HRW über Kurdistan

Zerstörte Dörfer in der Ninive Provinz

Zerstörte Dörfer in der Ninive Provinz

Human Rights Watch hat einen Bericht über den kurdischen Nord-Irak veröffentlicht. Darin heißt es, dass die arabischen Einwohner systematisch diskriminiert werden. Ich kann das nach all meinen Besuchen nicht nachvollziehen. Rund zwei Millionen Flüchtlinge sind derzeit in der Autonomen Region Kurdistan, wie viele davon arabisch sind, kann man nicht sagen. Ich hörte immer wieder Zahlen von 10-15%, was sich mit meinen Beobachtungen decken würde. In den Camps waren die Menschen meist nach Herkunft getrennt, was einfach geographische Ursachen hat. In der Nähe der syrischen (Rojava) Grenze sind die Leute aus Syrien in Flüchtlingscamps, in den Camps Richtung Irak die Leute aus dem Irak.

Was ich durchaus oft gesehen habe, war ein gewisser Stammtisch-Rassismus gegen „die Araber“, ähnlich wie man es aus Deutschland gegen „die Türken“ kennt. Wobei das, ebenfalls wie hier, nie gegen den Nachbarn, den Friseur oder den Obsthändler um die Ecke geht, sondern immer gegen „die anderen“. In Kurdistan leben viele Ethnien, Religionen und Nationalitäten seit langem friedlich nebeneinander.

Im HRW Bericht heißt es, dass die arabische Bevölkerung nicht zurück in die Ninive-Provinz darf bzw. durfte, während die kurdische Bevölkerung zurück durfte. Da ich vor einem Monat zusammen mit Tobias Huch da war und wir uns auch mit dieser Frage beschäftigt haben, stellt es sich für mich anders dar: in der Gegend sind viele Dörfer komplett oder größtenteils zerstört. In vielen Gegenden wurden einzelne Häuser mit Sprengfallen versehen, die Straßen waren vermint. In den wichtigen Abschnitten waren 50-100 (improvisierte) Minen auf 20 Meter. Der Kampfmittelräumdienst der Peschmerga ist sehr schlecht ausgestattet. Wir sahen Leute, die mit Schraubendreher und Kneifzange unterwegs waren, selten mehr Equipment als ein Elektriker-Azubi in Deutschland. Dass das Räumen damit sehr lange dauert ist klar. Hier gibt es immer wieder arabische oder kurdische Dörfer, aber eben auch gemischte. Es würde mich nicht wundern, wenn zunächst die kurdischen Dörfer eines Abschnitts geräumt werden und dann erst die arabischen. Geräumt werden muss aber so oder so alles. Als wir durch diese Gegend fuhren, trafen wir fast zwei Stunden lang auf keine Einwohner. Ab und zu kam ein dünn besetzter Checkpoint, an dem die Leute, die dort arbeiteten auch improvisiert lebten. Somit waren hier tatsächlich keine Araber zurück gekehrt, aber eben auch keine Kurden. Auch wir durften die Dörfer oft nicht betreten, da noch selbst gebaute „Minen“-Schilder davor hingen.

Dass immer wieder Menschen festgenommen werden, kann ich ebenfalls verstehen. Da wird gerade gegen die ISIS gekämpft, es gab auch in den sicheren Gegenden Selbstmordattentate und Stay-Behind Scharfschützen. Zum Vergleich: Auch hier werden regelmäßig Menschen festgenommen, weil sie im Verdacht stehen, terroristische Organisationen zu unterstützen.

Insofern finde ich die Arbeit von HRW weiterhin gut und wichtig, kann viele der Vorwürfe in diesem Fall aber nicht teilen.

Mehr dazu:
Ich war später in Daquq – dort kursierten die gleichen Geschichten, auch hier wusste vor Ort niemand davon
Der Deutschlandfunk hatte diese Story auch – stimmte auch nicht