"Geistiges Eigentum" ist der falsche Begriff

Zur Zeit gibt es immer wieder die Diskussion, ob man „geistiges Eigentum“ anerkennt oder nicht. Ich finde, das ist per se zu kurz gegriffen, denn der Punkt ist komplizierter.

Materielle Werke

Baut man ein Haus, so müssen erstmal Architekt, Statiker, Elektriker, Installateur usw. Pläne anfertigen. Andere Leute führen die Arbeiten aus; man sieht von gegenüber, wie das Haus wächst. Irgendwann kauft es jemand. Alle, die daran gearbeitet haben, erhalten ihr Geld für die Arbeit, der neue Eigentümer hat alle Rechte an dem (materiellen) Haus. Dieses Haus gibt es nur ein Mal: Der Eigentümer nutzt es (wohnt drin oder vermietet es) und kein anderer kann es nutzen. So einfach ist die Welt der materiellen Güter bzw. des materiellen Eigentums.

Digitale Werke

Nun haben wir digitale Inhalte. Wenn ich ein kommerzielles Musikstück kaufe und es unlizenziert meiner Freundin auf das Notebook kopiere, so geht es dem Künstler kein Stück schlechter. Auch nicht, wenn sie es anhört. Auch wenn sie es sonst gekauft hätte, geht es ihm nicht schlechter, es geht ihm nur (finanziell) nicht besser. Ich lizenziere kein materielles Werk und nichts, was dann exklusiv mir gehört. Ich lizenziere nicht mal Speicherplatz, denn die Festplatte hat mir vorher schon gehört. Beim Kauf des Musikstücks erwerbe ich nur die Erlaubnis, Nullen und Einsen in einer bestimmten Form anzuordnen. Wenn man es so abstrakt sieht, könnte man es als Magnetisierungssteuer für Bitmuster bezeichnen, was so wahnwitzig klingt wie die Windsteuer, die Müller einst zahlen mussten.

Der Künstler hat ja im Grunde auch nichts dagegen, dass ich das Stück kopiere. Er möchte dafür nur sein Geld bekommen. Der Unterschied aus Nutzersicht ist für einige Leute jedoch kaum nachzuvollziehen: Der Künstler wirbt ja selbst damit, dass man seine Musik kopieren soll. Nur möchte er, dass man den Download kauft, was oft deutlich komplizierter ist als unter Freunden zu tauschen.

Die großen Künstler, welche man in den Diskussionen am ehesten wahrnimmt, leben trotz der unlizenzierten Kopien sehr gut. Hier ist die moralische Frage, welche sich für viele auftut: Ist es vertretbar, dass einige nichts zahlen, so lange genug Leute zahlen, dass der Künstler (gerne auch gut) davon leben kann? Und genau hier scheiden sich dann eben die Geister.

Geistige Werke

Dann gibt es noch die Ideen, die jemand hat. Es kann sein, dass das ein zufälliger Geistesblitz war oder aber das Ergebnis von jahrelanger Arbeit. Es kann ein Bild, ein Geruch, ein Geschmack oder ein Design für eine Einspritzdüse sein. Diese Idee selber kann man auch nicht „klauen“, insofern als sie kein materielles Ding, kein Gegenstand ist, sondern nur kopieren oder verändern. Es verhält sich ähnlich wie bei einem digitalen Werk. Der nächste Punkt ist, dass unser Rechtssystem dort nicht eindeutig ist: Weder gibt es die klare Erlaubnis noch das Verbot, Ideen gegen den Willen des Vordenkers zu benutzen. Es kommt u.a. auf die Schöpfungshöhe an. Dieser Punkt ist logisch, denn niemand soll ein Patent auf „Laufen durch Füße voreinander setzen“ erhalten können. Aber auch hier ist die Frage, wo konkret die Grenze ist. Ansonsten verhält es sich ähnlich wie mit digitalen Werken.

Was nun?

Der Begriff „geistiges Eigentum“ basiert also auf einigen Missverständlichkeiten, gerade im Vergleich zu „materiellem Eigentum“. Zu guter Letzt ist die Durchsetzung des Rechts im materiellen Bereich einfacher. Wenn ich in meinem Haus wohne, wird es schwer, mir dieses wegzunehmen. Und passiert einem das doch, so hat man das Recht und die Moral ziemlich klar auf seiner Seite. Wenn Ideen oder digitale Werke kopiert werden, merkt man es im Normalfall nicht mal.

Das „geistige Eigentum“ halte ich deshalb für einen falschen Begriff. Man versucht, eine abstrakte Sache in einfache Worte zu fassen und auf bestehende Sachverhalte anzuwenden. Dies sorgt für Missverständnisse auf beiden Seiten. Wir sollten einen neuen Begriff prägen. Ich habe nur keine gute Idee, welcher das sein kann.

  • Der üblicherweise vorgeschlagene „bessere“ Begriff ist „Monopolrechte auf Immaterialgüter“ oder kürzer „Immaterialgüterrechte“.

  • Hallo,
    ich verfolge mit Interesse die Diskussion rund um Piraten und Urheberrecht, geistiges Eigentum etc.
    Ich empfinde das das Argument, dass es dem Künstler ja durch den unlizensierten Download ja nicht schlechter gehe sondern nur (finanziell) nicht besser, mehr als fragwürdig.
    Genau so könnte man auch rechtfertigen, dass es ok sei, sich von der Festplatte des Architekten die Datei mit dem Bauplan zu „besorgen“. Es geht ihm ja nicht schlechter dadurch, nur finanziell nicht besser. Auch hierbei handelt es sich nur um Nullen und Einsen in einer gewissen Ordnung.