Moneyshot vs. Journalismus

Mit Kasim Sheshos Soldaten in Sherfedîn

Mit Kasim Sheshos Soldaten in Sherfedîn

Ein Journalist reist in die Gegenden, die man selber nicht sieht. Er berichtet von dort und fasst einem das Geschehen, die Hintergründe, die Folgen usw. soweit zusammen, dass man sie als normaler Konsument seines Mediums verstehen kann. Man kann seine Informationen oft nicht gut prüfen, also muss man ihm bzw. seiner Redaktion vertrauen. Wenn in den Sechzigern im Spiegel, der Zeit oder der FAZ etwas stand, dann war das so und über jeden Zweifel erhaben. Das war die Zeit, zu der man nach einem Indienurlaub einen Diavortrag in der Kreissparkasse gemacht hat. Es gab viele Winkel der Welt, die niemand kannte. Ich bin in Ruanda aufgewachsen und erinnere mich noch daran, wie meine Eltern Diavorträge über die Zeit dort gemacht haben. Heute ist die Welt anders. Redaktionen, denen ich blind vertraue gibt es gar nicht mehr, nur welche, die ich für ziemlich gut halte. Auch kennen die Leute dank dem Internet sehr viel von der Welt. Es muss also nicht mehr nur Nachrichten geben, sondern Entertainment.

„Die Wahrheit darf einer guten Geschichte nicht im Wege stehen“

besagt ein irisches Sprichwort, und das scheint inzwischen auch bei vielen Journalisten zu gelten.
Heute muss vor allem das Blatt finanziert werden. Die Einnahmen aus dem Verkauf decken nur einen kleinen Teil der Kosten, die Werbekunden sind wichtig. Die zahlen gut, wenn die Auflage stimmt. Also muss man eine hohe Auflage für wenig Geld erreichen. Dafür nimmt man Agenturmeldungen, Agenturfotos und packt noch ein bisschen eigene Meinung dazu. Fertig. Achtet mal darauf, wie oft am Text dpa, ap, afp usw. steht statt die Redaktion selber. Ich merke das besonders bei Themen, mit denen ich mich gut auskenne, also: Hacker, Kurdistan, Isis, Söldner. Die Journalisten haben wenig Zeit für ihre Stories, die Redaktionen wenig Geld, um eine Story recherchieren zu lassen. Vor allem ist immer häufiger die Story schon gemacht, bevor man vor Ort war.

Ich bin oft in Kurdistan (Nord-Irak), habe gute Kontakte zu Armee und Regierung und kann mich bis an alle Fronten und Ministerien hin sehr frei bewegen. Ich habe als erster den General, der die Special Forces leitet, interviewt und ich habe zuerst eine Sichtung der Verbleibslisten der MILAN Raketen angeboten bekommen. Auch habe ich Tage und Nächte embedded bei den Peschmerga verbracht, was es sonst kaum nicht gibt. Wesentlich öfter wird aus den Reihen der (syrischen, kurdischen) YPG berichtet. Das war jahrelange Arbeit und vor allem ein echtes Interesse und wochenlange Besuche der Region.

Ich traf auf meinen Reisen dort z.B. einen Journalisten, der keinerlei Kontakte vor Ort hatte. Er hatte drei Tage um eine Story über die ISIS zu machen und an die Front zu gehen. Ich sagte im schon im Flugzeug, dass das kaum so klappen wird. Am Ende hat er nach zwei Tagen im Hotel einen Tag in einem Flüchtlingscamp neben der Hauptstadt Erbil verbracht. Dort stehen reihenweise Autos der diversen Redaktionen und man kann als Journalist schnell sein Pflichtprogramm holen. Er schrieb einen Artikel, der sich las, als sei er der Experte und lange überall gewesen. Traurigerweise verkauft er heute noch seine Artikel u.a. an den Guardian.

Ein weiterer Journalist fragte mich, wie er Aufnahmen von der (syrischen, kurdischen) YPG zusammen mit den (irakischen, kurdischen) Peschmerga bekommt und ein Interview, in dem sie sagen, sie wollen gemeinsam einen unabhängigen kurdischen Staat. Die YPG ist die Armee eines eher sozialistischen Systems und Schwesterorganisation der PKK, während die Peschmerga die eher kapitalistische KRG verteidigen. Historisch gibt es aber noch viel mehr Gründe, warum sich beide Armeen nur bedingt mögen. Sie kämpfen gegen die ISIS zusammen, wo es nötig ist, suchen aber nicht aktiv die Nähe des anderen. Beide zusammen spiegelt also nicht die normale Realität wieder, sondern einen Sonderfall. Die KRG steht relativ nahe an einem unabhängigen Kurdistan in den Grenzen der jetzigen Autonomen Region Kurdistan im Nord-Irak, die YPG in Syrien und die PKK in der Türkei sind weit davon entfernt. Auch ist derzeit nicht damit zu rechnen, dass YPG, PKK und KRG zusammen einen gemeinsamen Staat bilden würden. Aber seine Redaktion will diese Story. Dazu gab es eine Shotlist, welche Fotos er mitbringen soll, ebenfalls oft sehr unrealistisch bzw. gestellte Bilder. Solche Bilder, die viel Wert sind, nennt man „Moneyshots“. Dabei ist es egal, wie gestellt das Bild entstanden ist. Bringt man die Story und die Bilder nicht mit nach Hause, wird die Story oft nichts. Gerade in den gefährlichen Gegenden sind jedoch oft die freien Journalisten und nicht die Festangestellten. Man guckt also die Story von einigen Freien an und kauft die, die am besten zu drucken ist, die die höchste Auflage bringt und damit die meisten Werbekunden. Würde man einen eigenen Redakteur schicken, der dann die Story nicht bringt, hätte man Geld in den Sand gesetzt.

Und so eine Story kann teuer sein. Meine Ausrüstung (schusssichere Weste, Helm, Kleidung, Combat 1st Aid Kit, Kameras, Objektive usw.) kostet rund 12.000€, die Kosten für eine Woche (Flug, Hotels, Mietwagen, Essen+Sprit) durchaus 5.000€. Und das ohne Erfolgsgarantie auf einen „Moneyshot“. Ich komme noch günstig weg, da ich immer wieder mit den Soldaten irgendwo in den Hütten schlafe, viel Schutz vor Ort geboten bekomme und immer wieder hin und her mit genommen werde. Die Kurdische Regionalregierung (KRG) hat mir dabei immer wieder umfangreich geholfen.

Als Freier Journalist muss man also so reisen, dass man irgendwas über 6.000€ für den Trip rausholt, um dann noch zu Hause die Miete zahlen zu können. Und das erklärt, warum zum Beispiel in „meiner“ Gegend so wenige Leute unterwegs sind.

Gerade seitdem ich in Shingal, Kirkuk und Mossul an der Front war, stapeln sich die Anfragen bei mir. Wie komme ich an die Front? Wie komme ich an General xy? Wo spritzt viel Blut? Wo knallt es so richtig? Ich habe in diesem Blogpost erklärt, dass ich so etwas nicht unterstütze und auch gar nicht bei helfen kann. Ich komme dahin, weil ich es anders rum mache: Ich fahre hin und berichte, was ich sehe. Kein Moneyshot, keine gestellten Szenen, aber auch kein Geld mit verdient. Nur die traurige Erkenntnis, dass ich immer weniger Zeitungen lesen kann, weil ich sehe, wie die Story gemacht wurde.