Mossul liegt nur eine Stunde von der kurdischen Hauptstadt Erbil entfernt. In Erbil kommen wir am Freizeitpark vorbei, an den Shopping-Malls und am bunten Treiben auf den Straßen. Auf den Checkpoints Richtung Mossul wehen die kurdischen Fahnen. Die Checkpoints sind von Peschmerga besetzt. Dann kommt der letzte kurdische Checkpoint, von dem aus man schon die irakischen Flaggen am nächsten sehen kann. Es ist wie ein Grenzübergang. Man braucht unterschiedliche Visa, es werden verschiedene Sprachen gesprochen, andere Soldaten, andere Administration. Dann sind wir im Vorort von Mossul. Fast sechs Jahre, nachdem ich das erste Mal hier war. Etwa an der gleichen Stelle stand ich im Juni 2014, kurz nachdem der IS weite Teile Mossuls eingenommen hatte.

Nachdem die irakische Armee 2014 nahezu implodiert war, förderte die irakische Regierung die „Hashd al-Shaabi“, auch „PMU“ oder „Volksverteidigungseinheiten“ genannt. Das Volk sollte sich registrieren, bewaffnen und kämpfen. Es registrierten sich viele schiitische Milizen, welche oft im Kontakt mit dem Iran stehen. Inzwischen sind es Zehntausende, die große Teile des Irak kontrollieren. Mossul gehört zu den Städten, in denen man irakische Armee, irakische Polizei und Hashd al-Shaabi findet, in denen die „Hashd“ aber das sagen hat. Gegenden, in denen seit Monaten bis Jahren kein Journalist war.

In Mossul fahren wir vorbei an eingestürzten Häusern, an Trümmerbergen, Bombenkratern und verbogenen Autos. Es ist, als sei man auf einem anderen Planeten gelandet. Eine Frau mit Kind läuft vorbei und starrt mich an. Männer im Taxi winken verlegen, die Polizei guckt mir lange hinterher. Sie können mit mir ebensowenig anfangen, wie ich mit der ganzen Situation. Wann ist unsere Welt so kaputt gegangen? An einem Trümmerfeld halten wir an, blicken auf einen weiteren Stahlbetonberg. „Das war das Büro des Bürgermeisters,“ erklärt mir ein Hashd al-Shaabi Mann, welcher sich in der Gegend auskennt. Seine Stimme ist dabei weder traurig noch fröhlich. Es ist einfach eine Information, so wie „Hauptbahnhof, die Linie endet hier“. Alltag für ihn. Und für alle anderen hier. Die älteren Menschen, die hier leben, kennen noch die Zeit unter Saddam. Und die unter der irakischen Regierung. Und unter dem IS. Ihr Leben lang konnten sie keine Freiheit genießen, wie sie für uns ganz normal ist. Ein paar Kinder stehen 50 Meter weiter und beobachten mich. Ich frage mich, was aus ihnen werden soll. Werden sie hier aufwachsen und sagen „Ich werde nun ein Demokrat, sozial und baue mein Land gemeinsam mit meinen Freunden auf“? Oder sagt er sich „Scheiß drauf, hier ist eh alles kaputt“. Also was ist die Exit-Strategie für diesen Platz der Welt? Wie soll es hier in zehn Jahren aussehen? Vermutlich genau so. Mal sehen, wer dann wieder Krieg führt.

Wir fahren weiter. „Das ist die Moschee von Baghdadi. Gegenüber saß sein Sicherheitsdienst.“ Soweit ich weiß, ist das Haus vermint und stark einsturzgefährdet. Aber die Informationslage ist eher dünn. Ein Mann, der auf der anderen Straßenseite arbeitet, schüttelt den Kopf. „Keine Minen! Nur Gerüchte! Alles sicher!“. Sollte man sein Leben in die Hände eines 70-jährigen Irakers legen, den man gerade auf dem Bürgersteig kennen gelernt hat und mit dem man ein paar Worte Englisch austauschen kann? Warum nicht. Ich hatte schon schlechtere Quellen.

Es gibt keine Türen und Fenster mehr. In dem, was ich für den Eingang halte, liegt Schutt und Dreck. Dahinter steht eine Couch. Wenn man dort sitzt, hat man den Eingang im Blick. Sie ist halbwegs sauber, sieht genutzt aus. Normalerweise ist dieses Gebäude nicht zugänglich und die Wachen sitzen dort, wird mir erklärt. Darüber kommen zunehmend kaputtere Treppen. Man kann über sie bis auf das eingestürzte Dach gehen. Nicht sehr vertrauenserweckend, aber es geht. Vom Dach aus kann man auf die zerstörte Moschee blicken. In die andere Richtung in einen Hinterhof, in dem drei verbogene und verrostete Auto-Wracks liegen. Das sollten fahrende Bomben werden. Ich blicke in hunderte oder tausende Fenster in der gesamten Umgebung. Der einzige westliche Mensch weit und breit. Vielleicht hätte ich doch eine schußsichere Weste anziehen sollen. Alle Ausrüstung liegt in meinem Wagen. Aber ich wollte möglichst wenig auffallen – sofern das hier überhaupt geht. Mir geht auch durch den Kopf, ob man mit Leihwagen nach Mossul darf. Der Blick in den zerstörten Hof ist wie ein Foto. Nichts bewegt sich. Ein dystopisches Stilleben. Im Gebäude selber liegen noch verpackte, selbstgedruckte und gebrannte DVDs von Hollywoodfilmen, einige VHS-Kassetten und ein ganzer Raum voll Nähmaschinen. Davor liegen Schaufensterpuppen. Vermutlich befand sich in den Räumen vorher eine Schneiderei. 

An einem Fenster sitzt ein Teddy, den Elisabeth Habel entdeckt hat. Sie ist mit mir nach Mossul gekommen, nachdem ich versichert habe, dass wir wahrscheinlich nicht sterben. Ohne Galgenhumor hält man es hier nicht aus. Der Teddy im zerstörten Haus erinnert mich an das Bild einer Puppe, die in Chernobyl einsam am Fenster sitzt. Unweigerlich geht mir die Frage durch den Kopf, was mit den Kindern geschehen ist. Beim Luftschlag getötet? Vom IS getötet? Bei der Befreiung Mossuls getötet? Oder Glück gehabt? Hat es noch eine Familie? Dinge, die man sich nicht fragen sollte, wenn man die Antwort nicht wissen will. 

Egal wohin man blickt: Man sieht traurige, versteinerte Gesichter. Menschen, die sich unsicher sind. Kinder, die nicht spielen. Es ist wie in einem lebendig gewordenen Endzeitfilm. No future. Selbst die NGOs, die hier bisher geholfen haben, haben Probleme, her zu kommen. Über der Stadt fliegen immer wieder amerikanische Kampfflugzeuge und Drohnen. Es ist laut, es riecht nach Abgasen. 

Auch der Rest der Stadt ist irgendwie in Bewegung, aber nicht lebendig. Es liegen immerhin keine Toten mehr rum. Es gibt Strom. Es gibt Essen. Aber vor allem gibt es Leid. Mir wird gesagt, dass ich die Stadt verlassen muss, bevor es dunkel wird. Dann kann es „schwieriger“ werden. Auf dem Weg raus kann ich mich darüber freuen, dass sich meine Eltern im richtigen Land verliebt haben und ich somit den richtigen Pass habe. Dieser bringt mich in nur einer Stunde zurück ins Erbil Book Cafe, in dem ich die Fotos durchsehe und Nutella-Banana-Pancakes esse. 

Wir sehen anderen beim Leiden zu, während wir helfen könnten. Das alles ergibt keinen Sinn.