Ich weiß, was es bedeuted diskriminiert zu werden. Ich bin als Weißer in Ruanda aufgewachsen und war einfach immer „anders“. Ich erinnere mich auch daran, dass man als „Weißer“ auf dem Markt mehr bezahlen musste als als Einheimischer. In der Schule war ich der, der im Busch ohne Zivilisation bei den Menschenfressern aufgewachsen war. Den sozialen Status konnte man an meiner Kleidung sehen. In einer kinderreichen geschiedenen Familie, die von Sozialhilfe in einem sozialen Brennpunkt (Hustadt, Bochum) lebt, hat man wenige Vorteile im Leben. Später wurde ich immer wieder für schwul gehalten, weil ich gerne Röcke und Plateaustiefel trug und mir die Fingernägel lackieren ließ. „Schwul“ ist dabei natürlich etwas ekelhaftes, negatives, perverses.
Ich kenne also die Diskriminierung, die man hinnehmen soll, weil man sich ja nur anstellt. Und auch heute begegnet sie mir immer wieder, wenn auch auf anderen Ebenen. In meiner Partei, den Piraten, werde ich aufgrund meines Jobs oft als Mitglied der organisierten Kriminalität betitelt, denn als Verleger gehöre ich zur „Contentmafia“. Ich werde also auf eine Stufe mit Menschenhändlern, Zwangsprostitution und Waffenhandel gestellt. Wenn ich mich beschwere, heißt es: „Ach, stell dich nicht so an, das sagt man halt so“. Ich weiß nicht, wo man das „so sagt“, ich finde das sehr diskriminierend.
Und ich kenne auch die nicht böse gemeinte Diskriminierung. Wenn ich auf dem Christopher Street Day für meine Heterosexualität bemitleidet werde, wenn man sich über mein Betriebssystem oder meinen Handyhersteller lustig macht. Und das finde ich (meistens zumindest) gut. Ich mag Humor und ich mag Sarkasmus. Beim Rettungsdienst war es das, was die Leute vom Wahnsinn abgehalten hat. Wenn jemand die Linie überschreitet und mich ernsthaft diskriminiert, obwohl er mich nur necken wollte, dann sage ich das. Aber ohne ausfallend zu werden, das kann mal passieren. Mir ja auch.
Nun zur Diskussion um den 29. Chaos Communication Congress. Ein Thema bestimmte den diesjährigen Congress wie kein anderes: ein Kartensystem in Ampelfarben und die Leute, die es mitbrachten. Jeder sollte eine rote, gelbe und grüne Karte erhalten. Diese konnte man anderen geben, um ihnen mitzuteilen, dass man ihre Haltung mag oder sich von ihr diskriminiert fühlt. Das System stammt von der US Hackerkonferenz Defcon und nennt sich „creeper card“.
Ich komme seit 1997 zum Congress und sehe selten Vorträge, lese kein Programm, gucke mir nicht im Detail an, welche Gruppen dort sind. Ich möchte Leute treffen und Spaß haben. Und ich mag den sarkastischen Umgang miteinander. Viele Leute dort sind klassische Diskriminierbare: Dick, komisch, nicht der Norm entsprechend, homosexuell usw. Irgendwie die, die in der Schule Außenseiter waren oder zumindest gewesen sein könnten. Diese machen sich oft (zumindest in meiner Peergroup dort) über einander lustig. Das mag ich. Andere könnten solche Äußerungen als Diskriminierung auffassen. Nun ist die Frage: Unterhält sich jeder parallel, wie er mag, oder versucht einer, dem anderen sein Kommunikationssystem (oder wie man es nennen mag, man möge dieses Wort aus Ermangelung eines besseren nicht auf die Goldwaage legen) aufzudrücken. Dem etablierten, vorherrschenden, sarkastischen System ist man zwangsläufig ausgesetzt, wenn man dort ist.
Nun kamen Leute dazu, die sagen „hey, das passt uns nicht“ – was ja auch ok ist, was aber in den Details zu Reibungen führte. Vor allem stört mich die schlechte Kommunikation um die Karten. Es gab wohl z.B. ein „Policytreffen“, an dem allerdings nur wenige Leute teilnahmen, was oft kritisiert wurde. Von diesem Policytreffen las ich heute das erste Mal und weiß auch nicht wirklich, worum es da ging. Auch wenn ich davon gewusst hätte, wäre ich kaum hingegangen. Warum auch? Ich will dort Freunde treffen und Spaß haben. Wer zum Congress gehen will, um Policytreffen zu machen, kann das ja auch gerne. Aber ich sehe mich nicht in der Pflicht, dem nachzukommen. Genau so wenig wie man dort zum Löt-Grundkurs muss oder einen Cocktail trinken.
Den Creeper Cards selber stehe ich recht neutral gegenüber: Wer meint, sie benutzen zu wollen, kann das ja gerne tun – und wer das nicht will, lässt es halt. Ich habe sie kennengelernt, weil Leute im Kreis standen und sich einen Spaß daraus machten, sich reihum wegen irgendwelcher Sprüche Karten gaben, deren Sinn in gewohnt sarkastischer Manier völlig zu verdrehen oder sich über angebliche Diskriminierung oder Anti-Diskriminierung lustig machten. Das war etwa 99% der Reaktionen, die ich auf die Karten mitbekam, zusammen mit einer zunehmenden Genervtheit. Eine Diskussion ist also durchaus angeregt worden, wenn auch bei weitem nicht auf dem gewünschten Level.
Auf die Frage, was die Karten denn sollen, wusste niemand so richtig eine Antwort. Anruf beim Awareness-Team (bei dem mn sich im Falle von Diskriminierung melden sollte) und beim Infodesk brachten Antworten wie „Hat jemand mitgebracht, keine Ahnung“. Bei der Flauscheria (einer Gruppe, die vor Ort ein paar Tische hatte und wohl im Verbindung mit den Karten stand) sagte man mir, es ginge um Sexismus, sei ja aber hinlänglich bekannt und solle ich im Wiki lesen oder die Leute fragen, die das genauer machen. Wer diese Leute (also im Sinne von natürlichen Personen) waren, konnte man mir dort auch nicht sagen. Also war es mir dann auch relativ egal. Es gibt rund 50 Projekte auf dem Congress; wer keine Informationen zu seinem aushängen oder liegen hat, wird halt nicht weiter beachtet. Aber ich denke man ist als Mitbringer in der Bringschuld, so etwas sinnvoll einzuführen. Auch war auf den Karten keinerlei Hinweis, mit wem man darüber reden soll, wenn man Fragen hat.
Am Ende geht es ja aber eigentlich um die Diskriminierten. Wer fühlt sich warum diskriminiert und was können wir dagegen tun? Dass diese Frage immer und immer wieder behandelt werden muss, ist aber auch jedem klar, denke ich. Auch in meiner weiten Peergroup gab es auf dem Congress (auch in den letzten 15 Jahren) keine Zweifel daran. Also wollte ich wissen, was für Fälle da konkret auflaufen. Geht es vornehmlich um Sexismus, um Femdenfeindlichkeit, um Sprache oder Handlungen? Wie soll ich mitbekommen, ob ich jemanden versehentlich diskriminiere, wenn ich die Fälle, um die es geht, nicht kenne? Mit Twena von den Haecksen (vereinfacht gesagt der „Frauengruppe“ innerhalb des CCC) habe ich schon vor 2000 wilde Diskussionen geführt. Aber wir führten sie live und lange, und am Ende habe ich verstanden, was sie will. Es tut mir im Nachhinein immer noch leid, dass ich sie Richtung Wahnsinn trieb, aber es hat auch mir viel gebracht.
Auf diesem Congress und auch danach konnte mir niemand einen einzigen konkreten Fall nennen – abgesehen von den Karten, die beim Hacker Jeopardy gegeben wurden. Ich gehe nicht davon aus, dass es keinen gab, da ja mindestens zwei Leute vom Congress flogen. Aber warum genau? Und was waren die Fälle, für die man (ernsthaft) eine Karte bekam? Ich bekam Antworten wie „Das weiß ja wohl jeder“ oder ich solle man nach Defcon11 googlen. Die Defcon-Fälle kenne ich, aber ich fragte ja nach dem 29C3. Wenn es ein so wichtiges Thema ist, warum gibt es dann keinen Link, den man den Fragenden zuwerfen kann?
Zum anderen habe ich keine Ahnung, wer mir die Karte aus Spaß gab und wer, weil er/sie sich diskriminiert fühlte. Ich hatte am Ende fast 40 Karten mit unterschiedlichen Farben. Eine rote, weil ich aufgrund einer Verletzung humpele und somit zu langsam lief. Ich vermute, die war nicht ernst gemeint.
Wenn nun aber so viele Leute ein neues System nicht annehmen, dann kann man entweder darauf schimpfen, wie doof die alle sind, oder man kann sich überlegen, ob bei der Einführung des Systems Fehler gemacht wurden. Die Leute, die ich im Congress-Umfeld kenne, sind weder doof noch diskriminieren sie absichtlich. Sie sind eher sehr freundlich, aber haben oft den eingangs beschriebenen komischen Humor, der bei Neulingen nicht immer so ankommt.
Was mich massiv ärgert ist, dass einzelne den Eindruck entstehen lassen, eine Frau könne sich kaum auf den Congress trauen. Ich kenne haufenweise Frauen da (nicht zuletzt meine Freundin, diverse Engel und Erzengel sowie Mitglieder der Projektleitung), die sich ziemlich vorgeführt vorkommen. Sie stellen dort ehrenamtlich ein tolles Event auf die Beine und bekommen dann gesagt: „Aber als Frau kann man da nicht hin!“. Das ist einfach falsch. Jede Frau kann dort sicher hin. Die Frage ist, ob man mit den Leuten vor Ort klar kommt und ob man das Event mag. Und das ist eine ganz generelle Frage, unabhängig von diesem Event und von dem eigenen Geschlecht. Ich gehe auch auf viele Events nicht, weil mir die Leute vor Ort nicht gefallen oder weil sie meinen Berufsstand diskriminieren oder weil ich die Location nicht mag. Dennoch würde ich da niemandem unterstellen, dass die Leute mich aktiv ausgrenzen oder es unsicher für mich ist. Es gibt bei 6 Milliarden Menschen auf der Welt einfach viele unterschiedliche Menschen und Interessen, und das kann man nicht immer nivellieren.
Ich kann wie immer nur raten, sich von allem selber ein Bild zu machen – aber bitte aus Primärquellen. Geschichte wird vom Sieger geschrieben und auch dieser Blogpost ist subjektiv. Kommt zum Congress oder im Sommer zum OHM 2013 Camp, guckt euch die Leute an und macht euch selber eine Meinung.
Update:
Da mir nun gesagt wurde, dass aus diesem Blogpost nicht hervor geht ob ich für oder gegen Diskriminierung bin: Ich bin gegen Diskriminierung jeglicher Form.

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