Einen Tag den Fluten trotzen

Mein Terminkalender ist leider chronisch randvoll und es gibt immer mehr zu tun, als zu leisten ist. Aber wo anfangen?

Sandsäcke packen

Bild von Helianthe

Die derzeit größten Headlines in meinem Umfeld sind die brutale staatliche Gewalt mit Toten in der Türkei und das Hochwasser in Deutschland. Den Plan, nach Istanbul zu fliegen, habe ich inzwischen aus vielen Gründen (nicht zuletzt zu viele Terminkollisionen) verworfen. Aber warum nicht stattdessen mal etwas Solidarität zeigen und bei der Flutbekämpfung helfen? Wir haben einen guten Katastrophenschutz aus einem Netz von staatlichen, privaten und ehrenamtlichen Organisationen – aber diese können auch nicht mal eben eine Jahrhundert-Flut aufhalten. Hier sind weitere ehrenamtliche Helfer aus dem ganzen Land gefragt. Nun war meine Zeit wie immer knapp, aber wenigstens einen Tag wollte ich helfen. Und wenn das jeder täte, dann hätten wir viel weniger überlastete Helfer vor Ort.

Hochwasser weisen

Doch wo helfen und wie? Die großen Städte hat man immer im Kopf, auf der anderen Seite sind dort auch schon viele Leute. Mir wurde geraten, in eines der Brandenburger Dörfer zu fahren, die derzeit ziemlich vergessen werden. So verschlug es mich mit einigen Freunden nach Weisen, bei Wittenberge in der Prignitz (zwischen Berlin und Hamburg etwa). Es gab eine Adresse, bei der man sich melden sollte, und ab 7 sollten Leute vor Ort sein. Da ich am Sonntag morgen nichts lieber tue, als um vier Uhr aufzustehen, hielt ich das für einen guten Plan.

Gegen 7:30 waren wir vor Ort und wurden direkt freundlich empfangen. Und es gab auch sofort etwas zu tun: Sandsäcke in der aus dem TV bekannten Kette den Deich hochgeben und dort stapeln. Während man anderswo die meterhohen Sandsackstapel kennt, mussten wir nur bei einer Erhöhung um 50cm helfen. Sieht nicht so spektakulär aus, ist aber genau so wichtig. Auf dem schrägen Deich stehen und die Säcke weitergeben ist für fünf Minuten kein Problem, geht auf Dauer aber auf den Rücken und die Knie. Im Dorf gab es in erster Linie die Freiwillige Feuerwehr und andere Deichbau-Erfahrene, die alles koordinierten. Die Sandsäcke wurden von Privatleuten mit Hängern, Treckern oder Transportern gebracht und auf einem Firmen-Hof gepackt. Fast alle kannten sich untereinander. Die Stimmung war trotz der wenig spaßigen Arbeit sehr gut.

Hochwasser Weisen

Später ging es mit Sandsäcken füllen weiter. Das dauernde Aufhalten und Stapeln eines Sackes geht genauso in die Knochen wie das Schippen. Ich frage mich immer noch, wie die Leute das tagelang machen können. Gegen Mittag gab es kostenloses Eis für alle Helfer, später auch komplettes Mittagessen im Restaurant direkt am Hochwasser.

Sandsäcke packen in Weisen

Dieser Zusammenhalt machte aus der Plackerei einen wirklich schönen Tag und ich würde gerne wieder kommen, wenn ich nicht selber so viel zu tun hätte. Bei der nächsten Flut werde ich wieder helfen und kann jedem nur empfehlen, das auch zu machen. Es gibt Karma-Punkte und ist sicher sinnvoller, als auf der Couch zu liegen und Soaps zu gucken.