Nein zur Bild – aber warum?

bild_neinSeitdem die Bildzeitung titelten „NEIN – keine weiteren Milliarden für Griechenland“ gibt es auch eine Aktion gegen die Bildzeitung. Einige Kioske haben die Bild aus dem Programm genommen und Aufkleber angebracht, die darauf hinweisen. Einige Kunden finden das gut. Ich finde es ist billiger Populismus.

Ein Markt wird immer vom Kunden geschaffen. Bild ist die auflagenstärkste Zeitung. Das normale Volk will sie also lesen und gerade wegen solcher Headlines, die die Finanzkrise, die auch kein FAZ-Leser in Gänze versteht, auf einen Satz zusammen dampfen. Wenn man also etwas verbessern will, dann sollte man bei den Lesern anfangen. Die Zeitung nicht mehr zu verkaufen, ändert an den Kunden nichts.

Die Bild hat historisch vieles falsch gemacht. Sie haben Leute in die falsche Ecke gedrängt, haben einseitig berichtet und haben die Grundlage für große Werke wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ geschaffen.
Wirklich neu ist das nicht. Wo kommt also die plötzliche Erkenntnis her, dass die Bild aus dem Sortiment muss? Es scheint, als wollen man sich moralisch besser positionieren. Kann man dann davon ausgehen, dass diese Läden keine Zigaretten mehr verkaufen, weil die Krebs erregen? Oder wenigstens nicht mehr an Schwangere? Und Alkohol auch nicht mehr? Oder wenigstens nicht an Menschen, die aussehen als hätten sie ein Alkoholproblem? Wohl kaum. An denen kann man gerne weiter verdienen. Wie ist es mit dem Inhalt anderer Zeitungen? Da gab es auch einige, die böse gegen Griechenland gewettert haben. Die bleiben auch im Programm. Wird den das Geld zurück gezahlt, was man mit der Bild verdient hat, nachdem man nun einsieht, dass es unrecht war? Auch nicht. Wo genau verläuft also die moralische Grenze gerade? Vermutlich da, wo man auf eine einfache PR-Welle aufspringen kann und Quote auf Kosten eines anderen machen kann. Aber war das nicht genau das, wogegen man eigentlich war?

Noch ein anderes Thema, was meine Sicht auf (Teile der) Bild komplett geändert hat. Wie ihr wisst bin ich oft in Kurdistan (Nord-Irak) und berichte von der Front und aus dem Land. Da fällt einem auf, dass kaum deutsche Medien vor Ort sind und wenn, dann nur in der (absolut sicheren) Hauptstadt, aber nicht da, wo man wirklich etwas mitbekommt. Ich habe mit etlichen TV-Teams gesprochen, mit Print-Journalisten usw., die von „vor Ort“ berichtet haben. 70% waren nie im Land, sondern berichten von woanders. Von den verbleibenden 30% waren kaum welche aus der Hauptstadt Erbil raus. Die Ausnahmen bildeten z.B. Jan Eikelboom aus den Niederlanden, Spiegel TV und ein Kameramann von Beckmann. Und dann die Bild, mit mehr Aufwand als alle anderen. Claas Weinmann war einen Monat vor Ort, aber nicht im Hotel, sondern wirklich bei Menschen, die dort wohnen. Er war bei der größten Anti- ISIS Offensive der Peschmerga dabei und saß mit dem Kommandanten im Führungsfahrzeug und ist mit den Peschmerga im Truck. Paul Ronzheimer von der Bild jettet um die Welt. In zwei Wochen: Maidan, Proteste in Hong Kong, Kurdistan, Irak und dann nach Kobane. Er war im belagerten Kobane und nicht nachher da.

Andere Redaktionen können sich so etwas kaum leisten. Auf der anderen Seite fehlt es anderen Redaktionen offensichtlich auch an Leuten, die vor Ort gehen würden. Als Tobias Huch und ich im Januar in Shingal bis an die ISIS Front gingen, fragten wir vorher einige Journalisten, ob sie uns begleiten würden. Die Antwort meist: Nein, da ist ja Krieg! – Richtig, aber die Leute von der Bild gehen mitten rein um zu berichten. Und das können sie nur, weil die Reaktion den Markt bedient und viele Leute die Stories und Headlines lesen wollen.

Ich selber lese die Bild weiterhin nicht, weil ich den Schreibstil einfach unlesbar finde- aber so einfach, wie es sich einige machen, ist die Story nun mal auch nicht. Weder kaufen die Bildzeitungsleser stattdessen eine Wirtschaftswoche noch hebt sich die Moral in den Läden allgemein. Aber man kann sich wieder etwas besser fühlen als „die anderen“.

  • Bernhard Kern

    Ich glaube, du machst es dir mit der Bild-Verteidigung ein wenig zu einfach. Ja, natürlich ist es richtig, dass die Bild Leute nach Kurdistan und an andere Orte geschickt hat, wo etwas passiert. Das ist lobenswert.
    Das Problem ist aber woanders. Bild will Auflage machen (das wollen alle Zeitungen) und kann auch über ihre Auflage politischen Druck aufbauen. Das Problem ist nur, dass die meisten Menschen die Umwelt, die außerhalb ihres normalen Aktionsradius liegt, über Medien wahrnehmen und zunächst das glauben, was da steht. Gäbe es dieses Vertrauen nicht, würde man die Zeitungen nicht kaufen. Wenn die Bild jetzt eine Kampagne wie „nein zu griechenlandhilfen“ startet, tut sie das in der Erwartung, damit möglicherweise Erfolg zu haben und zwar nicht nur im Sinne einer Auflagensteigerung und vermehrter Aufmerksamkeit, sondern auch im Aufbau von politischem Druck.
    Jetzt sagst Du aber selbst, dass weder Du, noch ich und wahrscheinlich auch die Verantwortlichen bei der Bild die Griechenland-Krise und ihre Auswirkungen vollkommen verstehen. Aber ist es dann verantwortungsvoll, eine Kampagne in Richtung eines Ziels zu starten, bei dem man als Zeitung nicht weiß, ob es richtig ist?
    Die Antwort gibst Du – in anderem Kontext – selbst, wenn Du sagst, dass Du nicht zu Hilfe für YPG aufrufen kannst, weil Du sie nicht einschätzen kannst.
    Und die Kioske, die keine Bild mehr verkaufen, tun eben, was sie können, um diese Kampagne der Bild zu konterkarieren.

  • Richard Joos

    Hmja. Im Großen und Ganzen machst du einen Punkt, aber ich würde das jetzt nicht so hoch hängen, als dass da jetzt der Totalboykott aller moralisch möglicherweise anrüchigen Waren einzig glaubwürdiges Statement ist. Ich kenn das „ich mach das und hab Bauchschmerzen“ durchaus auch und grade deswegen finde ich die Sache gar nicht verkehrt, weils eben Linien aufzeigt, wo es dann mal wirklich gut ist. Und wenn dann bei plattester Hetze mal ein paar mehr als die üblichen Verdächtigen sagen, nee, nicht mehr mit uns“, dann wird vielleicht auch was besser. Wenn bei einem Kioskbesitzer dieser Punkt bei der aktuellen GR-Kampagne erreicht ist, dann kann man das respektieren und als seinen persönlichen Einsatz dafür werten, dass er will, dass die BILD eben nicht nach Belieben den Hetzhahn aufdrehen kann, andere Verdienste hin oder her. Wer das schon bei Seite3-Titten tut, auch gut, aber dass hier nun bei einigen eine Grenze erreicht ist, kann ich verstehen, und dass man sich dann nicht aus der Verantwortung zieht, sondern durchaus mal im eigenen kleinen Rahmen was tut, hat meinen Respekt.

  • Thomas Brück

    Man darf geteilter Meinung sein, ob manche Gegenreaktionen auf dieses Griechen- Bashing der BILD- Zeitung sinnvoll erscheint. Ich bleibe lieber bei den Fakten und einer selbst auferlegten Konsequenz. Ich kaufe keine Bild- Zeitung und ich lese sie auch nicht, selbst wenn ich sie kostenlos in die Finger bekomme. Ausnahmen mache ich, wenn solche Meldungen in sozialen Medien auftauchen. Dann werfe ich einen Blick in genau den betreffenden Artikel, der zur Disposition steht. Nur so ist es mir möglich, ein differenziertes Bild zu erhalten. Würden mehr Leute so verfahren, würde das den Verlag an seiner empfindlichsten Stelle treffen und zu journalistischen Reformen zwingen. Wenn tatsächlich die Bild- Reporter die mutigsten sind, die dort hin gehen, wo’s weh tut, ist mir unbegreiflich, dass am Ende tendenziöse Berichterstattung dabei raus kommt. Das ist ja wie ein Schlag in die Fresse für jene Reporter, die ihr Leben aufs Spiel setzen. Da kann ja etwas nicht stimmen?

  • Benno

    Nein wegen der Hetze. Was bringen aufwendige Recherchen, wenn der Diekmann dann alles in Hetze verwandelt.

  • germaniasapereaude

    gibt es was primitiveres als BILD ??? Unterschichtenjournalismus