Das ISIS-Museum in Kurdistan

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Im Januar 2014 begann der islamische Staat mit großen Angriffen auf die kurdischen Gebiete in Syrien. Im Sommer 2014 überfielen sie Mossul, welches von der irakischen Armee geschützt werden sollte. Kurz drauf verübten sie in Shingal (auch Sindschar) den 74. Genozid an den Jesiden. Millionen Menschen wurden vertrieben, ermordet, missbraucht oder versklavt. Bis heute ist das Schicksal von zehntausenden ungeklärt. Die Täter wurden nie bestraft. Heute ist der IS weitestgehend aus den kurdischen Gebieten vertrieben.

In der Autonomen Region Kurdistan (Irak), in der Millionenstadt Sulaymannia, befindet sich seit vergangenem Jahr ein Museum, welches an den Kampf der Kurden gegen die Terroristen erinnert.

Im „Museum for the Martyrs in the War against ISIS“ („Museum für die Märtyrer im Krieg gegen ISIS“) werden alle, die den Kampf gegen den IS unterstützt haben, gleichermaßen gewürdigt. Über ideologische, politische und nationale Grenzen hinweg. So kann man die Bilder von Peschmerga aus Kurdistan-Irak, von YPG Kämpfern aus Syrien, von irakischen Soldaten und von Journalisten Seite an Seite sehen. Das ist eine große Ausnahme. Die ideologischen Gräben zwischen den kurdischen Gruppen sind groß.

Das Museum wirkt wie einfacher, moderner Standard. Es gibt Filme, Texttafeln, Grafiken und Exponate, die mal original sind, mal nicht. Die Ausrüstung des Journalisten ist z.B. nachgestellt, die Schuhe der getöteten Peschmerga und die Stempel des IS sind echt. In der Sache ist es aber egal, da hier eine grausame Episode der kurdischen Geschichte erzählt werden soll und keine historische Ausstellung betrieben wird.

Video der BILD

Der einzige deutsche Beitrag in diesem Museum ist ein Video des „Bild“-Videochefs Claas Weinmann. Er war dabei, als die erste deutsche Panzerabwehrrakete „MILAN“ von den kurdischen Peschmerga auf ein Gebäude des IS abgefeuert wurde. Den Deutschen wird aber auf einer Tafel gedankt, auf der alle Nationen bedacht werden, die den Kurden im Kampf geholfen haben.

Die Geschichte wird auf rund 2.000qm in all ihren grausigen und traurigen Facetten dargestellt. Die Wandflächen, die theoretisch frei wären, sind mit A6 großen Totenbildern von Soldaten und Kämpfern bedruckt. Vom Boden bis zur Decke in beiden Etagen. Man kann die Menge kaum fassen. Die Fotos der zivilen Opfer würde man kaum noch in ein Gebäude bekommen. Sowohl in der Ecke der Journalisten, als auch bei den Kämpfern entdecke ich Menschen, die ich gekannt habe. Es ist hart, wenn man vor Augen geführt bekommt, was Krieg bedeutet. „WAR KILLS“ („KRIEG TÖTET“) stand auf dem Schild eines Friedensaktivisten vor einer Waffenmesse, die ich besucht habe. Ich hatte einige Zeit mit ihm gesprochen und dachte mir dabei, dass sein Schild doch alles sagt. Es gibt in Kriegen militärische Sieger, aber nie Gewinner. Aus der deutschen Perspektive heraus ist es aber noch einfacher, als aus der Perspektive der Einheimischen. Fast jede Familie hat Tote zu beklagen. Wenn nicht im Kampf gegen den IS, dann gegen Saddam, die iranische Regierung oder gegen schiitische Milizen. Die Gegend hier kommt im Kern, in den großen Städten, zur Ruhe. Am Rande aber nie.

Journalisten werden als wichtiger Teil des Kampfes gegen den IS gesehen 

Parallel zu uns besucht ein Mann mit einem kleinen Mädchen das Museum. Er sucht mit ihr die Verwandten unter den Toten. Für sie ist es noch ein Spiel und sie freut sich jedes Mal, wenn sie jemanden findet. Der Mann erklärt ihr ein paar Sachen, sie sind schnell durch. Das ist hier Alltag, die Kinder lernen irgendwie, damit umzugehen.

Es gibt viele Videos vom Krieg. Wer Krieg nicht erlebt hat und ihn nur aus den Action-Filmen kennt, dürfte erschüttert sein, wie schnell ein Mensch stirbt. Ein Schuss, ein Treffer. Er kippt um und verblutet in wenigen Minuten. Nächste Szene: Ein IS-Terrorist wird angeschossen, ein Soldat rennt auf ihn zu und schießt eine Salve rein, nimmt die Pistole, setzt nach. Solange der Terrorist einen Finger am Abzug hat, ist er gefährlich. Eine Panzerfaust (RPG-7) wird auf einen sprengstoffbeladenen Geländewagen der IS-Terroristen abgefeuert. Dieser explodiert in einem großen Feuerball. Mit Schallgeschwindigkeit breitet sich die Druckwelle aus, die kreisförmig den Staub vom Wüstenboden aufwirbelt und den Kameramann erreicht. Ich kenne das. Man hört den Knall, hat Staub in den Augen, die Klamotten vibrieren wie bei einem Rock-Konzert und man hat kurz Druck auf den Ohren. Der Kameramann schwenkt auf seine Kameraden, die lachen. Hier gilt: Nur ein toter Terrorist ist ein guter Terrorist. In der nächsten Szene sieht man einen abgerissenen Arm an einer verbrannten Kalaschnikow hängen.

Ich frage mich immer, was das mit den Leuten macht. Solche Szenen in einem deutschen Museum oder im Fernsehen wären undenkbar. Hier sehen es die Kinder, bekommen es erklärt. Die Menschen sind herzlich, großzügig, es gibt quasi keine Kleinkriminellen, keine Taschendiebe usw. Das passt dem Klischee nach nicht zusammen. Oder hilft es, wenn im ganzen Land das Trauma zur Normalität wird? Ich gehe weiter, der Film läuft noch 30 Minuten.

Landkarte des IS

Auch die wirre Ideologie des IS wird kurz gezeigt. Wie sie sich die Welt vorstellen. Ironischerweise ist auf ihren Karten der Irak und Kurdistan getrennt ausgewiesen. Einige erbeutete Stempel und Siegel sind in einer Vitrine. Die Faszination des Grauens – und ich frage mich, ob man Fotos davon machen soll oder ob das schon eine Grenze überschreiten würde?

Am Ende sehe ich eine Tafel, auf der in vielen Sprachen eine so einfache und selbstverständliche Forderung steht. Für uns etwas völlig normales, für diese Menschen ein unerreichbares Ziel, ein Traum, das Paradies. Es treibt einem nach all den Bildern die Tränen in die Augen, diese drei Worte zu lesen:

„Wir wollen Frieden.“