Peschmerga, YPG und die Medien

,

Wie gehen Medien mit Kritik um? Ich hatte in der Vergangenheit drei verschiedene Fälle, die das gut aufzeigen.

Die Peschmerga haben in Kurdistan (Irak) gegen den IS gekämpft. Ohne sie hätte er sich wie ein Krebsgeschwür ausgebreitet. Sie haben dutzende Terroristen gefunden, die sich in den Flüchtlingstrecks verstecken wollen und sie haben tausende Soldaten und zehntausende Zivilisten verloren. Und sie haben rund zwei Millionen Flüchtlinge (aus dem irakischen Inland und aus Syrien) aufgenommen – bei fünf Millionen eigener Bevölkerung. Im Gegenzug erhielten sie eine überschaubare Hilfe von der internationalen Gemeinschaft. Diese Hilfe steht auf wackeligen Beinen, da immer die Sorge mitschwingt, die Peschmerga könnten die Waffen erkaufen oder misbrauchen. Auch wenn es in der Geschichte ihrer Armee keine Probleme mit so etwas gab und auch, wenn das bei Lieferungen an andere Armeen, wie die der Türkei oder Saudi-Arabiens, nie im Fokus stand. Leichtfertige Headlines wie die folgenden gefährden solche Lieferungen – oft ohne dass die Autoren erklären können, wie sie eigentlich auf die jeweiligen Annahmen kommen.

Wir haben immer recht!

Schon vor einiger Zeit habe ich über den Journalisten der Wirtschaftswoche berichtet, welcher mir sagte “Sollen wir nach einer Falschmeldung eine Gegendarstellung bringen? Nur weil sich irgend so eine Bürgerkriegs Regierung meldet? Wissen die, was hier ne Sendeminute kostet? Ich würde darauf gar nicht reagieren”. Ist eine klare und einfache Linie. Die Zeitung habe ich nie wieder angerührt.

Sorry, passiert!

Am Wochenende habe ich auch Krautreporter einen Fehler gemeldet. Sie hatten die Peschmerga als “nicht staatlich” bezeichnet. Das ist interessant, da die Peschmerga die Armee der kurdischen Regionalregierung ist und Teil der irakischen Streitkräfte. Reaktion von Krautreporter: Sorry! Danke! Korrigiert!

Wollen wir genauer wissen!

Wer meinen Artikelserie “Medien” kennt, der weiß, warum ich viele Zeitungen nicht mehr ernst nehmen kann bzw. warum ich nach den einzelnen Autoren gehe und nicht nach dem Logo auf dem Titel. Zu den Wenigen Zeitungen, die ich noch ohne großes Nachdenken lese, gehört die NZZ und der Tagesspiegel. Da gibt es noch genug Leute, die selber vor Ort gehen, Quellen hinterfragen, halt Journalismus machen. Daher war ich umso enttäuschter, als ich dort vor kurzem einen fehlerbehafteter Artikel über die Peschmerga lesen musste. Das möchte ich hier mal im Details erklären, weil es für mich zeigt, wie kompliziert es ist, so etwas zu klären. Ich wandte mich per Mail an den Chefredakteur Lorenz Maroldt.

(…) http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-und-die-kurden-ein-kurdenstaat-so-war-das-nicht-gemeint/20468420.html Ich bin in den vergangen sechs Jahren oft dort gewesen, war mehrmals mit den Peschmerga im Einsatz und zuletzt vor drei Wochen in Kirkuk. Ich denke daher, dass ich Ahnung von dem Thema habe – bei ihrem Kollegen habe ich leider Zweifel. https://ennolenze.de/vor-ort-beim-kurdistan-referendum/2871/. Vor allem diesen Teil zweifel ich ganz stark an. Genau diese Gerüchte habe ich mehrmals vor Ort untersucht, bin Januar 2015 in Shingal gewesen um den Spuren der deutschen Waffen zu folgen und habe mit dem jesidischen Peschmerga General Kasim Schesho (deswegen verstehe ich die Unterscheidung zwischen Jesiden und Peschmerga hier nicht) gesprochen.

​“​Nicht nur landeten deutsche Waffen bald auf dem Basar und fielen IS-Dschihadisten in die Hände, sondern Teile der Peschmerga richteten sie auch gegen jesidische Kämpfer.“

Weder gab es bis heute einen Beleg für den Verkauf der Waffen durch die Peschmerga noch wurden sie (nach Aussage der Jesiden vor Ort) gegen die Jesiden eingesetzt – andersrum: Der Jeside Yassir Kalef Schesho​ hat eines der ersten 100 G36 aus Bundeswehrbeständen bekommen. (…) Belege dazu hier: https://ennolenze.de/live-aus-sued-kurdistan/1719/ (…)

Der Autor des Artikels antwortete mir:

(…) In der Tat war mein Kommentar auf der Meinungsseite nicht das Ergebnis einer Recherche vor Ort, sondern fußte auf Informationen, die von einer Vielzahl seriöser Medien verbreitet werden. Hier ein kleiner Ausschnitt:
http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-waffen-pistole-originalverpackt-vhb-dollar-1.2828666
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-08/irak-deutschland-waffen-kurden-is
http://www.spiegel.de/politik/ausland/irak-bundeswehr-setzt-wegen-kurden-konflikt-peschmerga-training-aus-a-1173199.html
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/irak-kurden-miliz-kaempft-offenbar-mit-deutschen-waffen-gegen-jesiden-a-1137481.html
Ihre ergänzenden und das Bild zum Teil korrigierenden Recherchen habe ich mit großem Interesse gelesen. (…)

Auf welche Quellen verweisen die Artikel?

  • Die SZ beruft sich auf diese NDR Recherchen und auf ein Interview mit dem Gouverneur von Kirkuk, Dr. Nachmaldin Karim, der aber bestritten hat, dieses Interview geführt zu haben und sich von dem Zitat distanziert und sagt im Interview das Gegenteil. Das steht in keinem der Artikel.
  • Die Zeit beruft sich auf diese NDR Recherchen
  • Spiegel Online fasst im einen Artikel die Lage Ende 2017 zusammen. Hat keine genaue Quelle angegeben.
  • Spiegel Online zeigt im anderen  ein verwackeltes Video und vermutet, was noch passiert sein könnte. Dabei ist interessant, dass die Protagonisten “Peschmerga” und “Jesiden” genannt werden. Gerade in der Gegend gibt es aber viele jesidische Peschmerga, was dem Autor anscheinend nicht klar ist oder was er nicht erklären möchte. Die lage vor Ort ist nicht einfach, aber daher passt halt nicht alles in kurze Artikel.

Somit scheint es, das alle die gleiche Quelle haben. Alles in allem fehlt da immer noch der Beleg für den schweren Vorwurf, Peschmerga hätten die Waffen der Bundeswehr verkauft, was ja aber der Kern der Sache war. Auf den Aufnahmen, die als Quelle dienen, sieht man einen Mann, der ein Gewehr anbietet. Und das ist dort nicht selten – kann man aber auch in Berlin sehen, wenn man z.B. zu Frankonia geht.

Ich habe eine Liste mit solchen Artikel und gucke ab und zu, ob die Fehler bzw. die nicht belegbaren Stellen inzwischen gekennzeichnet sind. Beim Tagesspiegel las ich kürzlich, dass Alexander Fröhlich der Chef der Tagesspiegel-Recherche wird. Er hat schon bei der PNN exzellente Arbeit geleistet und ich habe mich über den Wechsel sehr gefreut. Als ich auf Twitter etwas salopp schrieb, dass die Stelle nicht korrigiert ist und ich hoffe, dass so etwas mit Alexander Fröhlich nicht mehr passiert, meldete dieser sich sofort und bat um Details. Kurz danach meldete sich der Chefredakteur Lorenz Maroldt auf Twitter, der ähnlich salopp antwortete:

Da Twitter nach wie vor kein adäquates Mittel ist um so etwas im Details zu klären, fasste ich meine Kritik nochmal in einer Mail zusammen, welche Lorenz Maroldt auch von der Sache her teilte. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass er jeden Tag einen Berg ähnlicher, aber substanzloser Mails bekommt. In sofern kann ich seinen ärger über meinen Tweet durchaus verstehen, bin auf der anderen Seite aber auch zufrieden, dass ich meinen Punkt am Ende noch vermitteln konnte. Dennoch: Der falsche Artikel bleibt online und wird nicht geändert.

Und nun?

Was man an diesen Beispielen sieht: Es lohnt sich, auf solche Fehler hinzuweisen. Die einen nehmen es einfach an, die anderen nach eingehender Prüfung und bei Dritten weiß man halt, dass man mit ihnen nicht mehr kommunizieren muss. So oder so – ich mache damit weiter.