Die Trends der Rüstungsmesse EnforceTac

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Neben den großen Rüstungsmessen, bei denen man in Panzern und Kampfjets rumklettern kann, gibt es auch kleinere für den lokalen Markt. Dazu zählt in Deutschland die EnforceTac, welche besonders von europäischen Sicherheitsbehörden besucht wird. Das ist wichtig, weil es für die Polizei Berlin z.B. wenig lohnenswert ist, in Abu Dhabi Kampfhubschrauber und U-Boote anzugucken. Eine übersichtliche Messe mit der passenden Ausrüstung führt für Besucher und Aussteller einfach schneller zum Ziel.

Zwei Tage lang kann man Waffen, Munition und Ausrüstung ansehen, bedingt ausprobieren und mal unter vier Augen mit anderen Leuten in der Branche sprechen. Gerade der letzte Punkt ist der wichtige auf allen Messen – jedoch fällt mir auf der EnforceTac immer schnell auf, dass wir noch in Deutschland sind und sich daher alle seriös und artig verhalten. Auf anderen Messen gab es früher am Taser-Stand durchaus mal ein Duell mit Elektroschock-Pistolen oder man hörte Sachen wie “Und BÄMMMMM fliegt dir der Panzer um die Ohren – voll geil!”. Hier eben nicht.

Drogen und Medikamente durch die Verpackung erkennen

Hier ist es immer spannend zu sehen, was gleich bleibt und was neues kommt. Richtig neues gibt es immer wieder überraschend wenig. Eher Verbesserungen in den Details – oder das Problem, einfach nichts neues zu bieten. Ein gutes Beispiel sind Thermal-Kameras. Die Technik gibt es seit Jahrzehnten, jedoch vor allem in Hollywoodfilmen, bei wenigen Spezialeinheiten und dann noch bei der Dämmung des Eigenheimes. Grenzsicherung oder Perimetersicherung um ein Objekt dürften noch die größten Anwendungen sein. So ein Gerät besteht aus dem Objektiv, dem eigentlichen Thermalbild-Gerät und einem Okular. Die guten Geräte haben seit Jahren eine Auflösung von 640×480 Pixel und kosten etwas im niedrigen fünfstelligen Bereich. Man ist einfach an einem physikalischen Limit für die bestehenden Chips und eine Weiterentwicklung ist vom Markt nicht gefragt. So kann man auf ca. 1000 Meter erkennen, ob etwas kommt. Das ist dann ein Pixel groß. Und ab dann kann man andere Technik benutzen um es zu identifizieren. Also habe ich einen der Hersteller gefragt, ob jetzt nicht die günstigen chinesischen Hersteller kommen und es langsam nachbauen. Die Phase der Entwicklung und Innovation ist lange vorbei – wie bleibt man Marktführer? Ein wunder Punkt, wie man schnell merkt. Neue Software im Gerät, die Bewegungsmuster erkennt, ein längeres Teleobjektiv, sowas halt. Aber das ist alles keine bahnbrechende Technik – aber darum geht es halt auch nicht immer.

Mit Kaliber .50 beschossene Scheibe (Archiv)

Ähnliche verhält es sich auch bei den sondergeschützten Fahrzeugen, umgangssprachlich auch gepanzerte Fahrzeuge. In dem Bereich gibt es ein paar Platzhirsche, die ich turnusmäßig abklappere und gucke, was dort passiert. Die Hersteller kennen mich und so werde ich mal besser und mal schlechter begrüßt. Rheinmetall MAN lässt mich als Journalisten nicht auf den Stand, beantwortet keine Fragen, lässt keine Fotos vom Survivor R zu. Ich werde auf einen(!) Termin während der Messe verwiesen, zu dem man als Journalist den Stand betreten darf – so etwas habe ich noch nie erlebt. Der Hersteller Stoof fiel durch Ungereimtheiten und eine verstellte Sitzschiene bei einer Zertifizierung auf und ist offensichtlich immer noch unglücklich damit, dass ich als einer der Ersten darüber berichtete. Also bleibt in diesem Jahr auf der EnforceTac nur noch Welp. Sie liefern unter anderem Teile der Werkspanzerung für Audi und sind bekannt für gründlichen und ausgeklügelten Schutz. Seitdem ich selber Armored Vehicle Security Driver bin, achte ich wesentlich genauer auf die Details der Fahrzeuge. Hier merkt man, dass das Unternehmen viel Erfahrung hat und nicht nur sichere, sondern auch hübsche Fahrzeuge baut. Welp setzt auf Schraub-Panzerung, während z.B. Fidelis Cloer (dessen Fahrzeuge ich besser kenne) auf Schweißen setzt. Geschraubt und mit bestimmten Stahl kann Welp leichtere Fahrzeuge bauen, Fidelis bemängelt daran aber, dass man mehr Teile (wie Schrauben) hat, die potentiell durch den Wagen fliegen können. Bei einem Landcruiser 200 in der Schutzklasse VR9 reden wir aber von einem Gewichtsunterschied von rund 700kg. Und es geht um die einzige Frage, die in dieser Branche zählt: Welchem Produkt vertraue ich mein Leben an? Welp gehört aber zu den Herstellern, mit denen man bequem über solche Dinge sprechen kann und die auch keine Sorge haben, wenn man unter dem Wagen durchrobbt oder mit der Taschenlampe in der Hand auf dem Motor rumklettert. Es gibt andere Aussteller, die da immer ganz nervös werden, was das Vertrauen nicht steigert.

Nur einen Stand weiter steht ein Wagen, der auch in einem James Bond-Film eine gute Figur machen würde. Doch statt Schmierseife abzusondern, sendet er nanosekunden-lange Impulse mit 1,21 Gigawatt auf das Fahrzeug dahinter. Wenn man nicht gerade einen Lada Niva oder einen Golf 1 fährt, überlastet dies die Steuergeräte und das Fahrzeug bleibt stehen. Aber nicht für immer, nach ein paar Minuten geht es wieder an. Dies wird unter anderem zum Schutz von Konvois eingesetzt oder um das Durchbrechen in Checkpoints zu verhindern.

Soweit aber nichts neues und schon viel Messe gesehen. “Neu” ist hier auch immer relativ. Ich habe schon 1998 auf dem Chaos Communication Congress Quadrocopter-Drohnen mit Kameras gesehen und eine Vortrag zu den Möglichkeiten gehört. Nun haben wir 2018 und Drohnen sowie deren Abwehr sind immer noch ein großes Thema. Aber während es vor 20 Jahren ein absolutes Nischenthema war und dann zu Militär und Polizei kam, so gibt es inzwischen viele Lösungen für THW, Feuerwehr und andere im BOS-Bereich. Es kommen nun Einkäufer, die mehr auf das Geld achten müssen und die mehr Ahnung vom Produkt haben. Also das, was wir bei Schußwaffen lange haben, was im Digitalen aber fehlte. So gibt es große, faltbare Drohnen, bei denen man modular die Kamera(s), Gimble(s) und die Flugsteuerung aussuchen kann. Der Frame kann also über die Jahre in allen Bereichen neu aufgebaut werden, die Transportbox bleibt die gleiche. Nur einen Stand weiter kann man sich den Schutz gegen solche Geräte kaufen: Große Jammer für die Fernbedienungen. Aber auch da gibts große Unterschiede: Möchte ich eine Art Kuppel erzeugen, in der man nichts steuern kann? Soll die Videoübertragung unterbunden werden – damit man das Fluggerät einfangen und untersuchen kann? Kennt man die Richtung, aus der ein Angreifer kommt, und muss nur Sektoren überwachen? Und auch hier gibt es langsam Wearables: in diesem Fall das Armband, welches von der Zentrale informiert wird, wenn irgendwo eine Drohnen-Fernsteuerung eingeschaltet wurde. Dann vibriert es am Handgelenk des Personenschützers, schon lange, bevor die eigentliche Gefahr kommt.

Aber eine Messe ist vor allem zum Verkaufen da. Da muss man die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen. An Stand eines italienischen Waffenherstellers liegen zwei halbautomatische Revolver im Kaliber .44. Im echten Leben so praktisch, wie ein Fön mit Verbrennungsmotor, aber eben so anziehend. Und wenn der potentielle Kunde erstmal da ist, kann man ja die anderen Produkte anbieten. An vielen Ständen stehen auch Modelle von Hunden, um die Schutzwesten und Gasmasken für Hunde vorzustellen. Ein Stand hatte ein Modell mit beweglichen Ohren. Abgefahren! Also habe ich mir das näher angeguckt. Doch statt ausgefeilte Messtechnik zu finden, habe ich nur einen schlafenden Hund geweckt und mich zu Tode erschrocken. Er war das wohl schon gewohnt und schlief einfach weiter.

Bei der persönlichen Ausrüstung der Polizei wird weiter langsam die Sicherheit erhöht. Waren in meiner Kindheit schusssichere Westen noch eine Seltenheit, so sind sie nun bereits normal. Langsam geht es auch mehr um den Tragekomfort, “unsichtbar” zu tragende Westen (geht aber eigentlich nur bei SK1 und Sk2) und natürlich der Versorgung von Verletzungen. Der Tourniquet zum Abbinden von massiv blutenden Gliedmaßen gehört bei vielen Polizeieinheiten schon zur normalen Ausstattung. Bei der Polizei in Sachsen sieht man diese z.B. vorne auf der Schulter mit “TQ” gekennzeichnet. Bei größeren Schussverletzungen oder abgetrennten Gliedmaßen verblutet man binnen weniger Minuten. Daher muss ein Tourniquet stets griffbereit und verfügbar sein, um sinnvoll zu sein. Früher waren auch das keine realistischen Szenarien, seit der Anschläge in Paris sieht man dies jedoch anders.

Immer noch im Trend: Pistolen mit Red-Dot Visier und Schulterstütze

An vielen Ständen kommt man schnell ins Fachsimpeln oder Tratschen. Was gab es an interessanten Geschichten im vergangenen Jahr? Was ist nur Werbung? Und vor welchen Szenarien haben alle wirklich Angst? Ich kann viel Praktisches von der Front berichten, wie es ist, vor Beschuss wegzurennen, wenn eine IED hoch geht oder ähnliches. Damit habe ich den Vorteil, in viele Gespräche einbezogen zu werden. Auch in diesem Jahr kamen wir in solchen Gesprächen immer wieder auf Szenarien, für die es derzeit keine richtige Abwehr oder keine Lösung gibt. Und da kommt das Problem, wenn man als Journalist da ist: Was kann man berichten, was soll man berichten und womit bringt man Leute nur auf dumme Gedanken? Die Grenze dort ist fließend und die Gesprächspartner nicht hilfreich: “Hier herrscht Pressefreiheit – ist ja mein Problem, wenn ich das im Gespräch vergesse”. So viel Offenheit in diesem Bereich hat mich immer wieder überrascht. Bisher halte ich es so, dass ich nur ausführlich über Szenarien berichte, die bereits stattgefunden haben oder deren Planung bekannt war – andere nicht.

In den vergangenen Jahren blieben also die bahnbrechenden Neuerungen aus – dennoch sieht man, wie der Terror im urbanen Umfeld das beherrschende Thema ist. Auch “das kann man nach einem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt gebrauchen” habe ich nur zu oft gehört. Hoffen wir, dass wir solche Szenarien nicht mehr erleben müssen.