Frieden schaffen mit großen Waffen

China hatte bei mir auch eine Million Reizgasgranaten angefragt, aber ich konnte nicht liefern,“ sagt mir die Dame, um die 30, auf der internationalen Rüstungsmesse MiliPol in Paris. Wenn man sie, oder die anderen Leute hier fragt, was sie tun, dann ist die Antwort „Frieden schaffen“. Denn was steht mehr für Frieden, als Panzer, Sturmgewehre und Granaten? Also in den Händen der richtigen Kunden natürlich. Die Frage, ob China der „richtige“ Kunde ist, spare ich mir aus zwei einfachen Gründen. Zum einen möchte ich das Gespräch am Laufen halten und mehr erfahren, statt in eine Moral-Diskussion abzubiegen. Daher verhalte ich mich auf diesen Events so, dass ich viel Kontakt zu anderen bekomme. Zum anderen kenne ich die Antwort: Wenn es falsch wäre, an sie zu liefern, gäbe es ein Embargo. Die Welt ist kompliziert, man hält sich an die geltenden Gesetze und Embargos.

Drohne, die Granaten fallen lässt
Drohne, die Granaten fallen lässt

Während es auf den meisten Messen um Neuheiten geht, geht es hier eher um gut abgehangene und etablierte Technik, die weiter entwickelt wird. Seit mehr als siebzig Jahren findet man hier die allseits beliebte Kalaschnikow. Ich komme also her, um Menschen zu beobachten und zu treffen. Während es auf der EuroSatory auch um Kampfhubschrauber und große Raketen geht, trifft man auf der MiliPol eher Polizei, Spezialeinheiten und die weniger solventen Armeen. Auf den Ständen gibt’s neben Waffen auch Kleidung und Ausrüstung. Auch Schneidereien bieten ihre Dienste an. Das mag trivial klingen, aber wenn eine ganze Armee neu eingekleidet werden soll, ist das ein ordentlicher Auftrag. Wer steht also auf der anderen Seite vom Stand?

Hund bewacht einen Messestand
Hund bewacht einen Messestand

Waffenhändlerin ist nicht gerade ein Ausbildungsberuf. Die eingangs erwähnte Dame möchte über ihre Vita nicht viel sagen. Auch das kenne ich bereits. Entweder kennt man sich, oder eben nicht. In diesem Business geht es um Referenzen und Vertrauen und in westlichen Ländern auch darum, ausschreibungskonform und günstig zu liefern. „Die hatten ja eine Menge aus den USA und aus Russland. Aber das muss lange alle sein. Derzeit brauchen die bis zu 5.000 Granaten pro Woche in Hongkong alleine. Und die haben nur 33.000 Polizisten. Wie soll da der Schichtplan aussehen? Wenn die anfangen Chinesen [Aus dem „Mainland“ China, also nicht aus Hongkong] ran zu karren, dann müssten die auch bald Uniformen bestellen“.  Man merkt auf der Messe schnell, dass es eine wirkliche Fachmesse ist. Die Leute rechnen so Dinge schnell im Kopf durch, haben eine Idee von Lagermengen und denken sofort an den nächsten Auftrag um noch mehr Frieden in die Welt zu verkaufen. 

Junge Waffenhändlerinnen kannte ich bisher nicht. Aber es werden mehr. Es scheint wie in anderen Branchen zu sein, ein Generationswechsel steht an. Solche Händlerinnen haben keine eigenen Produkte. Sie schafft einfach Ware vom Hersteller zum Kunden und kümmert sich um die Logistik und die Formalitäten. Aber natürlich sind auch die großen Hersteller auf der Messe vertreten und preisen ihre Produkte an.

Mitmachen und lächeln - hält das Gespräch am Laufen
Mitmachen und lächeln – hält das Gespräch am Laufen

In Deutschland ist der Waffenhandel eine ernste und seriöse Sache. Das fällt mir auch immer auf den Ständen auf. Hat man dort zu viel Spaß, wird man grimmig angesehen. Frieden ist eine ernste Angelegenheit! Das merkt man besonders, wenn gegenüber der Stand von Uzi oder Kalaschnikow steht. „Komm her, Deutscher! Mit so einem Ding wurde schon auf deinen Opa geschossen! HAHAHA“ sagt der Mann und drückt mir ein Scharfschützengewehr in die Hand. „Ah, ziviler Sektor? Naja. Dann bekommst du doch nur das kleine“ sagt er, nimmt das große Gewehr weg und drückt mir zwei Maschinenpistolen in die Hand. „Warte, ich mach ein Foto für deine Mutti“. Die Unterscheidung, ob man aus dem zivilen, privaten oder militärischen Sektor kommt ist hier wichtig. Zivil heisst: Journalist oder anderer Fachbesucher, der über keine besondere Berechtigung zum Kauf von Kriegswaffen verfügt. Die „private military companies“, also moderne Söldner, können schon einiges kaufen. Es kommt immer drauf an, wo sie ein Büro haben und was die lokalen Gesetzte erlauben. Militär hat, abgesehen von Embargoländern, die freie Auswahl. Natürlich kann man hier auch als Zivilist alles sehen, anfassen und fragen – aber die Antworten fallen unterschiedlich detailliert aus. 

Nicht-tödliche Granaten
Nicht-tödliche Granaten

Ich habe auf so Messen den Vorteil, viel vom Krieg gesehen zu haben. Stellt man spezifische Fragen und lässt dabei fallen, wo man unterwegs war, wird das Gespräch schnell offener: „Vor Baghdad wurde mal mit nem Russen-50er auf uns geschossen, das hält die Weste aber auch nicht mehr“. Und schon ist man im Gespräch über die Materialien von schußsicheren Westen, die aktuellen Entwicklungen und die Weltlage. Und da merkt man schnell, wer sich in der Welt rum treibt und wer nicht. Immer wieder überrascht mich, wie offen hier über alles gesprochen wird, wie wenig man ein Blatt vor den Mund nimmt. 

Die Trends auf diesen Messen drehen sich langsam. Und man hat das Gefühl, dass sich vieles wiederholt. Auf der MiliPol wird das Publikum scheinbar jünger, internationaler aber es kommen weniger große Armeen. Dafür treffe ich mehr Polizeieinheiten. Sie beklagen alle das gleiche: Die Beschaffung dauert zu lange, es ist zu wenig Geld da, die Ausbildung ist nicht ausreichend. Ein Polizist erklärt mir „Hier, die Pistole wäre optimal. Sie hat ein kleines Leuchtpunktvisier, und einen kleinen Anschlagschaft. Passt in das Holster, wiegt nicht zu viel. Wir schießen gerade mal 250 Schuß im Jahr, da haben viele Kollegen keine Übung. Wenn die echt mal in der Mall oder der Schule auf 20m einen Terroristen erlegen müssen, nachdem sie gerannt sind, wäre das optimal.“ – Mir geht durch den Kopf, dass ich eher 5.000 Schuß im Jahr mache, ohne in dem Bereich zu arbeiten. Die Pistole bekommen sie nicht, weil sie mit rund 2.000€ einfach zu teuer ist. Wir unterhalten uns darüber, dass ich bereits vor zwei Jahren über diese Waffe und dieses Szenario geschrieben habe . Ein Schweizer Kollege kommt dazu und erzählt von einem Einsatz. „Bei uns ist jemand als ‚Deadpool‘ verkleidet ins Kino gegangen, mit den ‚Desert Eagle‚-Attrappen an den Beinen. Da wurden wir gerufen. Was machst du da? Mit Weste und Sturmgewehr kommen und alle in Panik versetzen? Oder mit ner kleinen Waffe, mit der du ihn nicht triffst, wenn er doch los rennt. Da würde sowas gut ins Mittelfeld passen“. 

Während diese Leute nachvollziehbar erklären können, wo ihnen welche größere Waffe im Einsatz hilft, hat man auf der anderen Seite der öffentlichen Diskussion die Bürgerinnen und Bürger, die keine aufgerüstete oder militarisierte Polizei wollen. Ein Mittelweg könnte sein, wenige Polizisten speziell zu schulen und gut auszustatten und die Aufgaben weiter zu teilen. Das funktioniert in der Praxis aber kaum. Mit der hochgerüsteten GSG-9 hat kaum jemand ein Problem. Die steht einem aber auch nicht in voller Ausrüstung am Bahnhof gegenüber. Dort steht der Polizist mit 250 Schuss Training im Jahr mit einer MP5, die älter ist, als er selbst. Und der Polizist hat sich das sicher auch anders vorgestellt. 

Modelle von Norinco Fahrzeugen
Modelle von Norinco Fahrzeugen

Ein Stück weiter wirbt der chinesische Hersteller Norinco für seine Produkte. Die werden inzwischen weltweit verkauft und sind auch im deutschen Waffenhandel zu haben. Hier sehe ich Modelle der Wasserwerfer und Granaten, die ich vor zwei Wochen noch live in Hongkong gesehen habe. Mitarbeiter finde ich am Stand keine. Das passiert gerade bei chinesischen Ständen immer wieder. Die Leute bauen den Stand auf und sehen sich wenigstens einen Tag Paris an. Manchmal bleibt noch eine Person da um den Stand zu hüten, manchmal niemand. 

Chinesische Hersteller bauen immer mehr Sachen nach. Inzwischen oft, ohne Patente zu verletzen und in guter Qualität. Oder einfach so günstig, dass eine schlechtere Qualität akzeptabel ist. Die westlichen Hersteller zehren noch von ihrem Namen, müssen aber mehr und mehr zeigen, warum ihr Produkt besser ist. Bei Wärmebildkameras macht die Software den Unterschied. Hat man früher einfach durch geguckt und das Bild gesehen, kommen nun immer mehr Details dazu: Distanz, vermutliche Größe des Objektes und eine Erkennung, ob es eine Person ist, oder nicht. So soll der Soldat der Zukunft direkt angezeigt bekommen „ist nur ein Reh“ oder „ist ein Soldat, und vermutlich keiner von deinen Freunden.

Nur der Bereich „Information“ scheint größer zu werden. Hier tummeln sich Unternehmen, welche Informationen zu Personen und Organisationen horten. Man schickt also die bekannten Daten einer Person hin und erhält ein Dossier mit den bekannten Informationen zurück. Man kann auch „Aufenthaltsort“ oder „Geldfluss“ dazu buchen und diese auch regelmäßig updaten lassen. Das funktioniert weltweit und laut Anbieter meist binnen 24 Stunden. Ich frage, ob ich auch eine volle Audio-Video Überwachung dazu buchen kann. „Nicht in deinem Sektor“ ist die Antwort mit verweis auf meinen Ausweis. Grundsätzlich sei so etwas, im Rahmen der geltenden Gesetze und zu Sicherung des Weltfriedens, natürlich möglich. Und wir reden hier von privaten Unternehmen, nicht von staatlichen Stellen. „Dystopie as a Service“, denke ich mir.

Am Ende der Messe sehe ich die junge Waffenhändlerin nochmal. Ich bin auf dem Weg zum Shuttlebus und dann zur Holzklasse im normalen Flugzeug, sie lässt sich vor der Tür von der Limousine abholen und zum gemieteten Jet bringen. „You get, what you pay for,“ sagt sie mir lächelnd. Mit „Frieden schaffen“ kann man also weiterhin gutes Geld verdienen, wenn man eine gewisse moralische Flexibilität mit sich bringt.