Twitter – was ist das und warum?

Twitter wird oft als „Kurznachrichtendienst“ bezeichnet und ich finde das verwirrend. Nachrichten sind für mich komprimierte Berichte die aus einer Informationsflut gebildet wurden. So wie Nachrichtendienste und Nachrichtenagenturen das machen. Twitter ist eher das Gegenteil: Man hat eine Nachricht und 1.000 Leute dröseln sie wieder auf. Auf der anderen Seite sind Kurznachrichten ja auch SMS-Nachrichten. Aber die gehen ja von einer Person an eine Person, sind also nicht öffentlich.

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Auf twitter kann ich, öffentlich oder nur für meine „Follower“, 140 Zeichen Lange Texte schreiben und auch noch ein Bild anhängen. Mit „Hashtags“ also Schlagwörtern kann ich ein Thema zuordnen und ich kann andere Benutzer ansprechen. Klingt simpel, aber genau das ist doch das tolle: Simpel. 3 Funktionen, eine Suchmaske, und auf jedem Gerät (Handy, Tablet, Computer) verfügbar frisst kaum Bandbreite. (Ja, es gibt noch etwas mehr: Man kann die Beiträge anderer favorisieren, man kann sie wiederum seinen Followern zeigen (retweet) und man kann untereinander private Nachrichten senden)….aber was macht man nun damit?

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followed.io sagt mir, welcher Promi mir folgt

Am Anfang habe ich es benutzt um im Groben auf dem Laufenden zu sein, was meine technisch orientierten Freunde so tun. Einer ist Shoppen, einer auf nem Boot, jemand langweilt sich im Büro. Man kann zwei Minuten rein gucken, während man auf die S-Bahn wartet, kann aber jederzeit aufhören ohne dass man etwas verpasst. Auf der anderen Seite kann man es als universellen Chat benutzen, wenn etwas passiert. Sei es eine Papstwahl, Krieg in Israel, eine Jauch Sendung oder auch nur das Stadtfest. Immer gibt es einen Hashtag über das man andere findet die das Thema interessiert. Jemand kann einem sagen wo es am Flughafen den besten Kaffee gibt, man bekommt kritische Links über Jauchs Gäste und man kann selber etwas beisteuern.

Auf der anderen Seite bewerbe ich dort meine Blogposts, schreibe in welcher Stadt ich gerade bin und guck ob ein Follower zufällig Zeit für ein kurzes Gespräch am Bahnhof hat oder frage ob ein Vortrag rechtzeitig anfängt.

Es ist also eine Mischung aus Entertainment und Mehrwert. Aber viel mehr würde ich ihm nicht bei messen. Ein großes Manko (auch wenn es andererseits ein Vorteil ist) ist die Beschränkung auf 140 Zeichen. Spricht man dann noch einen anderen Benutzer namentlich an hat man eher 130 Zeichen. Ich kann also gut fragen ob er heute Abend Zeit hat oder ob er mir einen Link schicken kann, ich kann aber keine Sinnvolle Diskussion führen. Zusätzlich sehen auch andere, was ich schreibe und mischen sich z.b. in eine Diskussion ein bei der man gerade versucht ein Missverständnis zu klären. Auch lauern Berufsempörte in meinem Umfeld die nur darauf warten dass man eines ihrer Stichwörter verwendet um einem dann einen Strick daraus zu drehen (eigentlich egal ob es gerade passt oder nicht). Für diese Leute ist es auch Entertainment und Zeitvertrieb, wie man daran sieht, nur nehmen sie das ganze meist zu ernst.

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Wie viele Tweets pro Monat?

Solche Leute also welche die mich irgendwie diffamieren oder in rhetorische Fallen locken wollen oder ähnliches, blocke ich bei Twitter. Das heißt: Ihre Beiträge werden mir nicht mehr angezeigt. Das ist etwa so dramatisch, als würde ich ihre Homepage nicht lesen oder als würde ich Bücher die sie publiziert haben nicht lesen. Jedoch wird es auf Twitter oft als eine Kriegserklärung oder Beleidigung gesehen. Nicht selten bemühen Leute das Wort „Zensur“. Was ja sehr lustig ist weil ich sie eben nicht am verbreiten ihrer Meinung hindre, sondern mich höchst-selbst am Lesen dergleichen. Ich habe genug Länder besucht in denen es Zensur gibt, ich würde das Wort nicht so abnutzen wollen.
Auch könnten die Leute mir ja weiterhin eine Mail schicken, mich anrufen, einen Brief schreiben oder einfach vorbei kommen. Aber die Sozialkompetenz das scheint einigen Leuten in diesem Mikrokosmos verloren zu gehen. Wie geht man also damit um?

Die üblichen Twitter-Programme haben verschiedene Darstellungsformen. So kann man sich z.b. alle Beiträge der Leute anzeigen lassen denen man folgt (die Timeline), man kann sich nur die Beiträge anzeigen lassen in denen man erwähnt wird (Mentions) oder man lässt sich alle Beiträge anzeigen, die beliebige Suchbegriffe beinhalten. Da ich in erster Linie Beiträge raus schicken und das Feedback darauf sehen will habe ich einfach meine Timeline ausgeblendet. Das spart viel Zeit und Nerven. Ich sehe also nur noch, ob mich jemand Erwähnt oder meine Beiträge favorisiert, aber das ganze Grundrauschen nicht mehr. Einen Schritt wie Lauer gehen und ganz auf Twitter verzichten möchte ich nicht, aber ich stand immer wieder kurz davor.

Von allen Sozialen Netzwerken die ich in den vergangenen 20 Jahren benutzt habe ist es das mit den meisten nervigen Leuten in meinem digitalen Umfeld. Auf der anderen Seite bietet es auch viele Chancen und eine gute Verbreitungsmöglichkeit für Informationen. Noch halte ich es aus. Sollte sich das mal ändern kann ich es einfach löschen ohne dass mit etwas essentielles im Leben fehlt.