Piraten-Seminare in Hongkong

Seit einigen Jahren kommt jedes Jahr ein Praktikant der Hongkong Baptist University (der Name mag täuschen, es geht nicht um Religion) in mein Unternehmen. Die Studenten sollen den Alltag und die Funktionsweise deutscher Unternehmen kennen lernen und ihre Deutschkentnisse optimieren. Da ich in der vergangenen Woche beruflich in Hongkong war, nutzte ich die Gelegenheit, um an der Universität Seminare über die Piratenpartei zu halten.

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Honkong rock city!
Hongkong gehört zu den spannendsten Städten, die ich bisher gesehen habe. Und auch politisch ist diese Sonderverwaltungszone sehr interessant. Mit eigener Verfassung, eigenen Gesetzen und eigener Währung ist es hier doch sehr anders als damals in Shanghai. Es gibt freies Internet und freie Presse, der HDI Rang ist 13 (und somit weit vor Frankreich). Seit 1997 gehört Hongkong zu China. Viele Leute wissen nicht, dass Hongkong-Island nach dem Vertrag von Nanking permanent Großbritannien gehörte und nicht hätte zurückgegeben werden müssen. (Funfact: Der Vertrag regelte auch eine Reparaturzahlung von China an England, weil 20.000 Kisten britisches Opium vernichtet worden waren.)

Touristenfreundlich
Die Stadt ist die touristenfreundlichste Stadt, die ich bisher kenne. Das liegt zum einen daran, dass Englisch die 2. Amtssprache ist und man somit gut klar kommt, zum anderen daran, dass viele Details einfach durchdachter sind. Schnell fallen einem die diversen Hinweisschilder auf. „Please use a handrail“, „watch your step!“, „mind your toes“ und so weiter. Viele gefährliche Stellen (Anfang einer Rolltreppe, sich schließende Türen usw.) piepen zusätzlich, sodass man nicht davor läuft, wenn man auf dem Handy tippt. Das Nahverkehrsnetz ist super ausgebaut und gerade die Metro hat es mir angetan:

  • Am gegenüberliegenden Bahnsteig befinden sich nicht die Bahnen, die in die gegenläufige Richtung fahren, sondern die sinnvollste Anschlußmöglichkeit.
  • Die Ausgänge der Stationen haben Buchstaben, mit denen man sie identifizieren kann und zudem umfangreiche Hinweiseschilder.
  • Es gibt immer gute Übersichtspläne der Station und der Umgebung.
  • Es gibt Stationspläne für Blinde, die eine Melodie spielen, damit man sie gut findet.
  • Die Ticketautomaten der Metro haben einen aufgedruckten Plan, auf dem man nur die Zielstation antippen muss, um ein passendes Ticket zu kaufen.

hk-octopus-scanBeim Betreten und Verlassen einer Station geht man, wie in vielen Städten der Welt üblich, durch ein Drehkreuz, an dem man sein Ticket durchzieht. Dies hat viele Vorteile: Man kann nicht aus versehen schwarzfahren, und wenn man sich verfahren hat, kann man kostenlos zum korrekten Ziel, da immer nur die Distanz zwischen Start und Ziel berechnet wird. Statt Tages-, Wochen- und Monatskarten gibt es eine Prepaidkarte mit NFC-Chip. Mit dieser Karte kann man auch in etlichen Nudelbuden, Bäckereien, Kiosken usw. zahlen. Da es keinerlei Authentifizierung gibt und die Leute vor Ort es gewohnt sind, das Portemonnaie einfach vor den Scanner zu halten, funktioniert das ganze irre schnell.

Die Menschen in Hongkong sind auch einfach freundlich und aufgeschlossen. Man bekommt immer freundliche schnelle Antworten, wenn man irgendwelche Fragen hat. Praktische Dinge wie: „Wie bekomme ich hier mobiles Internet?“ oder „was steht da auf der Speisekarte?“ wurden mir nicht einfach nur beantwortet, mir wurde immer ein Mehrwert mitgegeben. Beim mobilen Internet richtete mir jemand noch die Software für die Wlan-Hotspots in der U-Bahn ein. Bei der Speisekarte gab es direkt eine Empfehlung für besonders gutes Essen.

Neben dem Hafen mit der bekannten Skyline muss man natürlich Mong Kok gesehen haben. Hier wohnen pro Quadratkilometer etwa tausend Mal so viele Leute wie im Durchschnitt in China. Hier findet man die Straßenschluchten, Märkte und Neonreklamen, die man aus den Jackie Chan-Filmen kennt.

Hongkong Baptist University
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Die HKBU hat ein großes Department für „European Studies“. Dort lernen die Studierenden die Kultur, Wirtschaft, Geschichte und Politik Europas und einzelner Länder kennen. Das internationale Team, das das Department leitet, ist äußerst engagiert. Durch die Zusammenarbeit mit Dr. Tushar Chaudhuri aus dem „german stream“ kenne ich die Zusammenarbeit von mehreren Seiten. Um die Praktikanten in Deutschland kümmert er sich sehr umfangreich, ich werde immer wieder gefragt, ob alles gut funktioniert und er besucht seine Studenten hier, um sich von einer guten Zusammenarbeit zu überzeugen.

Auch vor Ort hatte ich den Eindruck, dass alle Einrichtungen sehr gut ausgestattet sind und man auf die Welt dort draußen vorbereitet wird. Besonders hatte mich beeindruckt, dass man dort ganz praktisch den kritischen Umgang mit der Regierung lernt. Ein Nachbargrundstück war der Uni zugesagt worden und soll nun doch gewinnbringend verpachtet werden. An der gesamten Uni hängen große Plakate mit dem Aufruf, dagegen zu protestieren. Man kann sich in einem Blog der Uni über OccupyHK informieren und offen mit Studenten über die Bewegung sprechen. Das zeigt deutlich, wie unabhängig Hongkong von der Regierung in Peking agieren kann.

An der Universität hielt ich am European Studies Department auf deutsch und englisch Seminare mit langen Diskussionen über die Piratenpartei in Deutschland. Die wichtigsten Fragen für solche Seminare sind: Wo kommt der Name her? Worum geht es da? Woher kam der plötzliche Erfolg? Und woher der Absturz?

Da ich erwartet hatte, eher grundlegende Seminare zu halten, war ich positiv von den Studenten überrascht. Sie kannten sich gut mit der Partei und den Strukturen aus und hatten sehr konkrete Fragen zu bestimmten Gestaltungsmöglichkeiten.

Es ist immer sehr schwer zu erahnen, welches Wissen man voraussetzen kann, daher versuchte ich alles nötige Vorwissen grundlegend zu erklären. In einer Stunde das föderale System der Bundesrepublik Deutschland und die Idee der Machtzerstreuung als Folge des Zweiten Weltkriegs zu erklären, ist schon schwer. Ich musste es in etwa drei Minuten Vortrag packen. Danach ein kurzer Abriss über Parteiengründung, Unterstützungsunterschriften, Parteienfinanzierung und den ganzen rechtlichen Rahmen, in dem man sich dann bewegen muss. Dafür hatte ich ebenfalls wenige Minuten.

Die Unterschiede zwischen den Piraten und den etablierten Parteien erklärte ich dann mit einem einfachen Beispiel: Wie bringt man einen Antrag auf den Bundesparteitag? Ich hatte die Folien für die verschiedenen Seminare auf verschiedenfarbigen USB-Sticks, um keinen Fehler zu machen – und vergaß natürlich einen der Sticks. Daher musste ich genau diesen entscheidenden Punkt am improvisierten Whiteboard aufmalen. Das stellte sich aber als die viel bessere Lösung raus, da man das ganze noch beim Erzählen gestalten konnte. Dass die Zuhörer die Details dabei kaum verstehen, spielt eigentlich keine Rolle. Sie haben verstanden, dass es bei der einen Partei sehr viele Schritte und Filter gibt und bei uns kaum. Nachdem die Partei mit ihren Vor- und Nachteilen im Groben erklärt war, folgte jeweils eine lange und spannende Diskussion.

Bei einem der Seminare waren Mitarbeiter des Generalkonsulats und der Regierung dabei. Dies machte die anschließende Diskussion für mich sehr interessant. Diese Außensicht auf die Partei ist immer wieder spannend, da ich vermutlich sehr unter Betriebsblindheit leide.

Was nun?
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Die Gespräche waren alle sehr spannend und haben wir erneut gezeigt, wie die Partei nach außen hin wirkt. Und es ergaben sich spannende Einladungen zu anderen Organisationen, sodass ich erneut nach Hongkong reisen werde. Die Stadt ist faszinierend, und ich freue mich auf weitere Trips.