Drei Flüchtlinge, drei Geschichten

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Er lebte in Damaskus in einem eigenen Haus mit seiner Frau und den Kindern. Jeden Tag ging er zur Arbeit. Er hat Marmor verarbeitet und ein ganz gutes Leben gehabt. Das Leben unter dem Diktator Assad war nie wirklich gut, aber man konnte sich damit arrangieren. Man durfte nicht auffallen und nichts kritisieren, dann ging es.

Als er an einem dieser Tage mit dem Auto auf dem Heimweg war, kam er in eine Verkehrskontrolle. Die gibt es dort andauernd, nichts besonderes. Als er anhielt, wurde er aus dem Auto gezogen, gefesselt und mit zur Wache genommen. Dort schmissen Sie ihn in eine Zelle und schlugen zum Spaß auf ihn ein. Mit Händen, Schlagstöcken, Eisenrohren. Als ihnen das zu langweilig wurde, nahmen sie ihn mit zu einem improvisierten Galgen und hingen ihn auf. Er wurde dreizehn Stunden lang gefoltert, bis ihn Freunde frei kaufen konnten. Er stimmte zu, dass er einen Fehler gemacht hat und er keine Ansprüche gegen die Polizisten geltend machen möchte. Sollte also jemals das Regime dort zusammenbrechen, kann jeder Polizist nachweisen, dass er nie etwas falsch gemacht hat.

Er zeigt mir ein Handy-Video, welches er nach seinem Freikauf aufgenommen hat. Nur in Unterhose bekleidet sieht man, wie alle anderen Stellen des Körpers aus großen violetten bis schwarzen Flecken bestehen. Seine Familie entschloss sich sofort zu fliehen, bevor jemand getötet wird. Er gab seinen Job auf, sein Haus, fast alles Hab und Gut. Sie fuhren nach Nord-Osten zur Grenze zur Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak. Die letzten fünfzehn Kilometer mussten sie durch die Nacht laufen. Im Morgengrauen kamen sie an der Grenze bei den Peschmerga an. Diese brachten sie in eines der Erstaufnahmelager, in denen sie registriert und notdürftig versorgt wurden.

Das wars. Nie wieder zurück in die Heimat, alles verloren, kein Pass mehr. Das Ende des normalen Lebens mit Job, Haus, Auto, normaler Familie. Ab jetzt nur noch ein Flüchtling unter vielen, der nicht weiß, wo er leben soll.

Sie kamen in ein Camp im Osten der Autonomen Region Kurdistan, ca 30km von Halabja, nahe der iranischen Grenze. Nach drei Jahren hier hat er die Hoffnung auf ein normales Leben aufgegeben. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs in den umliegenden Orten durch und freut sich, nicht mehr im Zelt leben zu müssen. Inzwischen werden kleine Häuser (ähnlich wie Schrebergarten) gebaut, in denen sie leben können. Seinen Kindern wollte er immer mehr bieten, als das was er hatte. Nun ist er froh, wenn sie einfach nur überleben und in Frieden aufwachsen.

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Als die ISIS am 03.08.2014 den Ort Shingal (auch Sindschar, Sinjar) und das Gebirge überfielen, wollten sie die religiöse Minderheit der Jesiden auslöschen. Die Jesiden wohnen hier seit Jahrtausenden. Weder missionieren sie noch führen sie Kriege noch tun sie irgend einem Nachbarn was. Sie leben hier einfach. Auf einem Stück Erde, was sonst niemand je wirklich haben wollte. Sie sind friedfertig, haben keine Armee, können sich nicht wehren. Shingal gehörte zum Irak. Als die Isis in die Gegend kam, floh die Armee. Die Peschmerga (die Armee der Autonomen Region Kurdistan) sicherten mehrere tausend Quadratkilometer des Irak ohne Auftrag oder Unterstützung der Zentralregierung in Bagdad. Der Zentralregierung war es schlichtweg egal, was hier auf einer Fläche, so groß wie das Saarland, passiert. Die Peschmerga konnten das Gelände überwachen, nicht aber gegen einen großen ISIS Angriff halten. Es folgte die militärisch verständliche aber menschlich fatale Entscheidung, einen großen Teil der Soldaten zurück zu ziehen, bis man stärker zurück schlagen kann.
Die Jesiden wurden bei fünfzig Grad Tageshöchsttemperatur in das Gebirge getrieben. Auf dem Berg gibt es kein Wasser und keinen Schatten. Es gibt zwei Straßen um hoch zu kommen. Eine im Norden, eine im Süden. Die ISIS hatte das Gebirge umstellt, mit dem Mut der Verzweiflung stellten sich alle, die noch schießen konnten, dagegen. Die verbliebenen Peschmerga kämpften auf verlorenem Posten. Zehntausende Jesiden wurden von der ISIS abgeschlachtet oder verdursteten. Tausende Frauen und Kinder wurden verschleppt und versklavt und sind heute noch in den Händen der ISIS.

Aus Richtung Syrien kam die (kurdische) Volksbefreiungseinheit YPG zur Hilfe, griff die Isis quasi von hinten an und konnte in den folgenden Tagen einen Fluchtkorridor vom Berg nach Rojava, den kurdischen Teil Syriens, frei kämpfen.

So kamen viele Leute zunächst nach Rojava, mussten dann aber sehen, wie es weiter geht. Über die Türkei? In die Autonome Region Kurdistan im Nord-Irak? In Rojava (Syrien) bleiben? Oder zurück nach Hause. Der Jeside, mit dem ich spreche, entschied sich für die Autonome Region Kurdistan, da diese am dichtesten an der Heimat lag und friedlich war. Er kam zusammen mit hunderten anderen Jesiden zunächst in ein Auffanglager und kam dann in ein permanentes Lager. Hier wohnt er zusammen mit arabischen Moslems und kurdischen Moslems aus dem Irak und Syrien. Ein großer Teil seiner Familie wird vermisst, viele seiner Freunde sind tot. Zurück will er erst, wenn Shingal komplett sicher ist. Es sind schon genug Menschen gestorben.

Er ist der einzige Jeside, der offen mit mir sprechen möchte. Die anderen sind sehr freundlich, sagen aber ihre Geschichte sei einfach die gleiche. Es war der 74. Genozid an den Jesiden. Dass man diese zählt, sagt eigentlich alles über die traurige Geschichte dieser Religion.

Zum Verlauf der Ereignisse des 03.08.2014 kursieren viele, oft widersprüchliche, Versionen. Diese ist mir von den jesidischen Kämpfern in Shingal so berichtet und von den Peschmerga bestätigt worden.

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Die Dame spricht mich im Camp Domiz an. Nahe der Stadt Dohuk leben alleine in diesem Camp rund 80.000 Menschen. Ich war in den vergangene Jahren mehrfach hier, sehe wie es wächst. Sie lädt uns in ihr Haus ein und möchte ihre Geschichte erzählen. Sie lebten als Kurden unter Assad in Syrien. Immer diskriminiert und gedemütigt. Ihr jüngerer Sohn war Journalist, der ältere studierte Englisch und Geschichte. Er übersetzt und erklärt uns die Details.

Ihr jüngerer Sohn verfasste einen Regime-kritischen Artikel. Er wurde zu Hause abgeholt und zu Tode gefoltert. Sie erlitt daraufhin einen Herzinfarkt und wollte mit den anderen fliehen. Sie ließen alles zurück, was sie nicht tragen konnten und fuhren per Anhalter Richtung Grenze zur Autonomen Region Kurdistan. Sie wurden dabei immer wieder von Assads Soldaten attackiert und gejagt. Nicht einmal wenn man alles verloren hat und flieht, wird man in Ruhe gelassen. Von der Grenze wurden sie ins Camp Domiz geleitet, welches sowohl Auffanglager als auch permanentes Camp ist. Sie hat ihr Haus, die Einrichtung und alle Erinnerungsstücke aus ihrem Leben verloren. Ihr älterer Sohn hat den Studienplatz verloren, ersucht hier weiter zu lernen und den Anschluss nicht komplett zu verlieren. Auch sie wollen zurück, sobald es geht. Als wir gehen wollen, zeigt sie uns noch ihren Arztbericht und fragt, ob wir helfen können. Sie muss dringen operiert werden, ihre Lebenserwartung liegt noch bei wenigen Wochen. Im Camp können komplizierte medizinische Eingriffe nicht vorgenommen werden. Auch die umliegenden Krankenhäuser können nur akute Verletzungen versorgen.
So Momente sind immer schwer. Wir sagen ihr, dass wir unser Bestes versuchen, aber vermutlich nicht helfen können. Mit falschen Hoffnungen hilft man auch niemandem weiter.

Die Autonome Region Kurdistan versorgt derzeit rund zwei Millionen Flüchtlinge bei knapp fünf Millionen eigenen Einwohnern. Keine der Flüchtlinge ist mit dem Ziel gestartet Deutschen den Job weg zu nehmen oder dem Staat auf der Tasche zu liegen. Beides kenne sie von zu Hause nicht. Dort müssen sie sich ihren Lebensstandart hart erarbeiten und mussten ihn nun wegwerfen, um nicht zu sterben.

Wir können sie wenigstens willkommen heißen, wenn sie sonst schon nichts mehr haben.

Weitere Berichte von mir über die Region gibt es hier

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