Keine Zeit für Ahnungslose

Wer keine Ahnung hat kann Erdbeeren essen

Das Problem bei der Piratenpartei ist nicht die Basisdemokratie oder die Transparenz, sondern dass oft Leute bei Themen mitreden wollen, von denen sie keine Ahnung haben, und sind sauer, wenn man es ihnen sagt.

Basisdemokratie funktioniert gut, wenn die Leute sich vorher mit den Themen befassen. Transparenz ist nur schlecht, wenn die negativen Interna dominieren.
Nach über drei Jahren in der Partei sehe ich bei so vielen Themen ein wiederkehrendes Muster: Jemand fängt ein Thema an, weil es ihn interessiert und er Ahnung davon hat. Dann kommen Leute dazu, die teilweise Ahnung haben, teilweise nicht. Die, die keine Ahnung haben, lähmen die gesamte Gruppe. Oft haben sie den Anspruch, dass man ihnen alles fehlende Wissen vermitteln soll. Dazu kommen die Gutmenschen, die eigentlich kein Interesse an dem Thema haben, aber meinen, dass man niemanden aus einer thematischen Arbeit ausschließen darf, auch wenn er keine Ahnung hat und nur stört. Die Leute, die Ahnung haben, sind genervt und gehen oder treffen sich in einer kleinen Runde unter sich. Schade drum.

Ich bin auch in keiner Arbeitsgemeinschaft mehr aktiv, gehe kaum zu Crew treffen und lese schon ewig keine Maillisten mehr. All das waren eigentlich die Wege, auf denen man sich koordinieren sollte. Aber ich habe viel zu tun. Und ich habe Spaß an effektiver Arbeit. Ich erkläre auch Leuten alles mögliche, aber nur wenn ich Zeit und Lust habe. Die Anspruchshaltung vieler ist einfach zu groß. Regelmäßig wollen Leute mit mir über neue Geschäftsmodelle im Verlagswesen reden, kennen aber weder die Buchpreisbindung noch den Börsenverein, nicht das Urhebervertragsrecht oder sonst was. Ich lege den Leuten immer nahe, erstmal meine Blogposts zu all den Themen zu lesen oder sich woanders zu informieren, bevor wir wieder reden. Das Ergebnis ist meist das gleiche: Sie sind beleidigt, wollen dann gar nicht mehr über das Thema reden oder nerven mich, weil sie meinen, dass ich sie aufklären muss.

Das Ergebnis davon ist, dass ich mich stattdessen mit Mitgliedern anderer Parteien, mit anderen anderen Verwertern oder sonstigen Akteuren treffe und auf dieser Ebene schnell weiter komme, aber ich mache zu wenig Basisarbeit. Ich arbeite also weiter in meinem Thema, aber zu wenig am Thema mit anderen in der Partei. Bei anderen sehe ich diesen Rückzug auch immer mehr.

Was ist also die Lösung?
– Leute die keine Ahnung haben mögen sich diese von Leuten besorgen die helfen wollen
– Nicht trollen
– Neulingen Hilfe zur Selbsthilfe bieten und sie nicht entmutigen

Dann haben wir alle etwas von.

  • Slash

    Naja, die Haltung kommt nicht gut an; warum ? Weil das pampige Wegstoßen in’s Leere führt. Wir haben in der Piratenpartei ein Problem.

    Wenn’s um’s Abstimmen geht, haben wir LQFB – schön universell gebündelt, übersichtlich und transparent. Und wenn’s um’s Diskutieren geht ? Hm… und gar noch schlimmer, wenn’s um’s Informieren geht ? Fehlanzeige…

    ein RTFM ist erst dann angemessen, wenn wir ein Informationssystem als Äquivalent zu LQFB haben. Das ist in weiter Ferne, ist aber in der Mache.

    Ich finde deinen Schluss vor allem in Verbindung damit falsch, dass du dich komplett aus der Basisarbeit zurückziehst; du solltest anders handeln. Weißt du, wir haben viel gemeinsam. Ich hab‘ auch keinen Bock mehr auf Urheberrechtsdiskussionen, aber weißt du was ich deshalb mach‘ ? Ich engagier‘ mich in der AG Meinungsfindungstool – diese AG hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Diskussionssystem zu entwickeln, dass all die x-fachen Diskussionsrückgriffe und all das Diskussionsvergessen zur Vergangenheit machen soll.

    Also, nicht weglaufen; Flickzeug schnappen und Wunde zunähen.

    • enno

      Meine Idee von einer Partei ist, dass ich mich da politisch engagieren kann. Zum informieren gibts unter anderem Wikipedia und den Rest der Welt. Ich weiß nicht, warum eine Partei all ihren Mitgliedern alle Themen erklären muss.

      Ich engagiere mich sehr gerne in den Diskussionen. Aber entweder diskutiere ich oder ich erkläre. Während einer Diskussion über Details des Urhebervertragsrechts habe ich keine Lust jemandem zu erklären, was Urheberrecht überhaupt ist und sehe es auch nicht im geringsten als meine Aufgabe an auf abruf der Erklärbär für irgendwen zu sein

    • Hi Slash!

      „Wenn’s um’s Abstimmen geht, haben wir LQFB – schön universell gebündelt, übersichtlich und transparent.“

      Nein, LQFB ist in der derzeitigen Ausstattung nicht zu gebrauchen. IMHO.

      „Und wenn’s um’s Diskutieren geht ? Hm… und gar noch schlimmer, wenn’s um’s Informieren geht ? Fehlanzeige…“

      Ich arbeite da gerade an einer Software, die LQFB was das Diskutieren angeht unterstützen könnte. Kannst ja mal reinschauen und ein wenig rumspielen, ist aber noch alpha.

      http://codemonster.de/webdav/argucracy/index.php

      Der Ansatz ist: Jemand schreibt eine These, andere können dazu PRO oder CONTRA Argumente einreichen. Die Argumente werden bewertet und danach wir über die These abgestimmt.
      Das wichtigste: Für Argumente und Thesen gibt’s auch einen Facialpalmierungsbutton und nicht nur Ja oder Nein.

      Würde mich über Feedback freuen.
      (Twitter: @motorradblogger)

      Gruß!
      Marc

  • Hendrik

    Ich kann nachvollziehen, dass die Kompetenzen bei vielen Menschen nicht in der Informationsbeschaffung liegen, aber in der Verarbeitung, umstrukturierung und Neuverknüpfung dieser Ideen. Mir fällt es oft schwer, bei Piratendiskussionen am Ball zu bleiben, weil sich Profis finden, die auf ihrem Level diskutieren wollen. Das ist gut und ihr Recht. Wenn ich allerdings, wie Slash das angemerkt hat, ein System habe, bei dem ich mich schnell auf den aktuellen Stand der Diskussion bringen kann, ohne die vorergehende Diskussion zu „studieren“, würde mir das sehr entgegenkommen und ich denke auch einigen anderen.
    Dass das nicht deine Aufgabe ist, Enno, kann ich sehr gut verstehen. Vor allem, wenn man immer wieder bei null anfangen muss. Ich würde allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass es sich manchmal lohnt, jemandem in groben Zügen zu erklären, um was es geht. Zum einen vertieft das die eigene Sicht auf die Sache, zum anderen können Außenstehende sehr gemeine Fragen stellen, auf die man selbst nicht gekommen wäre, was nun mal auch eine Kernkompetenz der Piratenfraktionen ist.
    So. Ich merke, dass ich Lehrer werde. Ich gehe jetzt leise weinen. 🙂

  • Hi Enno,

    dein Blogpost hätte 1 zu 1 auch so von mir kommen können.

    Eigentlich wirklich schade…

    Gruß,
    Marc

  • ahnungslos73

    Das Problem kenne ich aus verschiedenen Bereichen. Ich habe mir angewöhnt, wenn ich etwas neues lerne, öfter einen Überblick darüber zusammenzuschreiben.

    Das hilft mir später, wenn ich mich erneut damit beschäftigen will, und ich kann es an andere weiter geben. Vielleicht wäre das ja auch eine Lösung, wie die Arbeitsgemeinschaften damit umgehen können.

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