutieren bis in die Nacht und schreiben Anträge. Und das ist gut. Niemand schießt aufeinander, niemand muss wegrennen, niemand leidet Hunger. Wir leben in einem guten System, wir müssen es nur an einigen Stellen verbessern.

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  • Darum ist es wichtig, dass die Partei offen bleibt. „Teilhabe“ muss für jeden schnell und einfach möglich sein. Und wir dürfen uns nicht intern einigeln.

    Ein paar Punkte:

    Plattformneutralität
    Infrastrukturen, technische wie gesellschaftliche, müssen für alle gleichermaßen nutzbar sein. Die Hürden für ihre Nutzung müssen niedrig sein, ihre Funktion muss offen zugänglich und allgemeinverständlich dokumentiert sein.

    Teilhabe an der Gestaltung
    Jedes Mitglied der Gemeinschaft muss die gleichen Möglichkeiten haben, die Gemeinschaft mitzugestalten.

    Formbarkeit
    Es ist notwendig, dass die Strukturen der Gemeinschaft nicht erstarren, sondern formbar bleiben. Nur so können die Mitglieder der Gemeinschaft mit gestalten, nur so kann sich die Gemeinschaft weiterentwickeln.

    Offenheit nach außen
    Die Gemeinschaft und jedes ihrer Mitglieder muss es Außenstehenden einfach machen, Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Eine Gemeinschaft darf sich nicht zu stark nach außen abgrenzen. Eine Gemeinschaft muss Impulse von außen aufnehmen. Kommunikationsfreiheit und Informationsfreiheit dürfen nicht durch die Grenze der Gemeinschaft beschränkt werden. Gemeinschaft muss immer auch global gedacht werden als Gemeinschaft aller Menschen.

    http://live.piratenpartei.de/blog/wie-piraten-vielleicht-mensch-und-gesellschaft-verstehen