Primärquellen for the win!

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Selber gemacht: Reenactor im Berliner AGH

Immer wenn ich zu einem Thema ein Urteil fällen oder eine Meinung abgeben muss, versuche ich zunächst, die Fakten auf dem Tisch zu haben. Wenn ich im Starbucks gefragt werde, was ich haben möchte, fällt das eher leicht. Ich habe Erfahrung mit dem Laden, ich weiß, was mir schmeckt. Und das schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich ein paar Euro in den Sand setze. Bei der Frage zum Konflikt in der arabischen Welt ist es dagegen so kompliziert, das ich auch nach jahrelangem Kontakt damit nicht abschließend durchblicke.

Immer ist mein Vorgehen gleich: Was ist die beste ungefilterte Quelle, die ich haben kann? Kann ich selber hin und mit den Leuten sprechen? Kann ich es selber sehen, anfassen und ausprobieren? Nichts ersetzt eigene Emotionen und eigene Erinnerungen. Geht das nicht, so müssen Primärquellen wie Zeugenaussagen, Gedächtnisprotokolle usw. her. Erst dann kommen Zeitungen, Depeschen und ähnliches zum Einsatz.

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Selber gemacht: Beim Rettungsdienst verletzte versorgt

Bei den meisten Themen verstehen die Leute, das man sich informieren will. Bei wenigen Themen wird es schwierig. Als ich mich informiert habe, wie Kinderporno-Ringe funktionieren (weil es gerade in den Medien war), wurde ich schräg angeguckt. Als ich mich regelmäßig mit inhaftierten Straftätern (kein KiPo, eher Drogen, Gewaltverbrechen etc.) in der JVA Bochum traf und mit diesen redete, wurde gefragt, warum ich das mache. Und als ich „Mein Kampf“ von Hitler las, vermuteten einige einen Drift nach rechts. Als ich mit Anfal-Opfern in Kurdistan-Irak sprach, war das wiederum kein Problem. Es gibt offensichtlich Beißreflexe bei bestimmten Themen der deutschen Geschichte. DDR-Aufarbeitung ist kein Problem, bei der Nazi-Zeit kommt es drauf an, wie genau man vorgeht. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass „Mein Kampf“ nur so sagenumwoben ist, weil es kaum jemand gelesen hat. Es ist ein inhaltliches Dreckswerk, dessen Schöpfungshöhe kaum das Urheberrecht rechtfertigt und eine Beleidigung für Augen und Gehirn darstellt.

Heute wurden mehrere Bücher aus meinem Hause von Rainer Klemke und Prof. Laurenz Demps zur NS-Zeit vorgestellt. Prof. Demps sagte:

Es gibt einen Unterschied zwischen verstehen wollen und Verständnis haben.

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Selber gemacht: Mit Bristol SK4 Weste rennen

Das trifft es genau. Das Buch „Das Braune Berlin“ wird wohl nie wirtschaftlichen Gewinn bringen. Sven Felix Kellerhoff und Wieland Giebel haben tausende Seiten an Quellen gewälzt, einen Stapel Bücher dazu aus irgendwelchen Antiquariaten und Archiven besorgt und diese monatelang durchgearbeitet. Nun hat man eine schöne Übersicht an Quellen, die man ziemlich im Original lesen kann, versehen  mit hilfreichen Kommentaren. In einem anderen Buch zeigen wir, wie Göbbels durch seine Propaganda den Weg der NSDAP an die Macht Stück für Stück aufgebaut hat. Wenn man verstehen will, wie diese Rattenfänger damals gearbeitet haben, muss man solche Quellen sehen und damit arbeiten. Niemand wird dadurch zum Neonazi, dass er versucht, die Propaganda und die Methoden der NSDAP zu durchschauen. Im Gegenteil – je mehr Menschen verstehen, wie Propaganda und die schleichende Korrumpierung der Bevölkerung funktionieren, desto sicherer können wir sein, dass sich so etwas in Deutschland nicht wiederholt.

Ich finde es schlecht, dass auch in Deutschland viele Quellen bis heute kaum zugänglich sind oder fast nicht publiziert werden können. Dies hilft nur bei der Mythenbildung. Wir haben nicht mehr 1946, wir haben eine aufgeklärtere, mündigere Gesellschaft und wir lernen in der Schule, besser mit Quellen umzugehen. Prof. Demps sagte dazu:

Wer missverstehen will, der wird missverstehen. Doch die politische Reife, die Kenntnis über die Zeit des Nationalsozialismus ist so breit, dass Missverständnisse nicht entstehen können.

Diese Aussage kann man getrost auf andere Themen übertragen.

Auf der anderen Seite sehe ich viele Leute, die sich nicht mal die Mühe machen, Primärquellen zu suchen und zu lesen, sondern lieber Zusammenfassungen lesen. Fefes Blog z.b. gibt einen schönen Boulevard-Überblick über die Weltpolitik. Doch obwohl er umfangreich Quellen verlinkt (und diese durchaus bewertet), kenne ich sehr viele Leute, die ungeprüft seine Meinung übernehmen. Wir haben also eine Welt, die einem so gute Möglichkeiten bietet, die Welt zu verstehen, – und dennoch nutzen dieses Angebot nur vergleichsweise wenige Menschen.

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Selber gemacht: Minenfelder in den Golan-Höhen angesehen

Natürlich ist das nicht immer einfach, es ist sogar meistens eher unbequem und aufwändig. Will man einen wirklich tiefen Einblick gewinnen, reicht der kurze Blick ins Internet oft nicht, allein schon wegen der unglaublichen Fülle an Informationen und der Bestrebung in unserer Gesellschaft, alles möglichst kurz und einfach darzustellen. Viele Detailinformationen wie – um bei dem Beispiel des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Berlin zu bleiben – die Wahlstatistiken der Weimarer Republik sind bis heute nicht zusammengetragen oder vollständig analysiert, geschweige denn komplett und kommentiert im Internet einsehbar. Steht man dann vor einem Berg unsortierter, unkommentierter Daten und Statistiken, ist man leicht überfordert. Meistens ist es deshalb ein guter Ansatz, sich grob in ein Thema einzulesen, sich das „Drumherum“ anzugucken, bevor man sich mit spezielleren Aspekten oder einzelnen Ereignissen auseinandersetzt. Und dann hat man auch die Basis gewonnen, um sich mit Primärquellen sinnvoll auseinanderzusetzen. Denn selbst die beste Primärquelle hilft einem keinen Schritt weiter, wenn man sie nicht versteht oder sie nicht in ihren (groben) Kontext einordnen kann.

Tut euch allen einen Gefallen: Lest Primärquellen, fragt die Leute, über die geschrieben wird, selber und guckt niemanden schräg an, der sich informiert. Informationen sind immer gut. Man muss sie nur selber bewerten (lernen). Und man darf nicht alles glauben, was irgendwo geschrieben steht.

  • gvinevere

    Lieber Enno, vielen Dank für deinen Appell! Ich bin da voll bei dir.

    Leider ist es in Schulen jedoch Alltag, dass die Schüler, welche die Themen hinterfragen, als „Streber“ abgestempelt werden und zum Aussenseiter mutieren. Schon davor, in den Kindergärten, gelten die besonders interessierten Kinder, die den gesamten Tag Fragen stellen als „unbequem“, „nervig“, „laut“…
    Wir haben da in meinen Augen ein gesellschaftliches Problem. Auf der einen Seite möchten alle gut informierte Bürger sein/haben, im späteren Arbeitsleben sollen die Leute möglichst versiert in ihrem Fachgebiet sein und sich ständig weiterbilden, auf der anderen Seite wird die Wissensaneignung schon im Kindesalter unangenehm stigmatisiert.