Abschreiben für Fortgeschrittene

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Wenn ich eine Headline wie „Café mit Maschinengewehr überfallen“ lese, dann frage ich mich direkt, was dort nicht stimmt. Ein Maschinengewehr ist ein sehr großes Gewehr, wie Rambo eins umhängen hat. Mit Munitionsgurt liegt man da gerne mal bei 20-30kg. Eher unhandlich für einen Raubüberfall. Dort würde man, wenn überhaupt, ein Sturmgewehr nehmen. Aber wenn man ein Sturmgewehr hat – warum „nur“ ein Café überfallen? Da würde doch vermutlich eine Attrappe davon reichen. Oder stimmt an der Geschichte einfach gar nichts?

Genau diese Geschichte wurde vor wenigen Tagen von allen Zeitungen berichtet. Von FAZ über N-TV bis zur Berliner Zeitung wurde so berichtet. Die Berliner Zeitung korrigierte später auf „Maschinenpistole“ – und nahm als Symbolbild ein Sturmgewehr.

Was mich in der Geschichte am meisten stutzig macht ist, dass die Täter fliehen konnten und die Waffe nicht gefunden wurde. Es wurde auch niemand durch die Waffe verletzt. Woher weiss man also, dass es sich um eine Schusswaffe gehandelt hat und eben nicht um eine Attrappe oder etwas anderes. Kurz gesagt: Man weiss es gar nicht. Und das ist kein Einzelfall, sondern passiert genau so dauernd. Aber wie kommt es dann zu diesen Headlines?

In dem Fall fragte ich bei einer der Redaktionen nach, woher sie das wissen. Jede Redaktion erklärt mir immer, dass sie nichts ohne Factcheck und ausführliche Prüfung veröffentlichen. In der Praxis passiert das natürlich fast nie. So auch in diesem Fall. „Das war eine DPA Meldung!“. Nun, es mag sein, dass das in einer DPA Meldung stand. Und ich weiss auch, dass die DPA bei vielen Journalisten als unantastbar gilt und per Definition nie Fehler macht… aber selbst die DPA schickt andauernd Korrekturen zu ihren Meldungen raus. Und auch dann muss man so eine Meldung als guter Journalist prüfen. Vor allem, wenn es logisch gar nicht funktioniert. Die Waffe wurde identifiziert – aber niemand hat sie genauer angesehen. Aber dieser Fehler scheint niemandem außer mir aufzufallen. Ich fragte also die DPA, was ihre Quelle sei. Diese sagten, es sei die Aussage der Polizei gewesen. Also fragte ich dort an. Die Polizei wiederum sagte mir, dass das die Aussage eines Zeugen gewesen sein. Ob dieser sach- oder fachkundig ist war nicht bekannt. 

Am Ende wurde also aus der subjektiven Aussage eines (vermutlich weder fach- noch sachkundigen) Zeugen ein Fakt in der FAZ Headline. Sowohl die DPA, als auch die Zeitung sahen darin aber gar kein Problem. Die Zeitung schob es auf die DPA: „da haben wir ja nichts mit zu tun“. Die DPA sagte, sie haben aufgrund meiner Recherchen die Meldung geändert – natürlich ohne mich zu erwähnen. 

Aber das ist kein Einzelfall. Alleine diesen Monat habe ich mehr als zehn verschiedene Fälle gefunden, bei denen über eine „Schusswaffe“ berichtet wurde, bei der dann Täter und Waffe nicht gefunden wurden. Eine Schusswaffe heisst, dass bei der Waffe ein Projektil durch einen Lauf getrieben wird. Also keine Attrappe und keine Schreckschusswaffe. Bis man die Waffe in den Händen hat, kann man kaum sagen, um was es sich genau handelt. Außer, es wurde tatsächlich mit geschossen und die Projektile schlugen irgendwo ein. 

Ist das wichtig? Ja! „Schusswaffe“ klingt viel reißerischer. Das lesen mehr. Und das ist genau das Niveau, welches man der Bild Zeitung unterstellt und wo man selber immer viel besser ist. Man erzeugt also ein Gefühl von Gefahr und Unsicherheit, wo es in der Größenordnung gar nicht zwingend vorhanden ist. Zum anderen lese ich eine Zeitung, weil ich Fakten oder Einordnungen von Gerüchten lesen will. Nicht, weil ich halbgare Vermutungen lesen will, die nicht mal als solche gekennzeichnet sind.

Wenn ihr also das nächste Mal etwas von „Schusswaffe“ und „Täter unbekannt und flüchtig“ lest, fragt mal nach. 

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Titelbild: Cc-by-sa 4.0 Vitaly V. Kuzmin