Peschmerga/PKK Streit bringt Shingal-Offensive ins Stocken

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Im vergangenen Sommer überfiel der Islamische Staat (kurz IS, früher ISIS) das Shingal-Gebirge und den Ort Shingal (auch: Sindschar, Sinjar, Şengal). Die Schutzmacht Peschmerga zog sich zurück, der IS trieb die dort lebenden Jesiden in das Gebirge, wo Zehntausende ermordet oder entführt wurden oder bei der anschließenden Belagerung verdursteten. Nun soll eine Großoffensive das Gebiet befreien. Doch die verschiedenen Beteiligten stehen sich gegenseitig im Weg.

Die Jesiden sind eine Jahrtausende alte Religion, welche aus einigen hunderttausend Gläubigen besteht, die vor allem im Shingal-Gebirge leben. Am nördlichen Fuß des Gebirges liegt das Heiligtum Sherfedin. Sie haben hunderte Machthaber und Systeme überlebt und mussten bisher 74 Genozide erleiden. Selten haben Sie Hilfe von anderen erhalten, sie sind es gewohnt, sich selber am Leben zu halten.

Über das, was bisher geschah, gibt es verschiedene Informationen. Ich habe mit den Einheiten vor Ort, dem Peschmergaministerium und Augenzeugen gesprochen. Hier, wie es sich für mich nun darstellt:

Was geschah am 03.08.2014 in Shingal?

General Sheikh Ali und ein Offizier an der taktischen KarteIch habe am 22.06.14 bei Dayrabun mit Major General Sheikh Ali gesprochen, welcher zu der Zeit den etwa dreieckigen Bereich zwischen Mossul, Zaxo und Rojava in der Ninive-Provinz sichern musste. Das war zu der Zeit eigentlich noch Irak und die irakische Armee hatte erst gut eine Woche vorher das Gebiet verlassen, nachdem Mossul vom IS übernommen wurde. Die Lage in diesem Gebiet war noch ziemlich unklar. Ali sagte mir damals, dass sie einzelne Teams der Zerevani bis Tal Afar und vor Sherfedin schicken, zum zu sehen wie die Lage ist, weil unklar war, wo noch IS-Kämpfer sind und wo nicht. Sie hatten das Gebiet also nicht richtig gesichert, sondern hatten eher verteilt einzelne Gebiete, die sie halbwegs überblicken konnten. Er sagte auch, dass er ca. 5.000-10.000 Leute für das gesamte Gebiet hat und weitere (tausende) kommen sollen. In Shingal (also grob Sherfedin und der Ort Shingal) wollten sie ca. 5.000 Peschmerga im Einsatz haben, sobald genug Leute da sind.
Später waren für die Verteidigung des Distrikts Shingal (also nicht nur dem Ort selber, sondern auch den Dörfern rund um das Gebirge) 11.000 Peschmerga registriert. Somit kann man ca. 5.000-7.000 permanent im Einsatz haben. Sie verfügten über wenige gepanzerte Humvees, ein paar Granatwerfer und AK-47. Ihnen fehlten aber Panzer, MILAN-Raketenwerfer oder ähnliche große Waffen. Vereinzelt forderten Peschmerga die Jesiden auf, Ihre Waffen niederzulegen, da sie nun nicht mehr Kämpfen müssen. Eine systematische Entwaffnung aller Jesiden fand aber nicht statt.

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Kein Frontverlauf – nur grobe Illustration. Karte: OpenStreetmap

In der Nacht vom 02. auf den 03. August 2014 griff der IS den Bereich mit ca. 1.000 bis 1.500 Kämpfern verteilt auf 40-50 Pickups an. Das alleine klingt nicht viel, aber ein großer Teil der sunnitischen Bevölkerung wusste über den bevorstehenden Angriff Bescheid und unterstützen den IS bei seinem Angriff. Sie waren entsprechend gekleidet und hatten teilweise IS-Flaggen griffbereit. Dadurch wurde der IS schlagartig zur Übermacht im Ort. Die Jesiden waren eigentlich gut angesehen, hatten einige große Geschäftsmänner hervor gebracht. Als sich früher Sunniten und Schiiten bekämpften, hatten die Jesiden den jeweils Unterlegenen Schutz geboten. Als die Jesiden nun angegriffen wurden, boten verschiedene Moslems im Gegenzug an sie zu schützen. Teilweise halfen sie wirklich, teilweise war es ein Hinterhalt und etliche Jesiden wurden von vermeintlichen Freunden ermordet.
Die Peschmerga mussten schnell entscheiden: einen Kampf führen, bei dem es sehr viele Verluste geben wird oder sich zurück ziehen, auf mehr Waffen warten und das Gebiet dann koordiniert zurück erobern? Die Kommandanten vor Ort entschieden sich, ihre Soldaten weit Richtung Dohuk und Zaxo zurück zu ziehen. Einzelne Peschmerga blieben, weil sie zum Beispiel Verwandte in der Gegend hatten, die sie schützen wollten. Der Rückzug der Peschmerga war noch Wochen später ein großes Problem, als IS-Kämpfer nördlich vom Mossul-Damm bis zum Tigris kamen.

Die Menschen vor Ort, meist Jesiden, standen dem IS fast alleine und mit alten Waffen gegenüber. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpften Sie um ihre Gemeinschaft und das Heiligtum Sherfedin zu verteidigen. Tausende Jesiden wurden vom IS ermordet, junge Frauen entführt. Im Gebirge verdursteten etliche Jesiden elendig bei bis zu 50 Grad Tageshöchsttemperatur.
Die YPG (syrische kurdische Vollksbefreiungseinheit) haben binnen Tagen einen Fluchtkorridor nach Rojava (kurdischer Teil Syriens) frei gekämpft. Alle Leute, die ihre Waffen übergaben, konnten den Korridor nutzen um nach Rojava (Syrien) zu fliehen. Dies rettete vielen Jesiden das Leben. Teile der Jesiden blieben. Die Jesiden gründete die Hêza Parastina Şingal, kurz HPS (arab. Quwwat Ḥimāyat Schinkāl, deutsch Verteidigungskraft Sindschar), um einen aussichtslosen Kampf gegen den IS zu führen. Mit nur siebzehn Mann unter der Führung von Kasim Schesho begannen sie zu kämpfen. Später schlossen sich Ihnen mehr Kämpfer an – unter anderem Kasims Neffe Heydar Schesho, welcher Politiker in der Autonomen Region Kurdistan war. Durch diese mutigen Kämpfer konnte das Heiligtum Sherfedin beschützt werden, welches sonst sicher vom IS gesprengt worden wäre. Kasim verdiente sich dadurch den Titel „Löwe von Shingal“. Inzwischen sind rund 6.000 Mann unter Kasim Scheshos Kommando und sie gehören zu den Peschmerga.

Kasim Schesho und Tobias Huch im Tempel Sherfedîn

Kasim Schesho und Tobias Huch im Tempel Sherfedîn


Wer soll die Jesiden schützen?

Aber den Jesiden war und ist klar, dass sie den IS nicht alleine besiegen können. Sie brauchen einen Staat, eine Schutzmacht, ein Protektorat oder sonst etwas, das ihnen Schutz gewährt. Eigentlich wollen sie aber einfach nur in Ruhe selbstbestimmt leben, ohne sich für die eine oder andere Herrschaft entscheiden zu müssen. Normalerweise lebt man einfach in dem Land, in dem man nun mal lebt. Um Shingal herum gibt es derzeit mehrere Gruppierungen, zu denen man gehen könnte. Zum einen ist das Gebiet formal Irak und die irakische Armee müsste sie schützen. Diese ist im vergangenen Jahr nach dem Fall Mossuls gewissermaßen implodiert und besteht mehr schlecht als recht mit einer Quote von mehr als 50% desertierten Soldaten weiter. Die Gebiete südlich und westlich Shingals sind von der YPG/PKK gesichert, die nördlich und teilweise östlich von den Peschmerga. An sich gehen beide Gruppen nicht in die Gebiete des anderen, respektieren sich soweit, wollen aber auch keinen näheren Kontakt. Eine komplizierte Situation.

Die YPG gehört zur syrischen Partei PYD und ist vor allem aus dem Kampf rund um Kobane bekannt. Sie haben ihre syrischen Gebiete, genannt Rojava, sowohl gegen Assad als auch gegen den IS verteidigt. Sie haben aber keinen Zugang zu modernen Waffen, haben keine richtigen Anti-Terror Einheiten, keine Luftwaffe und auch sonst wenig, was eine moderne Armee dringend braucht. Sie haben keinen rechtlichen Anspruch auf ihre Gebiete und die Zukunft unter Assad oder einer neuen Herrschaft ist unklar. Aber sie haben als Underdog bisher überlebt und leisten mit der schlechten Ausstattung Erstaunliches und lehren Ihre Feinde das Fürchten. Außerdem brachen sie sofort zu einem Himmelfahrtskommando auf, um die Jesiden zu retten.
Sie sind also der moralische Gewinner, haben aber keine sichere politische Zukunft.

Auf der anderen Seite kann man zur Autonomen Region Kurdistan, deren Armee die Peschmerga sind. Die Autonome Region Kurdistan (Kurz: Kurdistan) hat ein souveränes kurdisches Gebiet, mit eigener Regierung, Parlament, Armee, Polizei welches im Paragraphen 141 der irakischen Verfassung garantiert und international (auch durch die Türkei) anerkannt ist. Sie stehen auch international besser da. Sie haben gute Kontakte zu den Alliierten Luftstreitkräfen, den USA, Deutschland und erhalten halbwegs moderne Waffen und Trainings. Aber die Peschmerga gelten für einige Jesiden als Verräter, die Regionalregierung als korrupt.
Sie sind also leicht der moralische Verlierer, haben aber eine sichere politische Zukunft.

Aber es gibt noch einen Punkt, der die Sache komplizierter macht: Will man (stark vereinfacht) Kapitalismus oder eine Art Sozialismus?

Die Autonome Region Kurdistan ist demokratisch und kapitalistisch. Die Ausrichtung der PYD ist nicht so einfach zu beschreiben. Sie möchten einen demokratischen Konföderalismus, welcher auf der Selbstverwaltung des Volkes in Kantonen basiert – ohne einen Staat zu haben. Spätestens beim Versuch dies der UN zu erklären, wird man vermutlich scheitern, ohne dass diese Organisationsform langfristig erprobt und gelebt werden kann.

Dass die Jesiden sich nicht einig sind, liegt auf der Hand. Aber mal ehrlich: Wer von uns wüsste, wen er wählen würde? Immerhin steht die Existenz des eigenen Volkes und die Heiligtümer auf dem Spiel. Es ist nichts was man „mal eben“ entscheidet und nichts, bei dem man die Entscheidung einfach umkehren kann.

Die Jesiden haben verschiedene Wege gleichzeitig verfolgt um ihr Ziel selbstverwaltet zu Leben zu verfolgen. Teilweise gingen diese verschiedenen Ansätze quer durch die Familien. Während Kasim Schesho sich mit seinen Leute den Peschmerga angeschlossen hat, hat sein Neffe Heydar Schesho die HPS weiter geführt. Heydars einzige Überlegung war: Was hilft den Jesiden jetzt am meisten und wer kann mit Waffen helfen? In seiner Not wandte sich der irakischen Zentralregierung in Bagdad zu und bat diese um Hilfe. Die Irakische Zentralregierung ist landesintern der Gegner der Kurdischen Regionalregierung. Man streitet sich um Öl, Macht, Geld und einen unabhängigen kurdischen Staat. Die HPS unter Heydar Schesho wurde rein rechtlich Teil der „al-Shabi Hashd“. Hierbei geht es um ein Rechtskonstrukt, um irakische Milizen im Kampf gegen den IS legal durch die irakische Regierung bewaffnen zu können. Dadurch war die HPS formal über den gleichen Weg wie die schiitischen Milizen im Irak registriert. Faktisch hatten sie nie miteinander zu tun. Die shiitischen Milizen sind Gegner der Peschmerga – somit gehörte die HPS damit formal zu Gegnern der Peschmerga – was nicht gewollt war, was sich aber aus diesem komplizierten juristischen Konstrukt ergab. Die schiitischen Milizen wiederum kämpfen zusammen mit Amerikanern und der irakischen Armee gegen den IS. Macht die Situation nicht leichter. Alle kämpfen gegen den IS, aber sind deswegen noch keine Freunde.

Heydar Schesho wurde von den Sicherheitskräften der kurdischen Regionalregierung (KRG) verhaftet und ihm wurde ein Ultimatum gestellt, die HPS dem Peschmergaministerium zu unterstellen, dem er sich auch beugte.

Die Situation jetzt

Im Dezember 2014 wurde der nördliche Teil der Niniveh-Provinz von den Peschmerga zurück erobert, so dass sie nun wieder die Gebiete bis zum Norden des Shingalgebirges sichern. Dort stehen die jesidischen Peschmerga unter der Führung Kasim Sheshos. Westlich und teilweise südlich stehen die YPG und östlich und weiter südlich der IS. Auch im Ort Shingal kämpfen sie alle. Nun haben die alliierten Luftstreiftkräfte unter US-Führung begonnen die IS-Terroristen in Shingal zu bombardieren und die Bodentruppen müssen bald in die Stadt. Nach eigenen Aussagen haben sowohl Peschmerga als auch die YPG mehr als 5.000 Mann bereit stehen. Jedoch wollen die Peschmerga, dass sich die YPG zurück zieht, damit sie frei operieren können. Das bedeutet aber auch, dass die Peschmerga den Sieg über Shingal für sich beanspruchen. Diesen Sieg möchte aber auch die YPG für sich beanspruchen. Gegeneinander kämpfen will man sicher auch nicht. Es ist etwa wie als die Amerikaner und Russen gemeinsam Hitler jagten: So lange der Feind weiter weg ist, kann man ihn gut von zwei Seiten jagen. Aber kurz vor dem Ziel möchte jeder die Trophäe für sich!

Somit stockt die Offensive derzeit und man kann nur hoffen, dass man sich schnell einig wird.