Düstere Abgründe des Journalismus

Früher haben Journalisten sich für mehr oder minder alles interessiert. Es war ihnen wichtig, alle Fakten zu kennen und wenn sich mal ein Fehler eingeschlichen hat, dann war das peinlich. Heute ist das Feld viel polarisierter. Die guten sind immer noch da und wachsen nach, aber es gibt auch richtig schlimme Gegenbeispiele. Als ich vor Jahren den Focus darauf hinwies, dass „Bagdad steht nicht mehr unter der Kontrolle des IS“ einfach völlig Falsch ist, gab es da gerade mal ein Schulterzucken. Als ich mit einem Mitarbeiter einer Wirtschaftszeitung über solche Probleme sprach, sagte er mir „Soll man etwa den Artikel ändern, nur weil irgend so ’ne Bürgerkriegsregierung sich melden!? Wissen die, was hier ’ne Sendeminute kostet?“. Ich könnte noch lange weiter erzählen. Es ist traurig. In der vergangenen Tagen habe ich viel mit Journalisten über meine Bedrohungen auf Facebook gesprochen. Auch da ging das Wissen wirklich weit auseinander. Die Geschichte im Kurzen: Ich erhalte seit Jahren viele (Mord)drohungen und zeige die auch an. Ich habe 120 veröffentlicht und lasse über die „besten“ abstimmen. Facebook lässt mich diese Aktion aber nicht bewerben. Sie wollten die Drohungen damals nicht löschen, finden die Texte aber zu vulgär, als dass ich sie bewerben dürfte. Klingt einfach? Nun für den großteil der Journalisten schon. Es gab ein paar Rückfragen dazu, nochmal ein Statement, ein Interview vor der Kamera – das übliche halt. Einzelne Fragen haben mich aber in den Wahnsinn getrieben. Alle folgenden Beispiele kommen von großen und bekannten Redaktionen aber nicht zwingend von alten Journalisten – genau so von jungen:

Ein Telefonat

Journalist: „Also wir haben in der Redaktion kein Facebook installiert. Ich kenne das auch nicht so ganz genau. Aber verstehe ich das richtig: Sie haben eine Studie gemacht bei der raus kam, dass es Menschen gibt, die andere auf Facebook beleidigen. Und Facebook möchte nun die Veröffentlichung verhindern?“
Enno: „Nein. Ich werde auf Facebook bedroht. Das Problem sind also die Täter, nicht die Werbung, die ich nicht schalten kann.“
Journalist: „Achso. Aber wenn sie bedroht werden, sollten Sie das dann nicht besser der Polizei melden?“
Enno : „Ja. Mache ich ja auch. Steht ja auch in der Pressemitteilung. Aber davon werde ich ja immer noch bedroht.“.
Journalist: „Wie…aber die Polizei muss da doch was machen – oder nicht?“
Enno: „Ja… Aber die Täter zu fassen ist in Einzelfällen kompliziert, weil man ihre Identität nicht einfach feststellen kann.“
Journalist „Aber Facebook muss doch einfach die Adresse der Leute raus geben? Also das muss doch in den Verträgen zwischen Facebook und den Kunden stehen. Und wenn die da etwas falsches angegeben haben, bekommt man die doch wegen Betruges dran.“
Enno: „Nein, das ist komplizierter. Aber das dauert jetzt wahrscheinlich zu lange das von Anfang an zu erklären. Wenn es so trivial wäre, würde sich ja aber nicht der Justizminister direkt damit befassen“
Journalist: „Mit ihrem Fall?!“
Enno: „Nein, mit dem Problem der Drohungen im Internet – derzeit halt viel auf Facebook.“
Journalist: „Ach! Hatten Sie Kontakt zu ihm, oder woher wissen Sie das?“
Ich habe es dann eher kurz gehalten und mich anderen Dingen zugewandt.

Ein anderes Telefonat

Journalist: „Woher wissen Sie denn, dass das von Facebook kommt?“
Enno: „Na…äh…weil ich die Drohungen auf Facebook erhalte…“
Journalist: „Ich habe einen Kollegen hier, der IT-Experte ist. Der sagt, dass man die Quelle aber auch gut verschleiern kann. Haben Sie da mal einen Experten drauf gucken lassen?“

Weitere Fragen

„Sie werden also bedroht, weil Sie bei Facebook arbeiten?“

„Sie werden also von Facebook-Mitarbeitern bedroht?“

„Haben Sie im Büro einen Computer auf dem Facebook installiert ist, damit wir uns das mal zusammen angucken können? Ich kann mir das nicht richtig vorstellen“

„Können wir nicht mal mit der Polizei zusammen bei Facebook anrufen und einfach fragen, warum das so ist?“

Die diversen guten Tipps

„Haben sie mal bei Facebook angerufen und denen von dem Problem berichtet? Also vielleicht wissen die es ja einfach nicht“

„Wäre es nicht besser, einfach nichts darüber zu veröffentlichen? Dann hört es doch wieder auf“

„Sie können da auch Fotos von Mmachen und die zur Polizei bringen, die kümmern sich dann darum“

 

Man sieht dort also gut, wie einzelne Journalisten am Leben vorbei laufen und den Anschluss nicht mehr finden. Offensichtlich bekommen sie aber auch teilweise keine aktuellen Nachrichten mehr mit. Und sie sehen das Problem selber nicht. Im Gespräch merke ich immer wieder, wie sie ihr technisches Verständnis für normal halten, während sie mich wie einen Astronauten sehen.„Oh sie haben Facebook sogar auf dem Handy? Was es nicht alles gibt“. Auf der anderen Seite gibts Journalisten, die ich nur wegen Twitter überhaupt kenne. Die Digitale Kluft wird einfach immer größer.

Aus allen dieser Gespräche sind dann auch keine Artikel geworden, keine Sorge. Am Abend verliert man dann leicht das Vertrauen in einige Redaktionen. Manchmal kenne ich sogar Kollegen der Leute, die mich angerufen haben. Denen ist es selber peinlich – aber was sollen sie machen? Auf der anderen Seite frage ich mich dann immer, wie sehr ich Artikeln trauen kann, bei denen ich wiederum nichts vom Inhalt verstehe.