Man wollte mir ein Nazi-Disneyland andichten

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Vor wenigen Tagen präsentierten wir unsere neue geführte Tour „Dokumentation Führerbunker“ der Öffentlichkeit. Insgesamt berichteten fast 100 Journalisten. Eine Nachrichtenagentur verbreitete die Meldung, wir würden ein „Nazi Disneyland“ bauen und garnierte sie mit einem falschen Zitat des Sprechers der Topographie des Terrors. Das machte die Runde, hat aber diverse Fehler. Hier geht es darum, wie diese Meldung frisiert wurde, um einen Skandal zu provozieren.

Ich engagiere mich seit vielen Jahren gegen Rassismus, Diskriminierung und rechte Idioten in jeder Form. Meinen „Urlaub“ verbringe ich im Nord-Irak an der IS-Front, um vor Ort in den Flüchtlingscamps zu helfen und über die Lage dort zu berichten. Ich wurde und werde für mein Engagement oft mit dem Tode oder anderem Unschönen bedroht. Zeitweise standen vor meinem Büro und der Ausstellung bewaffnete Polizisten oder andere Sicherheitskräfte, die mich geschützt haben. Seit Jahren bin ich im Vorstand des Vereins Historiale, der 5.000 Tickets für das Berlin Story Museum an Flüchtlinge verschenkt hat. Mir gehört der Berlin Story Verlag, der den Film „Making of Berlin“ kostenlos auf arabisch ins Netz gestellt hat, der zahlreiche Bücher über die Verfolgung und den Versuch der Ausrottung der Juden und zum Nationalsozialismus veröffentlicht hat.

Kurz: Ich bin weit weg von allem, was rechts ist und gönne dem Pack keinen Zentimeter.

Nun haben wir die Dokumentation Führerbunker eröffnet. Eine Neunzig-Minuten Tour, bei der es um den Zweiten Weltkrieg, Luftangriffe, Bunker, Nazi-Terror usw. geht. Am Ende der Tour sieht man eine Chronologie zu dem, was im und um den Führerbunker stattfand, ein Modell des Führerbunkers, Statistiken über die Opfer des Krieges und des Holocausts und einen Nachbau von Hitlers Arbeitszimmer im Führerbunker. Dies hilft ungemein, mit den Mythen aufzuräumen, mit denen wir jeden Tag wieder kämpfen: Nein, es gab keinen Marmor an der Decke. Nein, es gab keinen geheimen Fluchttunnel zum Flughafen. Nein, er lebt nicht in Argentinien, der Verbleib seiner Leiche ist gut geklärt. Ja, er hat 70 Millionen Tote und Millionen von qualvoll ermordeten Gefangenen zu verantworten und sich dann räudig im Bunker in den Kopf geschossen, um seiner Verantwortung zu entgehen. Mit seinem Tod in diesem Bunker endete faktisch der Zweite Weltkrieg in Europa.

Man muss also die gesamte Tour machen und kann nicht „mal schnell Hitler gucken“ – auch alle Journalisten, die die Ausstellung sehen wollen, müssen ohne Ausnahme die Tour mit machen.

Seit Donnerstag kursierte eine (falsche) Agenturmeldung, wir hätten im Berlin Story Museum ein „Hitlerzimmer“, das Schaulustige sich angucken können. Der „Express“ geht noch weiter und mischt ein Foto von einer Hakenkreuzflagge aus dem Museum zur Berliner Geschichte mit in die Fotostrecke und sagt, die würde in der neuen Ausstellung hängen.  Die Topographie des Terrors verurteile das als „Disneyland für Nazis“. Der Vorwurf traf mich richtig hart. Ich soll ein Disneyland für Nazis bauen? Nachdem ich seit Jahren dagegen arbeite und auch die vorangegangenen mehr als tausend Bunkertouren, die ich seit Jahren anbiete, nie Nazis angelockt haben!? Dazu noch vom Sprecher der Topographie, der mich kennt, der den Bunker kennt und auch von der Ausstellung vorher wusste?
Nein, all das war nicht der Fall. Im Berlin Story Museum gibt es derzeit gar nicht Neues. Dieses Museum befindet sich nur im gleichen, riesigen Bunker. Viel entscheidender ist aber: Der Sprecher der Topographie teilte uns mit, dass er das nie gesagt habe. Er sagte zu der Presseagentur, dass er die Ausstellung nicht kenne und daher nicht bewerten könne. Auch liege es ihm fern, andere Ausstellungen zu bewerten, seine Job sei es, über seine Ausstellung Topographie des Terrors zu informieren. Allerdings gäbe es immer wieder Inszenierungen, wie im „Disneyland“, und diese Art der Inszenierung halte er für komplett falsch. Dem schließe ich mich natürlich an.

Nun ist die Wahrheit offensichtlich keine gute Meldung gewesen, also ließ man den Background der Ausstellung wegfallen, die 90 Minuten Tour drum herum, packte das ganze ins Museum nebenan und strich ein Teil des Zitates zusammen und voila: Schon hat man eine knackige Headline.

Die Frage ist nun: Wer macht hier die Disney-Inszenierung? Der gemeinnützige Verein, der über den Schrecken des NS-Terrors informiert, oder die Nachrichtenagentur, die frisierte Meldungen verbreitet?