Selber denken, auch beim Leistungsschutzrecht

1% der Verlage mahnt ab

Ich höre regelmäßig von „den Verlagen“. Das sind die Leute, die andere Menschen ausbeuten und für Leistungsschutzrecht sind. Das ist ein schönes Feindbild, und man kann es gut festigen. Verleger haben Millionen auf dem Konto und keine Moral. Schöne einfache Welt.

In Deutschland gibt es ca. 2.000-5.000 Verlage (die Zahlen variieren, da die Grauzone bei Kleinst- und Eigenverlagen unklar ist). Und immer, wenn ich mit Verlegern rede, passen diese nicht ganz ins Klischee. Sie haben Geldsorgen (nicht zwingend privat, aber das Geschäft läuft nicht gut), sie überlegen, wie man neue Geschäftsmodelle etablieren kann, und sie halten nicht viel von Abmahnungen. Ich evaluiere solche Dinge, indem ich mit anderen Leuten rede. Vor einiger Zeit hatte ich recherchiert, wie viele deutsche Verlage privates Filesharing abmahnen. Ich bin auf nicht einmal zwanzig gekommen. Also irgenwo zwischen 0.5 und 1% der Verlage.

Wenige sind für das Leistungsschutzrecht

Nun wird die nächste Sau durchs Dorf getrieben: das Leistungsschutzrecht. Ich habe noch mit keinem Befürworter selber geprochen; persönlich finde ich die Idee bedenklich. Jedoch sehe ich hier das Gleiche wie bei den Abmahnungen: Leute, die kaum Ahnung von der Materie haben, verteufeln wieder „die Verlage“, haben aber nie den Kontakt zu Verlegern gesucht, die das LSR befürworten, und kennen oft deren Sicht gar nicht. Auch wird gerne ignoriert, dass das Leistungsschutzrecht einem Buchverlag nichts bringt. Einem Musikverlag auch nicht. Ebensowenig einem Videoverlag. Einzig für Presseverlage ist es interessant. Ich suchte nach einer Liste von Verlagen, die das Leistungsschutzrecht unterstützen. Ich treffe dabei regelmäßig auf diese Liste. Dort stehen 262 Webseiten, die zu Verlagen gehören. Wie viele Verlage es nun tatsächlich sind, wollte ich nun nicht raus suchen. Aber ich vermute, dass es der kleinere Teil ist. Wie so oft.

Auf was will ich hinaus?

Ich spreche mit allen

Leute, die viel Nachrichten konsumieren und gut informiert sind, regen sich oft darüber auf, dass viele Uniformierte einer vorgegebenen Meinung folgen, ohne diese zu hinterfragen. Allerdings ist man als besser Informierter nicht selten in der Minderheit und muss sich vieles anhören. Man ist der ewige Zweifler, der Verschwörungstheoretiker oder ähnliches. Auch Fakten halten das Gegenüber nicht davon ab, sein Halbwissen kund zu tun.

Im Verlagswesen kenne ich mich gut aus. Und ich versuche, mich bei allen Themen aus erster Hand zu informieren. Recherchiere ich z.B. ein paar Tage nach abmahnenden Verlagen und finde kaum welche, so wird dies von meinem Gegenüber gerne ignoriert oder darauf geschoben, dass ich selber Verleger bin. Infomiere ich mich nach den Gründen, das Leistungsschutzrecht zu unterstützen, dann liegt das nach der Meinung anderer daran, dass ich ein Verleger bin und auch für LSR sein muss.

Aber das ist man gewohnt. Als ich eine Woche in Israel war und dort viel mit dem Militär zu tun hatte, wurde mir eine „pro Israel„-Einstellung vorgworfen. Mein Besuch in Kurdistan sorgte für den Vorwurf einer „anti türkischen“ Einstellung.  Und da ich oft in Justizvollzugsanstalten mit Häftlingen sprach, muss ich wohl eh kriminell sein. Unreflektierte Vorurteile, die der Komplexität einer Sache gar nicht gerecht werden können.

Selber recherchieren

Inzwischen sehe ich dies als guten Filter. Es gibt Leute, die sich wirklich kritisch mit ihrer Umwelt befassen, und es gibt die, die alles glauben. Beides ist ok für mich. Und dann gibt es die Leute, die meinen, informiert zu sein, aber nie Primärquellen benutzen. Die sind anstregend, da sie meist Überzeugungstäter sind – oft ohne es sich selber einzugestehen. Da ich, was Shitstorms angeht, mit 15 Jahren Chaos Computer Club eine harte Schule durchlaufen habe, komme ich damit inzwischen gut klar und habe einen einfachen Weg, damit umzugehen.

Ich werde weiter meine eigenen Recherchen anstellen und weiterhin eine eigene Meinung zu Themen haben. Und ich werde sie auf Fakten basieren lassen und nicht auf der Meinung meiner Peergroup. Dadurch verändert sich meine Peergroup stätig, aber das ist mir lieber, als wenn ich mich ändere.