Ein Tag beim UNHCR

Enno Lenze UNHCR

Das UNHCR, auch UN Refugee Agency genannt, ist der Teil der Vereinten Nationen, der sich um Flüchtlinge kümmert. Ich kenne die Zelte und Laster von ihnen aus Kriegsgebieten – aber was macht das UNHCR eigentlich? Um das herauszufinden, folgte ich einer Einladung zu einer Kurdistan-Konferenz in die UNHCR-Zentrale in Genf.

Das Gebäude ist schon von außen beeindruckend: ein großer Garten, schmucklose große Wände und das übliche UN-Logo. Schlicht, aber massiv. Es gibt ein kleines Sicherheitsperimeter mit eigenen Sicherheitskräften, die “UN”-Abzeichen tragen. Aber gemessen an anderen Einrichtungen, die ich gesehen habe, ist der Schutz überschaubar.

Das UNHCR Gebäude

Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle wie am Flughafen ist man drin, bekommt seinen Ausweis und kann sich dort bewegen. Es gibt einen großen Gebäudekomplex mit Büros und großen Konferenzräumen, Cafeteria, Essensautomaten und einem Garten mit fünf Pfauen. Mein Ausweis berechtigt mich eigentlich, überall rumzulaufen und zu allen Konferenzen und Treffen zu gehen. Es gibt wenige Ausnahmen, da es hier natürlich auch vertrauliche Gespräche zwischen verfeindeten Ländern und ähnliches gibt. Aber an sich ist man hier sehr offen. Die Leute in den Fluren sind sehr freundlich, grüßen einen und helfen einem durch die schier endlosen Gänge. Es gibt schwarze Bretter mit Flyern zu allen möglichen Veranstaltungen und das nicht ganz neue Gebäude erinnert mich etwas an das Bezirksamt Mitte, welches noch in Ost-Berlin entstanden ist.

Nach ein paar Erkundungsgängen wollte ich eigentlich in die Cafeteria, sah aber ein paar wichtig aussehende Leute und folgte ihnen in den Meetingraum. Nachdem sich jeder vorgestellt hatte, fiel auf, dass ich der einzige war, der keine wichtige Rolle in einer internationalen Organisation einnimmt. Es war eine geschlossene Veranstaltung, aber irgendwie hatte auch niemand vorher drauf geachtet, dass ich mich dazu gesetzt habe. Ich erhielt noch einen Kaffee, bekam den Weg zur Cafeteria erklärt und wurde dann höflich gebeten, doch an einem anderen Meeting teilzunehmen. Alles entspannt – kein Problem.

Aus meiner Sicht hat das UNHCR drei wesentliche Teile: Die Leute im Feld, die ich schon kenne. Das sind die Mitarbeiter, Freiwillige und Partnerorganisationen, die vor Ort die Arbeit direkt mit den Flüchtlingen machen. Der zweite Teil sind die rund 1.000 Mitarbeiter, die hier am Standort in Genf zu finden sind. Zusammen sind es fast 90.000 Leute, die das UNHCR ausmachen. Die Mitarbeiter in den Büros hier verwalten das Milliarden-Budget, die Logistik, Konferenzen, Kontakte zu den anderen UN-Bereichen, machen die Pressearbeit und schreiben die Berichte, die dann in die Welt gehen.

Der wesentliche interessantere Bereich für mich ist jedoch das Konferenzgebäude nebenan. Hier gibt es dutzende Säle, in denen je wenige hunderte Menschen Platz finden. Auf dem Flur gibt es große Garderoben, an denen man seine Jacken unbeaufsichtigt aufhängen kann – was auch alle machen! Selbst bei so großen geschlossenen Organisationen bin ich das sonst nicht gewohnt und es erinnert mich etwas an die Grundschule, die Haken auf dem Flur hatte, die wir schon damals nie benutzt haben. In den Sälen gibt es große Tische mit Steckdosen, Ohrhörer für die Übersetzung sowie einem Mikrofon, um selber etwas zu sagen. Am Rand noch Besucherplätze. Es gibt überall schnelles WiFi und ein wildes Kommen und Gehen. Solange keine Konferenz stattfindet, nutzen Leute die Räume als Büroersatz. Überall werden Telefone und Laptops geladen, Leute starren angestrengt auf ihre Mails oder machen ein paar Minuten die Augen zu und denken über ihren Tag nach.

Wer trifft sich mit wem?

Mein erster Termin ist im Saal XXIII. Das Thema sind die vier Teile Kurdistans und das Internationale Recht. Die Konferenz wird vom Zagros Zentrum für Menschenrechte organisiert – eine von knapp 1.000 Organisationen, die hier akkreditiert sind. Und das ist der dritte Bereich des UNHCR. Jede dieser NGOs befasst sich in irgendeiner Form mit Flüchtlingen und hat das Recht, hier die Infrastruktur zu nutzen und Gäste wie mich einzuladen. Teilweise sind es sehr kleine Gruppen von Ehrenamtlern, teilweise riesige Organisationen wie das Rote Kreuz. Jeder kann zu den Konferenzen der anderen gehen, Kontakte knüpfen und gemeinsam größere Projekte planen, als es der Einzelne es alleine könnte.

Auch bei dieser Konferenz kommen Teilnehmer von anderen Organisationen. Die UN-Sonderbotschafter, Diplomaten und ähnlich hohe Teilnehmer zu bekommen und sich so wichtiger machen zu können, ist die große Kunst – das passiert aber fast nie. Meist bleibt man unter sich und es ist wie immer in der Politik: Sehr viel sehr kleine Arbeit, die niemand zu schätzen weiß und die sehr frustrierend ist. Man braucht einen langen Atem. So wie die Leute, die heute im Panel sitzen: Sie alle engagieren sich sehr lange und aus ganzem Herzen für Unterdrückte und Vertriebene, haben es bis ins UNHCR geschafft und dennoch hören ihnen zu wenige Menschen zu. Aber das wird sich nicht ändern, wenn man nicht immer wieder solche Konferenzen macht.

Die Konferenz

Da man nie weiß, wer alles teilnimmt, startet man oft mit einem ganz kurzen Überblick über das Thema. In diesem Fall ein Drei-Minuten-Film, der die kurdische Geschichte knapp zusammenfasst.

Zunächst erklärt Omar Marouf die Situation im Iran: wie dort nach dem Zweiten Weltkrieg die kurdische Republik Mahabad unter dem Schutz der Sowjetunion entstand und dann wieder auseinander brach, die Revolution von 1979 und die späteren Giftgasangriffe auf die Kurden. Er fasst die Situation ernüchternd zusammen “Die Situation der Kurden ist nicht von der Regierung abhängig. Der Iran hat in den vergangenen hundert Jahren viele Regierungen gesehen – die Kurden wurden immer unterdrückt. Und sie können nicht gegen die aktuelle Regierung kämpfen – das ist ein Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Die Situation in Syrien wird von Samira Mohamad ebenfalls als eine Aneinanderreihung trauriger Ereignisse vorgetragen. Immer wieder haben die Kurden dort Hoffnung gehabt. Selbst, als ihnen die Bürgerrechte entzogen wurden und als sich die internationale Gemeinschaft abgewendet hat. “Die UN sollte die grundlegenden Menschenrechte der Kurden in Syrien schützen – dafür wurde sie doch mal gegründet. Wo ist die UN jetzt!?”. Sehr emotional klagt sie die internationale Gemeinschaft an, in der UNHCR-Zentrale, aber es ändert nichts an der Lage der Menschen. Das ist für mich das Symbolbild der UN.

Wenn man die Geschichte der Kurden nicht kennen würde, würden man ja auf den Redner warten, der nun mit dem “Happy End” kommt. Aber er kommt nicht. Stattdessen erklärt Zanyar Sarbaz die Lage im Irak: von “Chemie-Ali” und dem Völkermord an den Kurden in Halabja über die aufstrebende Autonome Region Kurdistan bis hin zum Unabhängigkeitsreferendum im vergangenen Jahr. Gerade bei diesem Thema merkt man, wie zerstritten die Kurden untereinander sind. Ein Teilnehmer erklärt, welche Partei seiner Meinung nach wichtiger sei als andere und welche bewaffnete Einheit besser für das Volk kämpft als andere. Das ist weder das Thema, noch interessiert es jemanden. Mit “Wenn du ein Problem mit der kurdischen Regionalregierung hast, dass musst du das mit denen klären – nicht mit mir” beendet Zanyar diese Diskussion.

Im letzten Teil erklärt Shilan Turgut die Lage in der Türkei. Gerade in der jüngeren Geschichte wurde den Kurden dort immer gesagt, dass die PKK nur Terror verbreitet und man sich daher von ihnen distanzieren solle, um die “Differenzen” politisch zu klären. Die pro-kurdische, aber sehr gemäßigte HDP wurde gegründet und war sehr erfolgreich. Den HDP-Chef erwarten nun 500 Jahre Haft – seine Kollegen sitzen auch im Gefängnis. Richtige Gründe dafür kann die türkische Regierung nicht liefern. Die Hoffnung wurde erneut im Keim erstickt. Anschließend erklärt Turgut wichtige Teile des internationalen Rechts. Gerade in Afrin kann man derzeit gut erklären, wie Theorie und Praxis auseinander geht. Ich fragte, wofür das internationale Recht denn gut sei, wenn es z.B. in Afrin keine Anwendung findet und sich die UN nicht um die Opfer kümmert. Eine gute Antwort hat keiner – eher Zustimmung, dass es oft keinen Sinn ergibt. Aber auch das ist eine Sache, die man in vielen Teilen der UN immer wieder sieht: Vieles läuft falsch – und dennoch ist es das beste, was sieben Milliarden Menschen sich bisher ausgedacht haben.

Die Konferenz läuft 90 Minuten, danach sitzen einige der Teilnehmer noch in der Cafeteria zusammen. Shilan Turgut hatte mich eingeladen. Sie gehört zu den Leuten, die sich seit Jahren ehrenamtlich für Kurdistan engagieren. Nach der Arbeit arbeitet sie ihre Redebeiträge aus, nimmt sich frei, um an den Konferenzen teilzunehmen und zerbricht sich den Kopf über das weitere Vorgehen. Ich frage sie, warum die Konferenz nur so kurz war. “Kurz? Hinter dir sitzt ein Gesandter, der hauptamtlich sein Land in der großen Versammlung vertritt. Frag den mal nach seiner Redezeit!” – Er hat unser Gespräch mitbekommen und dreht sich aus seinem Gespräch kurz zu mir “Zwei Minuten pro Sitzungstag. Alle zwei Monate wird abgestimmt” und dreht sich wieder zurück. Das ist ernüchternd.

Viel Ehrenamt – wenig Anerkennung

Shilan geht es wie vielen: Wenn man auf mehrere Jahre Arbeit zurückblickt und seine Erfolge zählt – dann findet man wenig Konkretes. Das ist demotivierend, aber die traurige Realität. Hat zum Beispiel diese Konferenz etwas gebracht? Hat man Leute erreicht, die man vorher nicht erreicht hat? Und wenn ja: Ändert sich dadurch etwas? Oder wird dieser Artikel, den ich schreibe, etwas an der Sache ändern? An sich ist man ein kleines Zahnrad in einem großen Uhrwerk – aber man ist sich nie sicher, ob man eigentlich mit dem Uhrwerk verbunden ist.

Aber nicht nur ihr geht es so, sondern auch den anderen Freiwilligen bei Zagros. Und allen, bei den anderen kleineren NGOs, die sich hier treffen. Der Alltag besteht also aus solchen Treffen und dem Herumsitzen in der Cafeteria. Dort findet man Gleichgesinnte. Man schmiedet kleine Allianzen mit anderen Organisationen, besucht gegenseitig die Konferenzen, damit mehr los ist. Das ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Irgendwann wird jemand davon in eine wichtige Position befördert oder lernt auf einem Botschaftsempfang jemand kennen oder sonst etwas.

In gewisser Weise beruhigt es mich, dass auch hier nur mit Wasser gekocht wird. Es gibt nicht das eine große Geheimnis, wie andere NGOs arbeiten. Es gibt nicht das Patentrezept, es gibt nicht das geheime Buch der Kontakte. Es gibt nur sehr viele Menschen, die ihr Bestes tun, um aus der Welt einen besseren Ort zu machen.

Die UN hat sicher sehr viele Fehler. Aber etwas besseres haben wir derzeit auch nicht.