Penner und Politik

Penner, Obdachlose, Säufer, Pack – alles das Gleiche für die meisten. Und es werden mehr, wie mir scheint. Wenn ich die Linden lang zum Büro laufe, bin ich am Schmelztiegel des Tourismus. Hier prallen Bugatti Autohäuser mit Obdachlosen aufeinander. Eine skurrile Mischung. Dauernd sehe ich Leute, die Mülltonnen nach Pfandflaschen durchwühlen. Andere spielen (aus Spaß oder Not?) gegen Spende wunderbare Musik. Wieder andere liegen schlafend vorm Bahnhof Friedrichstraße. Und das, wo wir in der Festung Europa wohnen. Uns geht es besser als 80% der Welt. Wir sind die Elite und hätten genug Wohnungen, Essen, Trinken und medizinische Versorgung, um jedem ein gutes Leben zu bieten. Aber wir wollen nicht. „For a few to be immortal, many must die“ heißt es im Film In Time. Und das trifft auch auf unsere Gesellschaft im Kleinen und die Welt im Großen zu. Aber was soll man tun?

Ich sitze als Verleger auf Podien und diskutiere über Urheberrecht mit Geschäftsführern von Lobbyverbänden. Ich vertrete dabei regelmäßig die „Kunden“, welche auf ihrem Computer, zu Hause, im Warmen, mit Highspeed-Internetanschlüssen Musik und Filme auf einfachem Wege haben wollen. Und am Abend vorher überlege ich: Leger? Smoking? Zwei- oder Dreiteiler? Ziemliche Luxussorgen.

Vor meinem Ladenlokal, etwas am Rand, sitzt seit einiger Zeit der immer gleiche Mensch auf einer Decke, mit einem niedlichen Hund. Wir grüßen uns ab und zu verlegen. Ich toleriere ihn dort, weil er die Kunden nicht stört. Ich sitze oben auf dem hohen Ross und entscheide, wie der Lehnsherr, ob ich es für ok halte, dass er in „meinem“ Bereich bettelt. Und diese Position ist mir zuwider und es ist ein sehr wirrer Gewissenskonflikt. Eigentlich sollte ich ihn zum Essen ausführen und fragen ob er medizinische Versorgung braucht oder einen Platz zum schlafen. Aber damit wäre in der Summe kaum etwas gewonnen und ich möchte auch die Verantwortung für ihn nicht haben. Und es ist auch nicht meine Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft so etwas abzufangen. Außer, er möchte so leben, aber das kann ich mir nur in wenigen Fällen vorstellen.

Im Alltag kaufe ich oft Pfandflaschen, welche ich nicht zurückbringe, weil ich sie nur unterwegs trinke. Ich stelle sie dann unter die Mülleimer, damit man sie nicht aus versehen umtritt, ein Flaschensammler sie aber einsammeln kann. Es ist erniedrigend genug, damit sein Essen finanzieren zu müssen, dann muss er nicht noch im Müll wühlen. Aber auch das ist eine komische Almosenpolitik. Und ich werde gerade in Bahnhöfen immer wieder darauf angesprochen, was ich da tue. Wenn ich es erkläre, ernte ich irritierte Blicke oder Ablehnung. „So Leute“ will man nicht anziehen. Ja, dann brauchen wir eben große Stoppschilder, die wir als Blickschutz vor sie stellen.

Gestern stand ich am Bahnhof Alexanderplatz, wo vier junge polnische Musiker wahnsinnig gut klassische Musik zum Besten gaben. Zwischen Burger King und U-Bahn Eingang gegen ein paar Euro spende. Auch hier spende ich immer etwas, egal ob ich stehen bleibe, um zuzuhören oder nicht. Aber kann das wirklich die Lösung sein? Wir haben ganz tiefgehende gesellschaftliche Probleme, die uns alle den Kopf kosten wenn wir sie nicht bald in den Griff bekommen. Aber fast niemand interessiert sich dafür. Tut man etwas (also ich meine mehr als ich, im Sinne von richtigen Projekten) so wird man meist nur belächelt.

Ich verstehe diese Gesellschaft nicht.

  • Tom

    Ich glaube Du nimmst Dich gerade selbst zu wichtig..
    Du hast doch die Möglichkeit 2/ 3 Wochen bei Trägern in Berlin zu arbeiten.
    Mache es einfach, und Du verstehst warum manche Dinge so laufen.
    Und was man ändern müsste damit es besser wird

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