Humboldt Universität zu Berlin

Dissertation mit Faktenschwankung

Ich habe vor zwei Jahren Eric Mülling ein Interview für seine Dissertation „Big Data und der digitale Ungehorsam“ gegeben, welche er an der Uni Potsdam einreichte. Bis zur Veröffentlichung kannte ich den Text nicht, fand dann jedoch einige Fehler. Ich begab mich auf die Suche nach jemandem, den das interessiert. Aber ich wurde nicht fündig.

Das Interview

Ich wurde gefragt, ob ich für eine wissenschaftliche Arbeit etwas zum Thema digitaler Aktivismus und ähnlichem erzählen könne. Früher habe ich mir dafür ab und zu Zeit genommen, nach mehreren Erlebnissen wie diesem aber Abstand davon genommen. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich Leute für den Inhalt oder das Gegenüber interessieren, sondern nur für ihre Note. Ich habe auch nie eine Kopie der jeweiligen Arbeit erhalten. Da habe ich aber nichts von.

Etwa eine Stunde beantwortete ich artig einige Fragen. Einige Zeit später fragte ich nach, ob ich das Ergebnis lesen könne. Mir wurde mitgeteilt, dass das nicht geht. Ich müsse warten, bis es die Dissertation als Buch gäbe, das könne ich dann für rund 40€ kaufen. Ich sah mir die Sache nicht weiter an.

Die ungute Dissertation

Zwei Jahre später: Eine Bekannter wandte sich an mich und empfahl, die Dissertation mal zu lesen. Es gäbe dort einige Ungereimtheiten. Ich besorgte mir die Dissertation also doch und war etwas verwundert. Ich fand Fehler, die keinem Faktencheck bei einem normalen Zeitungsartikel standgehalten hätten. Man hätte sie sehr einfach zuhause auf der Couch prüfen können. Im Text stand auch „Enno Lenze verdient seinen Lebensunterhalt als Museumsleiter in Berlin“. Das ist schlichtweg falsch. Ich bin Museumsdirektor des Berlin Story Museum und leite die Dokumentation Hitler – wie konnte es geschehen. Jedoch ist beides ein Ehrenamt. Das war nie anders. Ich habe auch nie etwas anderes behauptet. Im Gegenteil – ich hebe das immer gerne hervor. Da es in der Dissertation um (meist ehrenamtliches) Engagement geht, finde ich den Punkt sehr wichtig. Mir wird also an dieser Stelle unterstellt, im Gegensatz zu den anderen Menschen in der Dissertation kein Ehrenamt zu machen.

Der Autor

Ich wandte mich also an Eric Mülling und fragte ihn, wie es zu diesem Fehler kommen konnte. Er antwortete erst nach einer weiteren Nachfrage. Jedoch fiel seine Antwort wenig hilfreich aus. Er stellte die Bedingung, dass ich zunächst die ganze Dissertation durcharbeiten und eine Liste der gefundenen Fehler machen solle – erst dann würde er mir antworten. Leider habe ich weder Zeit noch Lust anderer Leute Mist aufzuräumen. Also ließ ich es mit ihm gut sein. Wer kein Interesse daran hat, sein Problem einfach zu lösen, der muss halt später mit dem Ergebnis leben.

Die Universität und der Professor

Ich überlegte also, ob ich der Sache weiter nachgehen sollte. Aber irgendwie ärgerte es mich ja schon. Also suchte ich den Professor raus, der die Dissertation betreute. Dieser ist inzwischen emeritiert. Aber auf seiner Emeritierten-Homepage steht, welches Sekretariat an der Universität zuständig ist. Ich wandte mich also an die Universität Potsdam und schilderte den Fall. Ich erklärte, dass es einige Punkte gibt, die ich bemängeln würde. Am nächsten Tag kam die Antwort, dass sie sich nun mit dem Professor abstimmen werden. Nur wenige Tage später kam das Ergebnis der Uni. Sie wollten gar nicht wissen, welche Fehler oder Unklarheiten ich gefunden habe. Sie teilten mir mit, dass sie die Sache gar nichts angehe. Ich möge das mit dem Autoren privat klären.

Das sorgte bei mir für eine leichte Überraschung: Man muss die Dissertation an der Uni einreichen, aber wenn sie falsch ist, ist die Universität nicht zuständig und hat kein Interesse daran. Mir gingen die ganzen Skandale der vergangenen Jahre durch den Kopf. Und es stimmt: Da ging es um Abschreiben oder um Formalia. Es ging nie darum, ob der Inhalt überhaupt stimmt. Vielleicht habe ich das Konzept einer Dissertation einfach falsch verstanden.

Und was nun?

Ich ging also nochmal in mich: Warum genau interessiert mich die Sache eigentlich? Ich halte nicht von Zertifizierungen und formalen Titeln und Abschlüssen. Ich habe oft genug im Leben mit „Experten“ zu tun gehabt, deren Titel das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. Ein Bekannter hat sich schlichtweg einen Dr.-Titel gekauft. Ich frage mich, ob das schlimmer ist, als eine schlechte Dissertation zu schreiben und dennoch durch zu kommen. Wieso sollte mich dieser Fall also wundern? Oder ärgert es mich nur, dass ich mit meinem Steuern Leute zahle, die dann Dissertationen durchwinken, ohne einen ordentlichen Faktencheck zu machen? Gibts den überhaupt an Unis? Oder ist die Messlatte für eine Dissertation niedriger als für einen Zeitungsartikel?

Rechtlich ließe sich die Sache sehr schnell und einfach lösen. Der Anwalt des Vertrauens hatte bereits wieder Feuer in den Augen und Berge von interessanten Ideen. Aber was habe ich davon?

Leute, die mich nicht kennen, werden von der Zeile keine Notiz nehmen. Leute, die mich kennen, sollten wissen, dass es eine Lüge ist und werden die Minderwertigkeit der Recherche erkennen und das teure Buch zur Seite legen. Ich frage mich auch, wie viel so ein Titel eigentlich wert ist, wenn der Inhalt der Dissertation kaum interessiert. Prüft jemand, was drin steht? Sollte man einfach aufhören, dem Titel etwas beizumessen? Oder nur, wenn er von der Universität Potsdam kommt? Oder nur von dem Autor?

Am traurigsten ist eigentlich, dass es mich nicht überrascht. Ich sitze nicht mit offenem Mund da. Vielmehr ist es genau so gelaufen, wie ich es erwartet habe. Alle Beteiligten erhalten ja weiterhin ihr Gehalt – egal ob die Dissertation korrekt ist oder nicht. Und das ist, was die meisten Leute interessiert. Warum also sollten sie hier etwas tun?

Anders sah es beim Verlag aus, der die Dissertation verlegt hat. Diese forderte ich auf, die falsche Behauptung zu korrigieren. Dort hält man sich an das Gesetz und somit musste die veröffentlichte Dissertation geändert werden.