Gegendarstellung? Irritiere mich nicht mit Fakten!

Talking to Gouverneur Najmaldin KarimTalking to Gouverneur Najmaldin Karim

Vor einiger Zeit sprach ich auf einer Veranstaltung auf der sich Wirtschaft, Politik und Journalisten trafen, mit einem Schreiberling einer deutschen Wirtschaftszeitung. Leider war das sehr gruselig und schlimmer als alles, was ich in meinem Artikel „Desinteresse statt Lügenpresse“ beschrieben hatte. Er fragte mich, warum ich denn an die IS-Front gehe, das sei doch unnötig. Wieso der Krieg dort so lange dauert, warum die Peschmerga welche Waffen(systeme) nicht bekommen und welche Gegenden genau eingenommen wurden sei doch „Spezialwissen für Experten“ und biete „keinen Nachrichtenwert“. Dass vor Ort Krieg sei und der IS die Terroristen sind, sei ja eh klar.

Das sah ich anders. Die Frage ist doch: Warum hält diese Terrorbande die Welt so lange in Atem und wieso wird sie nicht einfach gestoppt? Wenn das, was ich tue, so belanglos ist, warum nutzen immer wieder auch große Medien wie Spiegel oder  Al Jazeera mein Material? Oft auch, ohne es zu lizenzieren. Auch darin sah er kein Problem. Das müssten totale Einzelfälle sein. Er erklärte mir er habe in all den Jahren seiner Arbeit nicht ein einziges Mal von einem Fall gehört, dass ein Medienunternehmen, eine Zeitung oder ein TV-Sender eine Urheberrechtsverletzung begangenen habe und bezweifelte (ernsthaft!) dass so etwas überhaupt je geschehen sei. Um uns rum saßen andere Leute aus der Branche, die bis zu diesem Zeitpunkt schon aufgegeben hatten und sich aus dem Gespräch, teilweise auch vom Tisch zurückgezogen hatten. Ich zeigte meinem Gesprächspartner die dutzenden Fälle, die ich alleine erlebt hatte. Er erklärte dann aber, dass solche Urheberrechtsverletzungen doch gar kein Problem seien. Man könne ja klagen. Aber davon wurde die Urheberrechtsverletzung ja immer noch begangen. Ich finde nicht, dass man mit verklagen etwas löst. Ich finde eher, dass das eine Eskalationsstufe ist und man danach wohl eher keinen Kontakt mehr hat.

Und wohin es führt, wenn man nicht (gut) selber vor Ort recherchiert, sehe ich ja auch. Sei es der NDR Bericht über die angeblich von den Peschmerga verkauften Bundeswehr Waffen, der von mir schnell zerlegt war oder auch das Zitat des Gouverneurs von Kirkuk (Dr. Najmaldin Karim, siehe Bild oben) bei der Deutschen Welle, welches er sofort dementierte. Da ging das Gespräch dann in die Endrunde „Ja was erwartest du von nem Chefredakteur!? Soll der jedes Mal, wenn sich so ne Bürgerkriegs-Regierung wegen nem falschen Zitat meldet den Artikel korrigieren? Oder im NDR ne Gegendarstellung bringen?! Wissen die überhaupt, was hier ne Sendeminute kostet? Ich würde auf so eine Beschwerde gar nicht erst antworten!

Das war dann der Moment, an dem auch ich das Gespräch verließt. Er verstand das nicht – er sei schließlich der Journalist der renommierten Wirtschaftszeitung und wisse schon was richtig sei. Alle anderen anwesenden Journalisten, Politiker und Wirtschaftsleute haben eben keine Ahnung. Ja, da geht dann eben der Anspruch von ihm und mir an Journalismus auseinander. Sicher ist: Die Zeitung rühre ich nicht mehr an.

Auf der anderen Seite ist das natürlich Wasser auf die Mühlen derer, die immer „Lügenpresse“ rufen – und das ist auch echt traurig.