Genozid – So what?

Kasim Schesho und Tobias Huch im Tempel SherfedînKasim Schesho und Tobias Huch im Tempel Sherfedîn

In der Schule hatten wir ein mal im Jahr jemanden da, der vor der gesamten Aula über sein Überleben des Holocaust berichtet hat. Mehrere Stunden lang. Das Thema war inhaltlich bedrückend und spannend- das Setting aber irre einschläfernd. Einem Teil der Anwesenden war die Relevanz und die Notwendigkeit der Person mit Respekt zu begegnen klar, anderen eben nicht. Für mich gab es meist einfach keine neue Erkenntnis und das ganze „Event“ war wahnsinnig trocken vom Rahmen her. Etwas aktuelles zu rechtem Pack im Land, Genoziden und dazu ein solcher Zeitzeuge wären sicher für alle Seiten erfolgreicher gewesen.

Aber richtig emotional berührt hat mich das Ganze auch nicht. Es hat mich zum Nachdenken angeregt, es hat mich gewarnt, aber ich saß nicht heulend zu Hause und habe es mir wirklich vorstellen können. Auch die anderen Genozide, mit denen Deutschland oder die Deutschen zu tun hatten waren so. Die Herero musste ich erst mal googlen, sagte mir beim ersten Lesen darüber gar nichts. Später haben viele deutsche Firmen gut am Genozid an den Kurden verdient, als Saddam Hussein unter anderem Halabja mit (deutschem) Giftgas angriff. Ich habe auch dort mit Leuten gesprochen, die direkt nach den Angriffen Leichen geborgen haben. Während der Gespräche ist das sehr bedrückend, aber eben immer noch einen Hauch weiter weg als aktuelle Ereignisse. Später kann ich mir Wikipedia-Artikel zu so etwas durchlesen und mich eine Minute später über Glitzer-Streusel auf meinem Eis freuen – richtig ans Herz geht es schlichtweg nicht.

Yassir Schescho mit einem G36

Yassir Schescho mit einem G36

Am 03.08.2014, heute vor zwei Jahren, fand der 74. Genozid an den Jesiden in Kurdistan (Irak) statt. Alleine, dass sie die zählen und dass es so viele sind ist bezeichnend. Ich hatte darüber gelesen und von Peschmerga, die in der Gegend waren, Fotos bekommen. Als ich im Januar 2015 in Kurdistan war, fuhr ich nach Shingal (Sindschar) um vor Ort zu erfahren, was eigentlich genau passiert war, wie es dort aussieht, wer noch da ist und wie man sich so etwas eigentlich vorstellen muss.

An der Front war ich bereits häufiger und konnte mir den militärischen Teil südlich des Shingal-Gebirges vorstellen. Den menschlichen Teil des Genozids nördlich des Shingal-Gebirges konnte ich mir nicht vorstellen.

Ich traf dort Kasim Schescho, den Löwen von Shingal. Er stellte sich am 03.08.2014 mit sieben Männern und alten Waffen gegen den IS. Seine Familie war an seiner Seite, so verteidigten sie den Tempel von Sherfedin, ein Heiligtum ihrer Religion. Kasim lebte lange in Deutschland und spricht Deutsch. Zwei seine Söhne Yassir und Seleman waren auch dort und beantworteten mir alle Fragen, die ich hatte. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, könnten meine Schulfreunde gewesen sein und stehen nun auf einmal mitten in der irakischen Wüste und kämpfen gegen die größte Mörderbande, die wir in der jüngeren Geschichte gesehen haben. Und auf einmal bekommt der Genozid bzw. die Hinterbliebenen für mich ein Gesicht.

Ich habe gefilmt, Fotos gemacht, mich auf all das konzentriert. Am Abend ging es auf den langen Rückweg. Erst in den frühen Morgenstunden war ich in Erbil, direkt ins Bett, morgens den Wagen abgeben, in letzter Minute in den Flieger, Kopf noch voll mit allem organisatorischen. Und dann war da diese Ruhe, die man im Flugzeug hat, weil man kein Internet hat, kein Telefon usw. und ich sah die Aufnahmen durch, machte mir Notizen. Und zum ersten mal kam mir diese Sachen richtig nahe. Statt anonyme Gesichter auf dem Fernseher oder im Twitter Stream waren es Kasim, Yassir, Seleman der Rest der Familie und alle, die um sie rum standen und mit mir geredet haben. Erst jetzt kamen de Worte richtig bei mir an, das Leid kam in meinem Kopf an und der persönliche Verlust von Freunden, Familie und dem Angriff auf die eigene Lebensweise – mit der man doch niemandem etwas tut. Am nächsten Flughafen saß ich in der Ecke mit dem Notebook auf dem Schoß, Kopfhörern in den Ohren und brach psychisch zusammen. Ich konnte einfach nicht mehr. Ein Mann, den ich schon im Flugzeug vorher gesehen hatte kam zu mir, Rettungsdienst kam dazu. Er war britischer Diplomat und sprach mit mir darüber. Er sagte mir auch, dass man sich an so etwas nie gewöhnt. Das was man da sieht ist einfach zu schrecklich. Ich kam mir ziemlich schäbig vor. Im klimatisierten Flughafen mit einem 5€ Kaffee in der Hand und einem teuren Notebook auf dem Schoß werde ich betüddelt, obwohl ich doch eigentlich nichts habe. Die Leute auf meinem Bildschirm sind die Opfer – um sie schert sich die Weltgemeinschaft im Großen und Ganzen einen Dreck. Aber was tun? Man hat dieses Gefühl von Ohnmacht. Wobei man sich das mit der Ohnmacht gerne einredet. Ich könnte auch hin gehen und den Leuten beim Kampf gegen den IS Helfen – aber ich habe ein bequemes Leben als Unternehmer in Deutschland. Wenn man ehrlich zu sich ist, will man das ja nicht aufgeben. Motorrad fahren, ins Kino gehen und hoffen, dass den Leuten vor Ort nichts passiert.

enno_lenze_shingal_01_2015

Enno Lenze in Shingal

Mein Weg damit umzugehen ist einfach: Ich versuche ein bis zwei Mal im Jahr vor Ort zu sein, persönlich darüber zu berichten und meine Berichte auch an die Politiker hier zu geben. Ich habe mit Frank Walter Steinmeier, der Bundeswehr, mit US-Congressmen und diversen Botschaften darüber gesprochen. Und ihr lest meine Texte und bekommt hoffentlich einen Bezug dazu. Das Gebiet der Jesiden ist immer noch am Rande der Front und seit Jahrtausenden haben sie keinen Frieden, es wäre schön, wenn auch sie den endlich finden würden.

Genozid – so what? Das denke ich inzwischen nicht mehr. Viele da draußen aber schon – auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollen.