Wieso hilft man den Flüchtlingen? Ein Interview mit Bianca Völlink

Bianca im Einsatz

Bianca Völlink ist 22 Jahre alt und lebt im schönen Ruhrgebiet. Statt sich an den Wochenenden im Club mit ein paar Cocktails voll laufen zu lassen, arbeitet sie beim DRK. Aber warum eigentlich?

Wie kamst du eigentlich dazu anderen zu Helfen?

Ich habe bereits 2007 im Schulsanitätsdienst angefangen, weil die Medizin schon immer sehr spannend für mich war und ich mein Wissen nutzen wollte, um anderen zu helfen. Ich bin ehrenamtlich im Deutschen Roten Kreuz aktiv und habe mich bewusst dazu entschieden, weil dessen Grundsätze mich angesprochen haben. Da mir das Ehrenamt in Wuppertal so gut gefallen hat, habe ich mich hauptamtlich auch dem Rettungsdienst beim DRK Dortmund verschrieben.

Beim Katastrophenschutz fasziniert mich vor allem,dass man immer genau dort ist, wo Hilfe am allermeisten benötigt wird und dass man die Hand reichen kann, wenn andere sie brauchen. Ich mache es gerne weil man in einer großen Gemeinschaft mit einem tollen Team an der Seite für andere da zu sein darf und freudig eine große Verantwortung tragen kann. Es gibt viele verschiedene Bereiche, in die man sich und seine Stärken einbringen kann. Dabei geblieben bin ich, weil ich mich dort wohl fühle und es einfach gut tut, mit anderen etwas für andere zu tun. Zudem macht man die Welt so wenigstens ein kleines bisschen besser.

Du hattest auf Facebook über die Situation am Dortmunder Hauptbahnhof berichtet. Hattest du privat oder Dienstlich damit zu tun?

Ich war aus gesundheitlichen Gründen leider nicht am Dortmunder HBF. Ich habe es über Facebook erfahren und versucht, noch andere zu mobilisieren. Wenn ich nicht vor kurzem operiert worden wäre, hätte ich mich direkt auf den Weg gemacht. Ob ich privat oder dienstlich dort mitgeholfen hätte, hätte ich davon abhängig gemacht, wie der Bedarf gewesen wäre. Natürlich hab ich mich in gewisser Weise im Katastrophenschutz verpflichtet, das hätte an erster Stelle gestanden. Wenn sich allerdings dort genügend Helfer gefunden hätten und meine Mitarbeit nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre, wäre ich lieber privat gegangen. Dortmund stand des Öfteren mit so vielen Schlagzeilen in der Kritik. Leider ist die Stadt eine Nazihochburg und durch die Größe auch oft unpersönlich. Da hätte ich es unerlässlich gefunden, als normaler Bürger dieser Ruhrmetropole ein Zeichen gegen Rassismus, Hartherzigkeit und Unmenschlichkeit zu setzen- Einfach um zu zeigen, dass es auch anders geht. Dass wir eine bunte Stadt sind, die einander hilft, egal welcher Nation man angehört und welche Geschichte ein Mensch trägt. Und ich glaube, dass dieser Moment für die Menschen, die zur Zeit am meisten Hoffnung brauchen, bedeutend ist, denn wenn man jetzt eine helfende Hand und ein Lächeln schenkt, dann wissen diese vielleicht, dass sie endlich angekommen sind.

Wie hattest du von der Situation erfahren?

Ich habe über Facebook davon erfahren. Ich bin in diversen Gruppen auf dieser Plattform, die darauf aus ist, sich in Dortmund gegenseitig zu unterstützen. In denen hatten sich gestern Abend innerhalb kürzester Zeit so viele Menschen zusammen getan, um für andere da zu sein. Selbst im Vorfeld wurden Lebensmittel, Kleidung, Decken und Schlafsäcke über ein soziales Netzwerk organisiert. Eine Wahnsinnsleistung von den Menschen, die diese Aktion ins Leben gerufen und geteilt haben. Sie haben damit so viel erreicht,hierfür möchte ich meinen tiefsten Dank aussprechen.

Welche Informationen hattest du im Vorfeld bekommen?

Die Infos für mich ergaben sich nach und nach. Es war direkt klar, dass viele helfende Hände, Lebensmittel, Decken, und vieles mehr benötigt werden. Außerdem wurde direkt gewarnt, dass die Rechten wohl eine Demo angemeldet haben, um den Flüchtlingen und deren Unterstützern zu zeigen, dass sie in Dortmund nicht erwünscht sind. Es hieß, dass gegen drei Uhr etwa 1.000 Flüchtlinge in ein bis zwei Zügen ankommen. Erst im Verlauf zeigte sich, wie viele es wirklich werden. Die Ankunftszeiten der Züge änderten sich ständig. Das war schade, denn zumindest die Deutsche Bahn wüsste ja den genauen Fahrplan den Zuges gekannt haben. Klar war aber von Anfang an, dass es eine tolle Sache werden würde, solange die Situation mit den Neo-Nazis nicht eskaliert.

Wie war die Lage vor Ort am Bahnhof?

Der Dortmunder Hauptbahnhof ist in den letzten Stunden zu einem Ort der Nächstenliebe und Hoffnung geworden. Hunderte fanden zusammen, ob jung ob alt, egal welcher Nation angehörig, um die Flüchtlinge nach ihrer Odyssee willkommen zu heißen. Voller Eifer wurde mitten in der Nacht Hand in Hand begonnen, Lebensmittel zu Lunchpaketen zu schnüren, Decken zu stapeln, Willkommensplakate in allen Sprachen überall am Bahnhof aufzuhängen.
Es wurden Ketten gebildet, um die Feuerwehr beim Transport der Spenden in die nahe gelegene Anlaufstelle zu unterstützen. Es herrschte eine ruhige, friedliche Stimmung. Nur, als die Neo-Nazis im Bahnhof einmarschierten, gab es unschöne Momente. Die Lage entspannte sich dann wieder beim Abzug dieser. Da in diesem Moment auch klar war, dass die Züge mit den Flüchtlingen erst rund fünf Stunden später Eintreffen würden, wurde bei einem spontanen Auftritt einer Band noch etwas gemeinsam gefeiert. Als der erste Zug gegen 8.45 Uhr dann eintraf, standen die Dortmunder am Gleis, an den Aufgängen, ja eigentlich über den ganzen Bahnhof verteilt, um diese Menschen nach einer unglaublichen Tortour zu begrüßen. Sobald sich die Türen öffneten, klatschten und sangen Sie für die Flüchtlinge. Jeder freute sich, dass diese Menschen endlich dort waren, wo man ihnen helfen wollte. Flüchtlinge und Dortmunder weinten teilweise. Es gab kein Gedränge, niemand verursachte ärgerliches Aufsehen. Es war ein Handreichen in ein neues Leben.
In der Anlaufstelle, ca. 500 Meter vom Bahnhof entfernt, sind noch immer hunderte Helfer, die Dolmetschen und die gespendeten Dinge verteilen. Die Kinder spielen und man merkt, dass die Anspannung nachlässt. Immer noch kommen neue Helfer dazu. In den Netzwerken melden sich minütlich neue Hilfsbereite Menschen. Bürger kaufen zum Beispiel im Drogeriemarkt Dinge ein oder hinterlegen Sie an der Kasse zur Abholung. Es wird einem schnell klar, dass die Not der Flüchtlinge riesig ist. Auf der anderen Seite Herrscht jetzt schon Platzmangel im Spendenlager. Die Feuerwehr organisiert hierfür eine Annahmestelle. Hilfsorganisationen, Polizei, Feuerwehr und die Bürger Arbeiten Hand in Hand. Die Lage ist immer wieder unübersichtlich. Ein Teil der Flüchtlinge fährt direkt mit Bussen weiter zu unbekannten Zielen. Andere haben Zeit zu essen und arrangieren sich mit dem knappen Platz. Und immer ist da diese spürbare Herzlichkeit, die man sogar im Kontakt mit den Menschen mit bekommen, auch ohne selber vor Ort zu sein. Die Helfer powern seit gestern Abend durch, die Flüchtlinge sind erschöpft, aber unglaublich dankbar. Jeder tut das, was er kann. Es scheint chaotisch, aber es funktioniert!

Gab es besonders schöne oder traurige Momente vor Ort
Schöne Momente gab es viele. Gänsehaut bekam ich vor allem, als die Flüchtlinge am Bahnhof ankamen und wussten, dass ihnen nun nichts mehr passiert. Sie beim Öffnen der Türen wurde klar, dass sie keine Hassparolen hörten, sondern Willkommensgesänge und dass hier Menschen warten um ihnen zu helfen. Diese Massen von Menschen, die dort standen um anderen Mut und Hoffnung zu schenken, zeigten auch, dass am Ende die Menschlichkeit siegt. Natürlich war es auch vorher toll zu sehen, wie jeder einzelne tatkräftig mit anpackte. So ein Miteinander erlebt man in Deutschland nicht so oft.
Am traurigsten bin ich darüber, dass trotz dieser unglaublichen Not immer noch Menschen gibt, die so auf Krawall aus waren und Macht demonstrieren wollten. Damit meine ich die Neo-Nazis, die versuchten, die Hilfe zu behindert.

Hast du eine Erklärung für das Problem mit den Rechten in Deutschland?
Ich denke, dem liegen viele Faktoren zugrunde. Allem voran die Unwissenheit. Aber auch das Unverständnis zu verstehen, wie es sich anfühlt, aufgrund eines Krieges aus Angst alles aufgeben zu müssen. Das Unvermögen, die Scham zu sehen, die die Menschen mit dich tragen, weil sie hier ohne Hab und Gut ankommen und sich drauf verlassen müssen, dass man ihnen hilft. Sich abhängig von einem System machen, welches sie vielleicht noch nicht mal kennen. Ist das nicht der größte Vertrauensbeweis, den man sich entgegen bringen kann? Es ist doch eher ein Geschenk.
Es fehlt die Aufklärung darüber, was wirklich anderswo passiert. Was für Menschen hinter den Nachrichten stecken, die man jeden Tag im TV sieht. Aber das größte Problem ist, dass Hetzen für einige einfacher ist als Helfen und dass Ignoranz den Menschen nicht dazu zwingt, sich mit Not zu befassen. Dass es einigen Spaß macht, sich in einer scheinbar Starken Gruppe über andere zu stellen und diese nieder zumachen. Das sind dann die, die wohl nichts anderes im Leben zu tun haben – als würde Ihnen die Welt alleine gehören.
Diese Menschen, für die ich nichts als Abneigung empfinde, würde ich gern Mal für zwei Wochen ins Krisengebiet schicken. Diese wären wohl die ersten,die von allen anderen Hilfe erwarten. Aber gerade heute habe ich in Dortmund gesehen, dass es noch Menschen gibt, die anders sind und deren Lebensinhalt es ist, andere glücklich zu machen!