Filesharing machte mich zum Kunden

Mein Schreibtisch ca. 2000

Mit 14 benutze ich das erste Mal das Internet. Es war 1994 und ein Apple IIvx und Compuserve sollten mich online bringen. Und auf einmal hatte ich die Möglichkeit, abends eine Weltreise zu unternehmen. Ich konnte Webcams in New York angucken, Leute in Japan fragen, wie ihr Tag heute war, und mit Australiern über das Wetter chatten. Von Anfang an war es die Kommunikation mit Menschen rund um den Globus, die mich begeisterte. So landete ich schnell bei einigen US-Amerikanern die die es ein weiteres spannendes Thema gab: Filesharing! Über kryptische Befehle in irgendwelchen Chat-Räumen konnte man Listen von Dateien bekommen. Mit einem weiteren Befehl konnte man Daten daraus bestellen und bekam einen Downloadlink per Mail; In, ich glaube, 10MB-Schritten. Dinge, die größer waren. musste man in Etappen bestellen und später zusammenbauen. Das klingt schon fast komfortabel, war es aber gar nicht. Im Gegensatz zu heutigen Filesharing-Suchmaschinen musste ich per Hand aus der Textdatei die Titel/Dateien und deren Nummern raus suchen, selten gab es mehr als 1.000 Dinge zu bestellen. Dann musste man auf die Mail warten, sich durch obskure Webseiten klicken und hatte dann eine Datei. Ich bestellte irgendwas kleinen, bekam es und konnte nichts mit anfangen. Es war eine MP3-Datei; ich dachte immer, es sei „Ghetto Suparstar“ gewesen, aber das Lied kam erst 1998 raus, also habe ich mich da wohl geirrt. Bis zu dem Zeitpunkt war auch noch völlig unklar, ob es sich hier um legales Filesharing handelt oder um Filesharing mit urheberrechtlich geschützten Werken. Im Zweifel wird es aber ein Geschützter Titel gewesen sein.

Aber was hatte ich davon? Ich habe ca. 5 Minuten aufgewendet, um in den Chat zu kommen, die Liste zu bekommen, den Titel zu suchen, ihn zu bestellen und mich durch die Website zu klicken. Danach musste ich die Datei noch runterladen. Eine MP3-Datei war faszinierend, weil man zum downloaden nur etwa doppelt so lange benötigte, wie ihre Spieldauer war. Bei WAV-Dateien war es ca. Faktor 20. Der Internetzugang und die damals noch extra anfallenden Telefongebühren schlugen mit etwa 10DM pro Stunde zu buche, und es war langsam. Meine heutige Internetverbindung ist 200x so schnell. Die auf meinem Handy ist fast 100x so schnell. Ich investierte also ca. 1-2DM und wichtige Lebenszeit, um ein Lied runterzuladen. Dieses konnte ich dann am PC hören, über kleine Lautsprecher. Der erste tragbare MP3-Player, den ich im Laden sah, kam 1998 für etwa 500DM raus und konnte 32MB speichern, was etwa 30 Minuten Musik entspricht.
Der Wahnsinnserfolg war das nicht, aber es war einfach eine verrückte, spannende Sache.

Bis dahin und noch einige Zeit weiter war Musik für mich eher uninteressant. Ich habe sie ab und zu im Radio oder bei Freunden gehört, hatte aber selber außer einem Radio mit Kassettendeck keine Abspielgeräte, und diese nutze ich auch eher wenig. Musik kaufen war nervig. Erst mal müsste ich wissen, was es überhaupt gibt. Dann was ich mag. Dann wo es sie gibt. Und zu guter letzt müsste ich genug Geld haben, um sie zu kaufen. Dann auch immer eine ganze Kassette voll mit Liedern, die ich vielleicht nicht alle mag. Das war mir zu kompliziert, außerdem komme ich aus keinem besonders vermögenden Elternhaus, musste also mit einem üblichen Taschengeld auskommen (bis ich irgendwann anfing im Schauspielhaus Bochum als Statist anfing).

Im Laufe der Zeit wurden die Internetanbindungen besser und die Datenträger günstiger. Aber ich zahlte immer noch ca. 5DM pro Stunde, und während man online war, konnte niemand anrufen (außer man hatte ISDN). Wenn man einen Film runtergeladen hatte, brauchte man eine CD, um ihn zu brennen (weil die Festplatte keine 2 Filme gleichzeitig speichern konnte). Der Brenner kostete 1.000DM, ein Rohling 10DM. Damit war er knapp günstiger als ein gekaufter Film, aber so richtig überzeugend war es immer noch nicht. Was trieb einen also?

Während ich mit dem Einkauf von Musik die bereits beschriebenen Probleme hatte, hatte ich mit Filmen ganz andere: Bis heute gefallen mir viele der Hollywood Blockbuster nicht. Ich mag Reportagen und Dokumentationen. Diese laufen gerade in den USA oft im Fernsehen, hier aber seltener und auf DVD im normalen Laden sind sie fast nicht zu finden. Wollte ich doch mal einen Film sehen, dann bitte sofort und in der Originalsprache. Beides bleib einem hier oft verwehrt. Selten gab es mal einen Film als „OmU“ und dann oft französische Liebesfilme oder ähnliches.

Durch die Möglichkeit, immer mehr Filme und Musik runterzuladen, tat ich aber genau dies. Filme konnte man im Zweifel nach dem Sehen wieder Löschen, bei Musik kam es drauf an, wie gut sie war. Ich hörte Bands, von denen ich noch nie etwas gehört hatte und die ich bis heute kaum finde, z.B. Glamrock von „the ark“ der Dark Metal von „Cradle of Filth“. Auch wenn die Qualität aus dem Internet immer noch mies war, weil die Leute stark komprimierten, um schnellere Downloads zu ermöglichen, so war es oft die einzige Quelle. Im Laden konnte ich die Sachen oft nicht bekommen, oft kannten auch die kleineren Musikläden die Bands einfach nicht, weil diese nicht mal in den USA wirklich bekannt waren.

Auf der anderen Seite war natürlich immer wieder Pop Musik dabei, die man hätte kaufen können, aber der Bezugsweg hatte sich einfach so eingeschliffen. Und die Szene und die Leute darin waren einfach eine nette und lustige Community. Da trieb ich mich (online und offline) gerne rum.

Ich habe die Titel und Filme aber nicht einfach konsumiert, ich habe recherchiert, wer dort beteiligt war oder ist, wie es dazu kam, mit wem die Leute noch zu tun hatten und wer wen beeinflusst hat. Wieso ist das Bowie-Remake von Chinagirl der Erfolg geworden und nicht Iggy Pops Original? Aus den Songs wurden Personen und Geschichten. Aus den Filmen Verknüpfungen zwischen Schauspielkollegen, Geldgeber, sozialer Kontext und vieles mehr. Auch hier half das Internet mit Seiten wie der Internet Movie Database oder wikipedia.

Aber irgendwann wollte ich zum einen bessere Bild- und Tonqualität. Zum anderen erwägte ich das erste Mal, dass das moralisch nicht ok sein könnte. Wem schadet man schon damit? Den Millionären? Die haben ja genug! Auf der anderen Seite kann man doch auch gerne Millionen verdienen, wenn man Leute mit seinen Werken begeistert. Ich wusste inzwischen, welche Musik ich wollte, und die Möglichkeiten, Musik und Filme über das Internet zu bestellen, wurden immer besser. DVDs hatten das nervige Problem der Regiocodes. Damit wollte man z.B. verhindern, dass man eine DVD aus den USA in Europa guckt. Auch wenn man diese in Europa gar nicht kaufen konnte. Abhilfe schaffte ein in Hong Kong bestellter DVD-Player, der einen den Regiocode vor jedem Abspielen frei wählen ließ. Die Dokus von HBO und ähnlichen Sendern musste ich mir jedoch weiterhin per Internet besorgen. Und das ist teilweise bis heute so. Wenn ich z.B. Whale Wars auf Animalplanet sehen möchte, so kann ich das nicht, weil es den Sender hier nicht gibt. Zum Glück kann man die Sendungen direkt nach der Ausstrahlung im Amazon live Videoportal für 1.99US$ kaufen. Aber nur, wenn man in den USA wohnt. In Deutschland kann ich Monate später die DVDs kaufen, aber nicht in HD. Und eigentlich will ich die DVD auch gar nicht, sonder eine DRM-freie Datei, die ich auf meinem Notebook und meinem Mediaplayer sehen kann. Die Lösung ist derzeit, über einen befreundeten Amerikaner die Sachen zu kaufen, den DRM-Schutz zu entfernen und es dann von seinem Server runterzuladen. Das ist der komplizierte Weg einer legalen Lizenzierung. Unlizenziert kann ich das ganze über etliche Filesharingseiten bekommen.
Wieso gängelt man den Kunden so lange, bis auch der letzte keine Lust mehr hat zu bezahlen!? Ich würde es gerne kaufen! Sofort! Gegen Geld! Gebt mir einfach die Möglichkeit!

Ich höre inzwischen Unmengen Musik, fast immer. Im Büro, unterwegs, zu hause. Ich habe rund 15.000 Musiktitel auf dem Notebook, für die ich im Laufe der Zeit einige Tausend Euro bezahlt haben muss. Dazu kommen stapelweise DVDs, die ich einfach lagere, weil ich die Daten auf meinen Mediaplayer kopiert habe. Ich bin also ein gut zahlender Konsument geworden und höre weiterhin viele kleine Bands, die wenige Leute kennen. Und ich liebe weiterhin Filme, jedoch selten die Blockbuster. Inzwischen ist es möglich, die Songs kleiner Bands bei Amazon zu kaufen und über Umwege an die Dokus aus den USA zu kommen. Und wenn es ein Film, der mich interessiert, in die deutschen Kinos schafft, dann sehe ich ihn mir dort auch gerne an. Ich wohne 15 Minuten von einem Originalsprachen-Kino, auch diesen Luxus hatte ich früher nicht.

Seit mehreren Jahren bin ich Verleger und kenne die andere Seite der Verwerterkette. Ich finde das Katz-und-Maus-Spiel bei den Kopierschutzsystemen immer noch erheiternd und ich mag die Szene weiterhin, auch wenn sie einiges an Charme verloren hat. Und ich habe bis heute keinen privaten Filesharer abgemahnt und habe das auch in Zukunft nicht vor. Ich denke nicht, dass das private, nicht-kommerzielle Filesharing schadet. Ich bin dadurch zu dem Konsumenten geworden, der ich heute bin, und ich habe auch im Nachhinein kein schlechtes Gewissen. Ich hätte sicher keines der Werke zu der Zeit gekauft, sondern hätte irgendetwas anderes gemacht.

Aber: Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass ich heute jede Menge Werke kaufe.

  • gravel pit

    Nenn doch mal bitte ein paar von den vielen kleinen Bands, die wenige kennen. Auch würde mich interessieren in welchen kleineren Musikläden du nach welchen Bands gefragt hast, die sie dann nicht kannten.

    • enno

      Exemplarisch stehen doch welche im Text. Laden z.B. der Plattenladen, den es früher im Bochumer HBF gab.

      Aber an sich ist diese Antwort doch irrelevant, oder? Wir wissen doch beide dass, egal wie meine Antwort ist, nachfragen kommen werden, die darauf abzielen, dass das gar nicht sein kann. Es tut mir leid, wenn ich dir die Polemik vorweg genommen haben, wir können das ganze ja dennoch durchspielen.

      • gravel pit

        Was man anderen unterstellt, hat immer sehr viel mit einem selbst zu tun. Mich hat einfach mal interessiert, von welchen Bands und Läden du konkret sprichst. Das kam so sehr als Worthülse und nicht belegt daher. Was es letztendlich ja auch ist.

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