Warum ich gegen Gefängnisstrafen bin

Todesstrafe für Mord – wo bleibt die Moral?

In den USA kann man für einen Mord zum Tode verurteilt werden. Das klingt immer wieder bizarr. Aber die USA sind eben komisch, was ihre Gesetze angeht. In Deutschland ist das anders, oder? Wer hier eine Freiheitsberaubung begeht, kann dafür eine Gefängnisstrafe erhalten. Ist das etwa weniger bizarr? Paragraph 239 des Strafgesetzbuchs sagt dazu:

(1) Wer einen Menschen einsperrt oder auf andere Weise der Freiheit beraubt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Der Staat darf einen also einsperren, weil er das Recht dazu hat. Das ist auch gesellschaftlich akzeptiert, da es ja ein Gesetz dazu gibt. Würde man nun aber Freiheitsberaubung legalisieren, dürfte jeder jeden einsperren. Das würde den Opfern sicher nicht gefallen, obwohl es ja legal wäre. Wir müssen also den Unterschied zwischen moralischen und rechtlichen Regeln ziehen. Aber gelten moralische Regeln nicht auch für alle? Müsste der Richter nicht auch ein schlechtes Gewissen haben, wenn er Leute einsperren lässt? Und was soll das Ganze überhaupt bringen? Ich versuche, die einzelnen Aspekte mal zu zerlegen.

Freiheitsstrafe und Gefängnisstrafe

In Deutschland gibt es eine Menge Strafen, die man bekommen kann. Die wichtigsten sind wohl Fahrverbot, Geldstrafen und Gefängnisstrafen. Die anderen interessieren die Leute meist weniger. Eine Freiheitsstrafe heißt übrigens nicht, dass man ins Gefängnis muss, denn es kann auch eine Bewährungsstrafe sein. Auch diesen Unterschied sollte man kennen, weil die Bezeichnung etwas irreführend ist. „Auf Bewährung“ gibt es maximal zwei Jahre, alles darüber sind wirklich Gefängnisstrafen.

Was tut man im Gefängnis?

Sieht man die Prospekte, dann sitzt man im Gefängnis in Therapiegruppen, hat Sozialarbeiter und kann in der Justizvollzugsanstalt seine Lehre oder sein Abitur nachholen. Das ist wie mit den Liebesgeschichten in Hollywood: Im Prinzip gibt es das, in der Realität aber eher selten. Die Gefängnisse, die ich von innen gesehen habe, waren eher langweilig. Die Gefangenen saßen vorm Fernseher rum, langweilten sich die meiste Zeit oder konnten für einen Hungerlohn die JVA renovieren. Das spart Steuergelder und wo soll man sich beschweren? Man sitzt da also mit rund 1.000 anderen Leuten rum, vor denen die Gesellschaft gerne die Augen verschließt. Der Abschaum, die Gefährlichen, das Pack. Und wenn man raus kommt, ist man gebrandmarkt. Also was soll man da groß machen, außer zu rauchen oder mit anderen Drogen anzufangen und sich gegenüber der Gesellschaft draußen zu verschließen? Die Erfolgsgeschichten sind eher selten. Es ist ein sehr trister, monotoner Alltag, der wohl niemanden resozialisiert oder zu einem besseren Menschen macht. Es ist wie bei einem Zootier, das vor sich hin vegetiert.

10 oder 20 Jahre?

Während also in Anbetracht der Anschläge in Oslo im vergangenen Jahr Leute überlegen, ob 20 oder 30 Jahre angebrachter sind, frage ich mich, wo der Unterschied liegt. Eingesperrt in einem Bereich so groß wie ein Wohnwagen, über Jahre hinweg mit wenig Ausgang. Macht eine Dekade mehr oder weniger da wirklich einen Unterschied? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit einer Messlehre sagen kann: „Eine Fautstschlag hat man nach 6 Monaten raus-resozialisiert, einen Mord nach 5 Jahren“. Und wie durch Feenstaubzauber sind die Menschen nach der Zeit besser? Es ist eher der alte Rache-Gedanke: Tut er jemandem etwas, so müssen wir ihm etwas antun. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber eigentlich ist es doch genau das, was unsere Gesellschaft verurteilt.

Strafe muss sein!

Nein, Hilfe muss sein! Und man muss dafür sorgen, dass die straffällig Gewordenen wieder einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten können. Man erreicht beides nicht, indem man sie einsperrt. Außerdem könnte man dann doch gleich dem Richter einen Knüppel geben. Mit dem brät er jedem eins über die Rübe, den er vor sich hat, mit unterschiedlicher Stärke. Geht einfacher, ist günstiger. Ist aber unmenschlich. Aber ist es wirklich nnmenschlicher, als jemanden für Jahre in Gefangenschaft zu halten? Man sollte sie in Freiheit lassen und den Weg zurück in ein normales Leben ebnen. Mit dem Gefängnis als Stempel werden sie (fast) nie wieder ihren Weg zurück finden, sondern „Outlaws“ oder Harz4-Empfänger bleiben.

Wenn Leute wirklich so akut fremdgefährded sind, dass man ihren Mitmenschen ein zusammenleben nicht zumuten kanne, dann gehören sie in eine geschlossene Psychiatrie, in der man ihnen helfen kann. Im Gefängnis sind sie jedenfalls definitiv falsch.

Kosten von Gefängnisstrafen

Gefängnisse sind Serviceeinrichtungen. Sie helfen uns, die Augen vor Problemen zu verschließen, in dem wir Probleme zusammenpferchen und Mauern darum bauen. Laut Berliner Zeitung kostet ein Inhaftierter pro Tag ca. 88,70€. Im vergangenen Jahr waren ganzeim März 71.200 Menschen in Deutschland inhaftiert. Jeder Tag kostete uns also über sechs Millionen Euro. Aufs ganze Jahr gerechnet sind das 2.305.135.600 Euro – und das nur, weil es kein Schaltjahr war!

Ein Sozialarbeiter verdient im Jahr durchschnittlich 32.112€ brutto. Also könnte man von dem Geld auch in 71.784 Sozialarbeiterstellen investieren und hätte somit mehr als Einzelbetreuung! Wahnsinn, oder? Damit dürfte man deutlich bessere Erfolgschancen haben. Dazu emfpehle ich auch dieses PDF zum Thema „Rückfallqouten“ von Weigelt.

Wie machen es die anderen?

Es gibt viele Rechtssysteme, die sich alle sicher sind, die besten zu sein. Die USA bauen die größten Toaster der Welt, die Norweger verbannen einen auf die Insel. Und das mit viel Erfolg und viel Liberalität. Man muss etwas für die Gesellschaft tun und sich so bewähren. Im Spiegel Artikel „Gefangen in Freiheit“ wird das System schön erklärt.

Unser System ist also teuer, ineffektiv und latent menschenverachtend. Warum sollten wir also dabei bleiben?

  • Stefan

    Wow,

    über genau die selben Gedankengänge habe ich letztens mit einem Bekannten diskutiert.
    Dein Artikel gibt so relativ genau das wieder, was ich versucht habe meinem Bekannten zu erklären.

    Menschen werden sich niemals bessern, indem man Sie einsperrt. Das funktioniert einfach nicht. Es ist der falsche Weg.

  • Leon

    Hey,

    auch wenn das eine tolle Idee ist muss ich sagen
    wenn es keine Strafen mehr geben würde, hätten
    wir viel mehr Menschen die so etwas probieren würden.

    Am Ende würde es nichts besser machen 🙁

  • liked malmeine fotosin fb !

  • Genau genommen geht es um erziehen. Die richtige Erziehung zu einem wertvollen und erfolgreichen Menschen beginnt schon im frühen Kindesalter. Dabei ist Umfeld, in dem das Kind seine Erfahrungen machen soll, von großer Bedeutung. Im frühen Kindesalter unter Kindern soll es Gutes vom Schlechten unterscheiden und leben lernen. Hir werden Charaktereigenschaften für das spätere Leben angeignet. Das Lernen für das Leben sollte sich nahtlos in der Schule fortsetzen. Sehr wichtig ist es, dass die Kinder in ihrem Leben erleben, dass es im Leben gerecht zugehen muss. Natürlich geht es weiter bei der Vorbereitung auf das Leben im Studium oder der Berufsausbildung. Die Humanistische Erziehung, ohne Gewaltanwendung, sollte prägend für das Leben sein. Es gäbe noch viel zu sagen, das geht in so einer Kurzfassung einfach nicht.

  • Loehm

    Wenn ein Sozialarbeiter ~32.000€ im Jahr verdient, dann heisst das nicht, dass er dem, der ihn bezahlt auch nur 32.000€ im Jahr kostet.

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