Beliebt, bedroht, beschossen – Leben mit Morddrohungen

Drohungen Enno Lenze

Derzeit haben 581 Personen angekündigt, mich töten zu wollen. Wie sie die Reihenfolge festlegen wollen, ist mir unklar – aber wäre für mich dann ja auch das gleiche. Als ich mal beschossen wurde, wurde das auch nicht erst lange in schlechter Rechtschreibung angekündigt. Daher nehme ich diese auch nur bedingt ernst.  Kompliziert wird es, weil meine Lebensweise verschiedene Leute in verschiedenen Ländern auf verschiedene Art aufregt und ich daher unterschiedlich darauf reagieren muss. Unterm Strich leben ich aber ganz gut und habe auch keine Angst im Alltag.

Was ist an meinem Leben so besonders?

An sich finde ich mein Leben ziemlich normal. Ich hasse rassistisches Pack, Antisemiten und allgemein diskriminierende Menschen. Und ich stehe dazu – immer und überall. Ich betreibe die Dokumentation “Hitler – wie konnte es geschehen” im Berlin Story Bunker. Dort erklären wir das Pack im Detail und geben den Opfern (auch auf Bildern) viel Raum. Für eine Installation habe ich mal eine Hitler-Büste mit einem Hammer zertrümmert. All das reicht aus, um Leute, die sich freiwillig dem Bildungssystem entzogen haben, gegen sich aufzubringen.

Ich bin als Kriegsberichterstatter in der Autonomen Region Kurdistan gewesen und habe die kurdische Armee im Kampf gegen den IS begleitet. Damit bringe ich zwei weitere Gruppen gegen mich auf: Die Fans des IS und türkische Nationalisten, die schon beim Begriff “Kurdistan” das Gehirn abschalten und Schaum vor dem Mund bekommen. Aber was kann ich dafür, dass die Region laut irakischer Verfassung so heißt?

Zu guter Letzt springe ich gerne auf Events wie dem Christopher Street Day (Gay Pride Parade, Regenbogenparade) rum. Reicht auch völlig aus, um Homophobe gegen sich aufzubringen. Aber was heißt das nun im Alltag?

Wie lebt man mit den Drohungen?

Ich erhalte die Drohungen meist per Internet. Sei es per Mail, auf Facebook oder in Foren, in denen über mich geschrieben wird. Wenn es mich direkt erreicht, geht es an die Polizei Berlin weiter und wird dort meist vom LKA behandelt. In seltenen Fällen ist es andersrum: Die Polizei findet es irgendwo und weist einen darauf hin. Oft lassen sich die Täter ermitteln – und sind dann völlig überrascht! Mal haben sie mit unterdrückter Rufnummer angerufen, und dachten, dann seien sie anonym, ein anderes Mal wurde das Facebook-Profil untersucht, bis man sich auf dem Arbeitsplatz durchgefragt hat. Am Ende hat es sich für die Leute nicht gelohnt und sie heulen rum. Die Polizei reagiert dabei normalerweise binnen Stunden und teilt die Sachen dann in verschiedene Gefahrenstufen ein. Und dann passiert eigentlich nicht viel. Ich erhalte dutzende Drohungen jedes Jahr, so dass der Zustand permanent anhält. Also lebe ich aufmerksam, achte mehr auf mein Umfeld und mache mich nicht verrückt. Alles andere hilft nicht.

Einen Teil der Drohungen, Beleidigungen und anderem Kram veröffentliche ich regelmäßig zur Belustigung meines Umfeldes.

Wie schützt man sich?

Der Schutz ist ein sehr, sehr weites Spektrum. Spannenderweise fragen mich Leute am häufigsten, ob ich Schußwaffen führe. Das hilft meiner Meinung nach am wenigsten, und ist der seltenste Fall in Deutschland. Ich hantiere zwar wöchentlich mit Waffen, jedoch nur auf dem Schießstand als Sportschütze. Als solcher alleine dürfte ich keine Waffen im Alltag führen, nur zuhause im Safe haben und verschlossen zum Schießstand transportieren. Um die Waffe permanent zu führen braucht man einen Waffenschein, den erhält man in Deutschland aus gutem Grund extrem selten. Es gibt genug andere Wege sich zu schützen.

Zunächst mal kann man gefährlichen Situationen bedingt schlichtweg aus dem Weg gehen, oder besondere Gefahrenpunkte vermeiden. Das klappt bei mir nicht gut, da ich regelmäßig Neonazi-Demos und ähnliches besuche, um zu sehen, wie sich die Szene entwickelt. Ich mache also viel Sport und Kampfkunsttraining – im Gegensatz zu Kampfsport, der reglementiert ist und meist auf Trainingsgrade und Wettkämpfe abzielt. Dabei geht es neben dem direkten Kampf auch um das Entwaffnen und schlichtweg das Vermeiden kritischer Situationen. Kommt z.B. eine Horde betrunkener, pöbelnder Leute auf einen zu, so kann man stur drauf halten und sie anmeckern, oder man geht einfach im Bogen drum herum. Macht das Leben einfacher. Ich habe das Glück auf vielfältige Weise auf den Schutz von Linir Mizrahi vertrauen zu können. Er ist mein Personal Trainer, Shooting Instructor und stellt regelmäßig Personen- und Objektschutz. Im Laufe der Jahre immer die gleiche Person als Ansprechpartner zu haben ist extrem hilfreich, da man mit kurzen und schnellen Absprachen komplexe Probleme regeln kann.

SK4 Weste und Helm – nichts für den Alltag

Ich habe inzwischen ein Sammelsurium von schusssicheren und stichsicheren Westen, Shirts und ähnlichem, und eine breite Auswahl an Gegenständen für den persönlichen Schutz. Aber im Alltag ist vieles davon unpraktisch. Man müsste vorher relativ genau wissen, was kommt: Messer? Pistole? Gewehr? Eher auf den Torso, die Extremitäten oder den Kopf? Und schon eine dünne SK1 Weste, die gegen Pistolen schützt, ist etwa so komfortabel wie ein dicker Pulli aus Plastik. Man schwitzt sich bereits bei Zimmertemperatur tot. Erwartet man einen Angriff mit einem Gewehr (würde ich in meinem Alltag doch eher ausschließen), muss man die dicke SK4 Weste anziehen, die daumendicke und mehrere Kilo schwere Platten drin hat. Und der Kopf? Mit Titan-Helm rumlaufen? Man sieht, wie schnell dieses Thema abstrus wird.

Aber schon bei Messerangriffen ist es kompliziert. Die meiste Schutzkleidung schützt nur vor Schnitten, nicht jedoch vor Stichen. Da braucht man wieder 1mm dünne (Titan)platten. Inzwischen habe ich einen Hersteller, der mir die Stichschutzplatten auf Maß in normale Hemden näht. Aber da kommt man sich vor wie der Terminator.

Und sonst? Pfefferspray? Messer? Gas-Pistole? Elektroschocker? Eher nicht. Waffen und Ausrüstung an sich haben zwei große Probleme: Man muss das alles dabei haben und man gewöhnt sich daran, dass sie einem Schutz bieten. Ohne sie können sich manche Leute dann nicht mehr verteidigen.  Man müsste sie also 24h am Tag 365 Tage/Jahr dabei haben – und dann auch willens sein, sie einzusetzen. Die psychische Hürde eines normalen Menschen, einen anderen Menschen zu verletzen, ist sehr hoch. Selbst, wenn man angegriffen wird. Daher finde ich es immer amüsant, wenn Leute “irgendwo in der Tasche” Pfefferspray haben. Das müssten sie dann erstmal suchen, die Anleitung lesen, es nicht dem Angreifer überlassen und es dann auch einsetzen.

Und es gibt ganz praktische Probleme wenn man, so wie ich, viel reist. Das Waffenverbot an vielen Bahnhöfen kann man als besonders gefährdete Person oft legal umgehen, beim Flugzeug wird es kompliziert. Grundsätzlich kann man Waffen, auch Schusswaffen, im Flugzeug transportieren. Aber in der Praxis ist es kompliziert. Lustig war jedoch ein Flug zur Sicherheitskonferenz, bei dem ich eine schusssichere Weste unter dem Anzug an hatte. ich wurde für einen Personenschützer gehalten und sehr zügig durchgewunken. Eher eine Ausnahme.

ASC Land Cruiser nach meiner Probefahrt. Sorry

Insofern bevorzuge ich es, auch ohne Waffen und Ausrüstung, in der Lage zu sein mich sinnvoll gegen Angreifer verteidigen zu können – und das geht problemlos, wenn man das mal solide gelernt hat. Zusätzlich kann ich aber auch mit Hieb- Stoß- und Schusswaffen diverser Größen umgehen. Ich bezweifle aber, dass ich das im Alltag jemals brauchen werde.

Ich fahre wenig mit dem Auto, dann aber gerne in sondergeschützten (gepanzerten) Fahrzeugen. Ob das nötig ist, sei dahin gestellt. Aber ich habe den Umgang mit den 5-Tonnen Landcruisern mal gelernt, und habe einfach Spaß dran gefunden. Jeder hat seine wirren Hobbys!

Im Alltag ist es meist viel einfacher

Wenn ich Vorträge über den IS, Hitler oder Social Media halte, drohen immer wieder Leute, mich dort umzubringen. Man gewöhnt sich daran. In solchen und ähnlichen Fällen gewährt die jeweilige Polizei Schutz. Je nach Gefahrenlage auch bei der An- und Abreise. Das kann mit zivilen oder uniformierten Beamten erfolgen. Meist in Uniform, damit zu sehen ist, dass man die Sache ernst nimmt und die Polizei präsent ist. Auch der Berlin Story Bunker steht immer wieder unter Schutz – ab und zu auch mit Polizeiwagen vor der Tür.

In den Fällen, die irgendwo dazwischen liegen, kommen private Personenschützer zum Einsatz. Dabei setze ich auf Leute, die ich persönlich gut kenne und die sich bereits in schwierigen Einsätzen bewährt haben. Gerade bei längeren Einsätzen sollte man die Person gut kennen und wirklich gutes Vertrauen haben. Die Person bekommt viel vom privaten Leben mit, auch Gespräche mit Freunden, Telefonate mit den Liebsten usw. Ich bin ganz froh über Kawa Prüfer, der wegen seiner multiplen Kompetenzen in Deutschland und in Kurdistan über mich wachen kann. Wir haben mal eine Woche lang 100km vor Bagdad ein Bett geteilt – weil es nur eins gab. Mit einem halbwegs fremden Personenschützer ist das vermutlich weniger angenehm. Damit kommen wird auch zum nächsten Thema:

Und im Ausland?

Ich habe in den vergangenen Jahren viel Zeit in der Autonomen Region Kurdistan verbracht. Dort habe ich die Armee beim Kampf gegen den IS begleitet, mir die Ausbildung von Antiterror-Einheiten angesehen und Flüchtlingscamps besucht. Die Gefahrenlage dort ist quasi das Gegenteil von der in Deutschland. Niemand bedroht einen akut, aber es knallt viel häufiger. Der IS hat ein recht einfaches Verhältnis zu Journalisten: Sie betrachten uns als Zielscheiben. Natürlich kann man sich mit neutraler Kleidung tarnen, nicht auffallen, den Standort wechseln usw. – aber am Ende hilft es alles nichts. Mehrmals hat der IS mich mit Maschinengewehren oder Granaten beschossen. Da sollte man vor allem Ruhe bewahren. Und die bewahrt man, wenn der Rest ruhig bleibt. Der Personenschützer Kawa hat an der Front durchaus erstmal den Tee fertig getrunken, bevor er zum Sturmgewehr gegriffen hat. “Die sind weit weg, die wollen nur nerven!”. Das färbt ab. Man geht zwar in Deckung, lässt sich aber sonst nicht verrückt machen.

Als ich kurz nach der Defacto-Schließung der türkischen Zeitung CumHyriet einen Tag in der Türkei verbrachte, hatte ich ein “Reporter ohne Grenzen” T-Shirt bei der Einreise an. Die Beamten in Istanbul waren nicht amüsiert. Daher wurde ich von Landung bis Abflug von den deutschen Behörden begleitet und befördert, um jegliche Zwischenfälle dort zu vermeiden.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen

Für mich ist die Kombination aus dem Schutz durch Behörden und das persönliche Training eine gute Wahl, aber die Art des Schutzes ist eine sehr individuelle Sache und hängt vor allem vom eigenen Empfinden ab. Ich kann mich im Alltag selber schützen, komme im Kriegsgebiet klar und habe bei Soldaten einer befreundeten Nation den Umgang mit allerhand Ausrüstung gelernt. Das vermittelt mir das Gefühl, auf alles vorbereitet zu sein. Und wenn ich etwas nicht selber überblicken kann, habe ich Leute dafür, denen ich vertraue. Somit kann ich trotz dieser Lage beruhigt schlafen – sich verrückt zu machen, hilft einem auch nicht weiter.