Nazi Pop-Kult als Amazon Serie

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In den 90er und 2000er Jahren kannte ich Hitler und die Nazis aus Geschichtsbüchern, Dokus nachts im TV und aus den Museen. Als Satire oder Thema eines Hollywood Blockbusters gab es das Ganze eigentlich nicht. Das scheint sich in den vergangenen Jahren geändert zu haben. „Operation Walküre“, „Inglourious Basterds“ und „The Momuments Men“ behandeln das Thema mal mehr, mal weniger historisch korrekt, aber zumindest stimmen die Rahmenbedingungen bei allen drei Filmen.

Nun wirbt Amazon massiv mit „The man in the High Castle“ – einer Serie, in welcher die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben.  Amazon hat lange einfach versucht, Marktanteile (Bücher, Onlinehandel, Musik, Videos) zu bekommen, nun müssen sie das Ganze monetarisieren. Die Marketingfrage lautet: Wieso sollte man Amazon Video gucken und nicht Netflix oder Maxdome? Als Antwort hat Amazon zum einen Top Gear (bzw. deren Moderatoren) eingekauft, zum anderen nun dieses groß beworbene und teuer produzierte Stück gemacht. Wer kein Amazon guckt, kann nicht mitreden. Also sollten nun alle ein Video-Abo bei Amazon abschließen. Aber zurück zur Serie …

Ich habe mir mal die erste Staffel der Serie angesehen, die auf dem Roman von Philip K. Dick basiert.

The_Man_in_the_High_Castle_(TV_title)Die Achsenmächte haben also den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA sind nun im Westen „Japanese Pacific States“ und im Osten „Greater Nazi Reich“, dazwischen eine neutrale Zone, die niemandem gehört. Und nach fünf Sekunden stocke ich das erste Mal: „Nazi Reich“!? Wann hat Hitler sich je einen Nazi genannt? Er nannte sich Nationalsozialist. Nun sieht man da schon, dass es sich nicht um eine Guide Knopp Doku handelt, sondern um ein TV-Produkt für den amerikanischen Markt. Ich vermute, die Nazis hätten es einfach „Deutsches Reich“ genannt, egal welche ehemaligen Länder dieses Planeten dazu gehört hätten. Auch wundert mich die neutrale Zone, die Rocky Mountains. Ich kenne mich nur sehr stümperhaft in der japanischen Geschichte aus. Ich kann mir aber bei ihnen so wenig wie bei Hitler vorstellen, dass sie eine neutrale Zone zwischen sich und einem verbündeten hätten. Eher eine heftig befestigte Grenze, wie die ehemalige innerdeutsche Grenze. Alleine schon, weil beide Seiten in der Serie totalitäre Regime darstellen sollen. Die würden über keinen Quadratzentimeter die Macht verlieren wollen.

In der Serie reist ein ranghoher Nazi, ohne dass seine Leute es wissen, zu den Japanern. Wieder später wird ein ranghoher Nazi im „Greater Nazi Reich“ auf offener Straße erschossen, ohne dass man die Täter fasst und zu guter Letzt schmuggelt jemand einen geheimen Film über die lockere Außengrenze zur neutralen Zone. Politische Gefangene werden tagelang von ein bis zwei Wachleuten in großen Hallen beaufsichtigt und verprügelt. Erst auf die explizite Anweisung eines Vorgesetzten und nach einem kurzen Gewissenskonflikt schlägt einer der Folterknechte den Gefangenen tot. Es sieht aus, wie eine Verhöhnung des GeStaPo und SS Apparats, als sei Nazi-Deutschland eine schlaff geführte Bananenrepublik. Jeder, der die echten Grausamkeit unter Hitler kennt, wird sich über diese softe Darstellung wundern.

Hitler selber ist fast komplett abwesend. Dafür sind überall – selbst auf der Wählscheibe des Telefons – Hakenkreuze. Es sieht eher wie die Nazi-Donald Karikatur von Disney aus den 40er Jahren aus. Auch wo Hitler selber ist, bleibt offen. Dies ist aber in der NS-Geschichte ein sehr entscheidender Punkt – denn wo Hitler war, da war auch die Macht. So wie früher die Reisekönige. Hätte man Bücher wie „Hitler – Das Itinerar“ gelesen, in denen auf rund 2.500 Seiten akribisch alle seine Aufenthaltsorte Tag für Tag aufgelistet sind, würde man das wissen.

Was ist nun mit dem eigentlichen Plot?

Die Geschichte selbst: Hitler hat Parkinson und andere Krankheiten, hat nur noch kurz zu leben und die Frage ist: Wer wird der Nachfolger und was geschieht dann mit den Nazi-Japanischen Beziehungen? Im Mittelpunkt ist eine halbgare Agentengeschichte und natürlich eine komplizierte Romanze. Die Dialoge sind zu flach, die Charaktere zu beliebig, die Story nicht packend und die Überraschungen bleiben aus. Es kommen am Rande (japanische) Gaskammern und die Verbrennung von Behinderten vor – aber ohne das Ganze wirklich zu thematisieren. Und was ist mit dem Rest der Welt? Frieden geschlossen? Tobt noch der Krieg irgendwo? Es fehlt der gesamte Rahmen.  Man könnte sagen, dieser populistische Versuch hat Plot-Lücken, so groß wie Deutschland 1937 und den Spannungsbogen von Blondis Frühstück. Im Film fehlt viel aus dem Roman. Vor allem die Details der totalitären Regime, die die Grausamkeit erst rüber bringen.

Ich stelle mir die Frage, wer die Zielgruppe ist und ob alle Nazi-Filme so schlecht waren?

Es gab z.B. Iron-Sky, bei dem die Nazis die Rückseite des Mondes besiedelt haben und nun die Erde mit Ufos angreifen wollen. Total überzogen und ohne Rücksicht auf historische Details – aber was den Führer- und Rassen-Wahn angeht gut dargestellt.

Oder „Er ist wieder da“, bei dem Hitler heute wieder aufersteht. Von Anfang an hat er nur ein Ziel: Die Macht über das Volk und damit die Weltmacht. Er informiert sich, versteht Massenmedien und geht in Talkshows.

Also selbst die Filme, die durchaus humoristisch oder ebenfalls abstrus sind, machen es besser.

Daher kann ich die Sendung empfehlen, wenn man Nazi-Pop-Kult erleben will, aber für mehr leider nicht.

 

  • Richard Joos

    Hmmm, hmmm. Ein Aspekt, der in der erhellenden betrachtuing fehlt: die Vorlage ist Philip K. Dicks gleichnamiger Roman, der, mit der üblichen Einschränkung, dass das genre überwiegend Müll produziert, wohl eine der besten parallelweltgeschichten überhaupt ist. Im Buch finde ich da sehr schön das eher angedeutete grauen im Hintergrund, das eben irgendiwe normal ist, über das man aber weniger gerne redet (die komplette ethnische Säuberung Afrikas, als zweiter Holocaust im Buch gelegentlich angesprochen).

    Ich will den Titel – wie an sich fast alles von Dick – von der Kritik ausgenommen wissen und bemerken, dass das so das erste Mal ist, dass er wirklich mit einer Verfilmung eines seiner Stoffe Pech hatte (man denke an Minority Report oder den Dunklen Schirm).

    Aber Danke für die Warnung.

  • hugorune

    Kennen Sie Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier von Henry Picker? Wie bringen Sie Ihre Ausführungen über Hitler mit diesen Aufzeichnungen deckungsgleich? Ich habe eher den Eindruck, Sie besitzen selbst ein Guido-Knopp-sches-Geschichtsbild?
    Und scheinbar hat sich bis weit in die 50ger Jahre auch niemand großartig für den Holocaust interessiert. Das wurde erst danach zum Thema für die breite Masse.