Es geht auch ohne Hitlergruß

Auf der einen Seite knapp fünfzig Personen, meist ältere Männer. Auf der anderen Seite mehr Menschen und durchmischter. Man wirft sich gegenseitig vor, Pack und engstirnig zu sein und Deutschland ins Verderben zu stürzen. Und man wirft sich gegenseitig vor, “Nazi” zu sein. Auf beiden Seiten gab es heute keine Hitlergrüße, keine Hakenkreuze.

Ein bisschen kommt es einem wie eingespielte Folklore vor, wenn Bärgida, der Berliner Ableger von Pegida, montag abends in Berlin am Hauptbahnhof demonstriert. Bärgida steht an der Treppe vorm Vapiano-Restaurant, die Gegendemonstranten am Haupteingang des Bahnhofs hinter Absperrgittern. Obwohl man problemlos zwischen den Lagern wechseln könnte, halten sich alle an die Regeln.

Richtige Stimmung will auf Seite der Bärgida nicht mehr aufkommen. Man schwenkt die üblichen Fahnen und hört deutsche Musik. Dazu ein paar Redebeiträge, in denen die eigene Sicht der Welt dargelegt wird. Teilnehmer erklären den Passanten, dass die Gegendemonstranten Statisten seien, die von Merkel bezahlt werden. Und sie seien von der RAF. Die meisten Passanten winken ab. Schulklassen checken nebenan im Hotel ein und sehen sich das Treiben an. Ein Lehrer kommt zu mir und erklärt mir, dass man so immerhin mal etwas anschauliches zum Fach Politik hat. Die Bundestagsabgeordnete der Linken Anke Domscheid-Berg kommt vorbei und schüttelt den Kopf über das Treiben.

Drei vermeintliche Schüler gehen zur Bärgida und diskutieren zwanzig Minuten lang mit den Teilnehmern, bis sie sich entscheiden zu gehen. Sie gehen “Alerta Alerta Antifascista”-rufend zur Gegendemonstration und werden dafür bejubelt. Der Ausruf stammt ursprünglich von den Gegnern Mussolinis und wird heute weltweit als Ausruf gegen Faschisten und Rassisten genutzt. Polizisten kommen ihnen entgegen, begleiten sie bis zur Absperrung. Auch hier entspannte Routine. Business as usual.

Nach rund einer Stunde wird die Veranstaltung singen alle zusammen “Deutschland Deutschland über alles!”, anschließend wird die Veranstaltung vom Veranstalter beendet. Beide Gruppen ziehen nach und nach ab.

Ein ganz normaler Montag Abend in Berlin.