Bin ich ein Journalist?

Ich habe jahrelang von Demos aus Kriegsgebieten und von Rüstungsmessen berichtet. Oft wird mein Material geklaut und ohne Quellenangabe verwendet. Dennoch gab es immer wieder Diskussionen, ob ich denn ein „echter“ Journalist sei. Meist, wenn der Gegenseite bei der Diskussion um die Qualität meiner Arbeit andere Argumente ausgingen. Daher wollte ich mir mal die Definition schnappen und das durchgehen. Und da geht es los: Wie definiert man Journalismus? Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Man kann das relativ frei auslegen. Also nehmen wir mal die üblichen Punkte:

Ausbildung eines Journalisten

Anders, als beim Bäcker, KFZ-Mechaniker oder Rechtsanwalt gibt es keine definierte Ausbildung für Journalisten. Häufig studieren Leute Politik oder Publizistik oder sie machen ein Volontariat. Während man bei den Studien einen halbwegs standardisierten Abschluss erhält, gibt es nach dem Volontariat lediglich eine Bescheinigung des jeweiligen Unternehmens. Die Qualität kann hier sehr unterschiedlich sein und man muss vor allem auf die Redaktion vertrauen.

Ich habe ein 18-monatiges Volontariat in einem Verlag absolviert und stand dort unter der Anleitung eines langjährigen Print- und Radiojournalisten, der auch viele Jahre aus (Bürger)kriegsgebieten berichtet hat. Zu meinen Projekten gehörte die Projektierung einer Geschichtszeitung für Berlin, die dann nie kam. So habe ich auch direkt gelernt, wie man für die Tonne arbeitet.

Presseausweis – haben oder nicht haben?

Ein weiterer Indikator kann ein Presseausweis sein. Auch hier gibt es keinen “offiziellen”. An sich kann jeder selber Presseausweise ausstellen – die dann aber vermutlich niemand besonders anerkennt. Um den Wildwuchs einzudämmen, gab es die Presseausweise, welche von der Innenministerkonferenz anerkannt wurden. Im Prinzip sind das auch noch die wichtigen, das Verfahren ändert sich aber immer wieder. Früher waren Redaktionsausweise der großen Häuser (Spiegel, SZ, etc.) noch mehr wert, als ein Presseausweis. Das ist aber ein paar Jahrzehnte her. Um einen der quasi-offiziellen Presseausweise zu erhalten, muss man hauptberuflich Journalist sein und sein Geld mit dieser Arbeit verdienen. Das wird meist jährlich geprüft.

Ich habe einen deutschen und internationalen Presseausweis und habe einen 40h Job in einem Verlag.

Arbeitsweise eines Journalisten

Ein Journalist hat meist sein Fachgebiet, welches sich oft erst im Laufe der Karriere klar heraus bildet. Oft eine Kombination aus persönlichem Interesse und dem, was in der Redaktion gebraucht wird. Und natürlich kann sich das auch mal verschieben. Aber meist bleibt man in einem ähnlichen Feld. Ein Bekannter hat oft von Parteitagen und ähnlichem berichtet, dann viel über die Grünen und kam so zu sozialen und Umweltthemen auch abseits der Partei. Man sollte sich selber ein Bild der Sachen machen, beide (bzw. alle) Seiten ansehen und sich auch die persönlich unliebsame Seite genau anhören. Selber vor Ort zu sein und Kontakte zu pflegen ist in allen Bereichen essentiell. Leider gibt es auch zunehmend Redaktionen, die aus Geld- und Zeitmangel zu weiten Teilen auf Agenturmeldungen zurückgreifen, ohne je selber recherchiert zu haben. Die großen Agenturen sind dabei über jeden Zweifel erhaben. Sie haben seit Jahrzehnten die Berichte zu allen Themen aus allen Ecken der Welt geliefert und nur in Ausnahmefällen etwas falsches dabei gehabt. Mein Problem ist daran: Ist doch mal etwas falsches dabei, dann würde keine Zeitung das je eingestehen. Es gab mal eine falsche Agenturmeldung über mich (ein Detail, aber mir wichtig), welches die Zeitungen nicht korrigieren wollten, weil die Agentur immer recht hat. Sehr schade.

Mein Schwerpunkt ist der Kampf gegen den IS in der Autonomen Region Kurdistan – und alles was sich drum herum ergibt. Ich habe dort oft und über viele Jahre mit Politikern (Lokalpolitiker bis Präsident), Militärs (Soldat bis General) und mit Flüchtlingen, Unternehmern, Angestellten und einfach allen gesprochen, die ich getroffen habe. Ich war beim UNHCR, um mir deren Arbeit anzusehen, habe viele NGOs besucht und habe mit Waffenhändlern gesprochen, die die Waffen dorthin liefern. Für alle diese Gruppen arbeite ich nicht, schreibe nicht für sie, bekomme kein Geld von ihnen.

Publizieren muss man auch

Nun bringt die beste Recherche nichts, wenn man nicht publiziert. Je größer und bekannter das Medium ist, desto mehr ist man wert (etwas vereinfacht, aber effektiv ist es doch so). Die Königsklasse ist eine Festanstellung bei einer großen und bekannten Redaktion; “Freelancer für den Trierer Volksfreund” ist einfach niedrigrangiger, als “Chefredakteur beim Spiegel – Print!”.

Meine Sachen landeten unter anderem bei Arte, Al Jazeera, Berliner Kurier, Berliner Zeitung, Bild, Deutschlandfunk, Express, Focus Online, Hamburger Morgenpost, Mitteldeutsche Zeitung, N24 , Neues Deutschland, N-TV, Rheinische Post, RPR1, Rudaw, Ruhrbarone, Spiegel Online, Stern, Sputnik, SWR, T-Online, Welt und Yahoo News.

Neutralität wahren

Als Journalist muss man neutral sein. Das heisst nicht, dass man keine Meinung haben darf. Aber beim Geschehen selber muss man sich heraushalten. Wenn es also eine Schlägerei gibt, darf man nicht mitmischen. Wenn man selber für den SPD-Vorstand kandidiert, sollte man nicht über die CDU schreiben usw.. Man sollte aber auch keine Partei für eine der Seiten ergreifen. Spannend finde ich dabei die Sportberichterstattung, bei der völlig selbstverständlich “unserem” Team Glück oder gar der Sieg gewünscht wird. Bisher habe ich nicht herausgefunden, warum Sportjournalisten nicht neutral sein sollten. Auf der anderen Seite ist klar, dass man auf der Seite der Opfer von Terrorismus stehen darf und nach den Angriffen auf Charlie Hebdo nicht fragen muss, ob die Terroristen recht hatten.

Ich habe in den vergangenen Jahren ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut und kann mich in “meinem” Gebiet recht frei bewegen. Als der kurdische Präsident Massoud Barzani seine größte Rede zum kurdischen Unabhängigkeitsreferendum hielt, saß ich hinter ihm auf der VIP-Tribüne. Als Major General Sheikh Ali seine Special Forces ins IS besetzte Gebiet geschickt hat, habe ich in seiner Kaserne gesessen und die Leute interviewt. Als der Hersteller ASC sein Attack Vehicle “Hornet” gebaut hat, habe ich die Produktion Schritt für Schritt verfolgen können und habe mit den Entwicklern darüber gesprochen. Ich nenne das gute Kontakte und ausgezeichnetes Vertrauen. Leute mit schlechteren Kontakten nennen das eben “nicht neutral” – auch wenn man mir das nie genauer erklären konnte. Im Bezug auf den IS ist es auch einfach: Natürlich muss man sachlich und korrekt über diese Terroristen berichten, aber man darf gegen sie sein.

Wer zeichnet wen aus?

Es gibt eine Menge Preise und Auszeichnungen, die man als Journalist erhalten kann. Los geht es mit dem Pokal für den besten Volontär des Jahrgangs und es endet mit dem Pulitzer Preis. Und alle haben ihre Berechtigung. Der beste Volontär des Jahres zu sein, freut einen am Anfang der Karriere sehr und ehrt einen. Und es spornt einen an, mehr zu leisten.

Ich habe eine Auszeichnung der Peschmerga erhalten und die kurdische Regionalregierung dankte mir für meine gute Berichterstattung, die ich unter Einsatz meines Lebens leistete. Eine Ehre, die nur wenigen zuteil wurde. Später erhielt ich vom Commander der Rapid Reaction Corps eine Anerkennung für meine Arbeit. Hier wurde mir erklärt, dass Auszeichnungen von Regierungen oder vom Militär aber nicht zählen, sondern ein Beleg für die nicht vorhandene Unabhängigkeit wären. Das sollte mal jemand Hajo Seppelt erklären, der gerade vom Bundespräsidenten geehrt wurde.

Der Umgang mit Waffen

Journalisten und Waffen vertragen sich nicht. Waffen haben selten mit Neutralität zu tun, Journalisten hingegen schon. Aber es gibt einige Ausnahmen. Wenn man z.B. für ein Waffenmagazin arbeitet, dann ist es zwangsläufig anders. Wenn man Kriegsberichterstatter ist, es ebenfalls normal, dass man ein gewisses Fachwissen mit sich bringt.

Bei mir ist das Ganze vielschichtig: Ich bin Makkabi-Schütze und hantiere alleine deswegen jede Woche mit diversen Waffen von .22 Sportpistolen bis hin zum AR-15. In Kriegsgebieten und auf Messen habe ich mir alles angesehen, was ich in die Finger bekomme und auf Schießständen auch diverse Waffen ausprobiert. Und ich halte das für wichtig. Wenn ein Bericht sagt, dass der erfahrene Schütze mit der AK47 auf 800m einen Treffer erzielt hat, dann weiss ich ganz sicher, dass es erfunden ist oder Zufall war und muss nicht diverse Berichte Dritter gegeneinander aufwiegen. Aber es gibt noch ein schwierigeres Thema: Darf man sich als Journalist bewaffnen? Die Antwort ist simpel: Ja – im Rahmen der lokalen Gesetzen. Verfügt man in Deutschland über einen Waffenschein, so spricht nichts dagegen, die Waffe auch zu führen. Aber auch im Kriegsgebiet kenne ich viele Journalisten, die wenigstens eine Pistole bei sich führen “Ich bin neutral, aber nicht blöd” fasste es mal ein belgischer Kollege zusammen. Die Waffe muss halt den jeweiligen Gesetzen entsprechen und der Selbstverteidigung dienen. Dann geht es.

Und nun?

Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Natürlich erfülle ich alle diese Punkte problemlos. Somit bin ich, wenig überraschend, auch ein Journalist. Aber das wird die ewigen Neider nicht davon abbringen, diesen Punkt wieder und wieder anzuführen, statt inhaltliche Kritikpunkte zu finden.