Journalistische Texte online vermarkten

Als Verleger höre ich oft, dass die Krise der Buchverlagsbranche selbstgemacht ist. Man hat keine Ideen und man probiert nichts aus. Dass das so nicht stimmt erklärte ich bereits.

offline-zeitungMeist wird vorgeschlagen, man solle die Bücher durch Werbung co-finanzieren. Und das eBook soll (deutlich) günstiger sein als das gedruckte Buch. Und man muss Auszüge problelesen können. Dass ein eBook für den Verlag nicht wirklich günstiger ist (es sei denn, es ist eine reine Zweitverwertung), habe ich auch ebenfalls erklärt.

Wenn nun aber viele Kunden das eBook dazu haben möchten, dann kann man den Preis für ein Bundle, also für ein Paket aus eBook und gedrucktem Buch, errechnen.

Aber eigentlich ging es mir gerade um die Zeitungen. Bei der Berliner Morgenpost ist es z.B. so, dass man sie mobil kostenlos lesen kann. Das geht auch zu Hause am Computer oder Notebook, wenn man das www durch ein m ersetzt. Man kann kostenlos lesen, wenn man über Google News kommt und man kann immer die Headlines kostenlos lesen. Alles andere kann man lesen, wenn man ein Online-Abo abschließt. Finanziert wird der Großteil der kostenlosen Angebote über die Print- und Onlineabonennten sowie die Werbung. Das Online-Abo kostet je nach Laufzeit 3,95€ – 5,95€ pro Monat. Die gedruckte Zeitung hingegen 26,90€ im gleichen Zeitraum.

Wir haben also

  • Werbefinanziert
  • Digital deutlich günstiger als offline
  • Komplett kostenloses Lesen mit etwas Umweg legal möglich

Und dennoch beschweren sich die Leser, dass sie für die Zeitungen etwas zahlen sollen. „Bezahlschranken“ bzw. „Paywall“ sind die Wörter, die gerne benutzt werden. Nun kostet ein materielles Gut nunmal Geld, ein immaterielles zumindest nicht bei der Vervielfältigung. Dennoch muss die IT bezahlt werden, Journalisten müssen recherchieren, schreiben und irgendwer muss auch Fotos und das Design machen. Im Geschäft habe ich diese Bezahlschranken auch. Ich könnte die Zeitung kostenlos abfotografieren und dann auf dem Handy lesen, würde aber wohl nach einigen Seiten eine Diskussion mit dem Verkäufer haben. Ich kann in der S-Bahn oder den Nachbarn fragen, ob ich die gelesene Zeitung haben kann oder ich kann in eine Bibliothek gehen. Auch das wird sehr selten gemacht, weil es nicht bequem genug ist – lieber zahlt man.

Ich sehe also kein finanzielles, sondern eher ein Bequemlichkeitsproblem. Auch sehe ich nicht, dass durch zu bezahlende Inhalte das Web kommerzialisiert wird. Es wurde massiv kommerzialisiert, indem jeder Benutzer ein Rezipient für Werbung oder ein Bringer von Trackingdaten wurde. Wer mal sehen möchte, wie oft man als Ware benötigt wird, sollte das Browser-Plugin Ghostery testen. Das zeigt einem an, was im Hintergrund passiert, und blockiert die Dienste auf Wunsch.

Mir fällt kaum noch eine Website ein, die nicht irgendwie kommerzialisiert wurde. Und sei es nur, weil Google Analytics zum Tracken benutzt wird. Ich benutze auf dieser Seite kein Google Analytics, die Social Media-Buttons lassen sich einzeln aktivieren und es sind keine Werbebanner drauf. Und es ist die einzige meiner Homepages, die alle diese Punkte beachtet.

Was wäre zu den bezahlten Inhalten die Alternative? An sich eine öffentlich rechtliche Zeitung, die über ein Umlageverfahren bezahlt wird, aber da wären wir wieder bei der akutellen GEZ-Diskussion.

Ich sehe kein Problem darin, für Journalismus zu bezahlen oder einfach jemanden zu fragen, ob ich seine Zeitung haben kann, wenn es jemanden denn akut stört. Und ich sehe derzeit kein funktionierendes System, das man den Presseverlagen als Alternative anbieten könnte.

  • Christian Schulz

    Dem kann ich soweit folgen und bin auch bereit einen angemessenen Betrag für gute Arbeit zu zahlen. Nun soll aber in der Regel ein Abo abgeschlossen werden, dass einfach nicht in meine Welt passen will. Ich lese nicht regelmäßig die Zeitung. Und möchte im nächsten Monat vielleicht eine andere Zeitung lesen oder oder oder… Es gibt also schon noch Spielraum in der Vermarktung und dort trifft die Fantasielosigkeit leider doch zu.

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