Geputzt und gepanzert: Dicke Autos

Im Hollywood-Film sind die gepanzerten Limousinen auf Hochglanz poliert, davor stehen Leute mit dunklen Sonnenbrillen und Knopf im Ohr. Oder es sind A-Team-artige Leute in der irakischen Wüste, die ins nichts starren.  Ich habe beide Szenarien mehrfach erlebt und dachte früher, dass das gute putzen der Fahrzeuge einfach zum Erscheinungsbild gehört. Aber es hat einen tieferen Sinn.

Im Hollywood-Film prallen die Projektile vom gepanzerten Auto einfach ab. In Wirklichkeit ist das anders. Man spricht auch nicht von „gepanzert“, sondern von „sondergeschützt“. Es gibt auch keine „schußsicheren“ Fahrzeuge oder Westen. Es geht um Physik, nicht um Zauberei. „Sicher“ ist da immer relativ. Man kann nur bestimmte Gefahren mindern. Erstmal muss man wissen, gegen welche Kaliber man wie geschützt ist. Nur die Türen? Auch der Boden? Problem sind immer die Scheiben. Was macht man mit den Reifen? Und man muss wissen, welche Waffe welches Kaliber hat, was man als Gefahr für sich sieht und welche Munition verwendet werden könnte. Kurz: Es ist kompliziert. Es ist, wie wenn man heute fragt „Wer gewinnt in zwei Jahren die Bundesliga?“ – es gibt zu viele Unbekannte in der Rechnung.

Land Cruiser, Schutzklasse VR14, persönlich kaputt gefahren

Es gibt Schutzklassen, die grob erklären, was welches Fahrzug mindetens hält. Erwartet man Beschuss mit einer Kleinkaliberpistole, so reicht VR1.  Oder geht man von einer „normalen“ Pistole in 9mm aus? Dann VR2. Für das Krisengebiet eher auch Schutz vor Sturmgewehren. Also VR9 oder höher. Das sind aber die zivilen Klassen. Danach kommen Militärfahrzeuge – die man aber in Deutschland privat nicht mehr in der Form fahren darf.  

Wie überlegt man sich also, was man braucht? Bei Trumps Dienstwagen „The Beast“ geht man von großen, organisierten terroristischen Angriffen aus. Man kann über eine Pistole, die auf einen gerichtet wird, einfach lachen: Bei einem Sturmgewehr kann man mal gucken, bei einer Granate an der Scheibe wird’s erst interessant.

Bei einem „normal“ gepanzerten PKW im Krisengebiet, beim Bankmanager oder dem russischen Oligarchen spricht man meist von der Schutzklasse VR9 bis VR14. Also urbanes Umfeld, große Kriminelle, aber keine Kriegshandlungen. Da hat man 3-4 Schuss mit einer AK47 auf den gleichen Bereich, also z.B. eine Seitenscheibe, bis die Projektile durch kommen. Aber schon da kommt es auf die Distanz, den Winkel, Munition usw. an.

Das Titelbild zeigt einen 7er BMW aus den 90er Jahren, wie er z.B. von der Fahrbereitschaft für wichtige Politiker eingesetzt wurde. Die damalige Schutzklasse entspricht etwa VR9. Bei einem gezielten Angriff hätte er ein paar Kalaschnikow-Schüsse gehalten. Dieses Exemplar hat insgesamt 18 Treffer vom Islamischen Staat abbekommen, als der Fahrer seine Kameraden aus dem Kreuzfeuer gerettet hat. Sobald die Distanz größer wird, der Winkel flacher und die Treffer gut verteilt sind, geht das. Ich habe den Wagen kurz drauf gesehen und konnte noch problemlos mit ihm fahren.

Humvee in Kirkuk, nach Beschuss und Überfahren einer Selbstbau-Mine (IED)

Wenn der Wagen getroffen wird, splittert die Scheibe auf, aber bricht nicht. Das ist, wie wenn man einen Stein in eine Schaufensterscheibe wirft. Man hat aber einen 10-20cm „Stern“, durch den man nicht mehr klar sehen kann. Die Scheibe kommt an der Stelle oft einige Millimeter bis Zentimeter wie ein Trichter rein, biegt sich wieder zurück und bleibt so stehen. Man sollte also nicht mit dem Kopf dran lehnen. Das Projektil bleibt dann vor einem stehen, zerbricht aber oft. Man hört den Knall und hört für einen kurzen Moment kaum noch etwas. Direkt danach geht eine Schockwelle durch das ganze Fahrzeug, die man als kurze Vibration wahrnimmt. Der ganze Staub in den Sitzen, auf den Ablagen, in den Polstern, im Himmel usw. fliegt hoch und steht in der Luft. Man hustet, hat was im Auge und muss sich schnell auf das Wesentliche konzentrieren. Das ist der Grund, warum der Wagen gut geputzt sein sollte. Wenn ein stabiles Metallteil des Fahrzeugs getroffen wird, hört man nur den Einschlag, wie ein Klopfen oder einen Hammerschlag, ja nach Größe. Hier muss man bei billigen Fahrzeugen darauf achten, dass keine Verkleidungsteile auf der Innenseite absplittern und einen treffen.

Geldtransporter in Berlin nach Überfall, der Laderaum war nicht gepanzert

Meist werden auch direkt die Außenspiegel und der Kühler unter Beschuss genommen. Nach dem Beschuss will man fliehen, von Angreifer weg. Also möchte man meist rückwärts fahren. Ohne Spiegel ist rückwärts fahren schwierig. Vor der Heckklappe ist noch eine Panzer-Klappe mit einem Mini-Fenster, durch das man fast nichts sieht. Daher habe ich im Training viel rückwärts fahren üben müssen. Man orientiert sich an der Straße und den Linien vor einem. Nicht einfach. Wenn der Kühler nicht besonders geschützt ist, kann er einfach von Projektilen durchlöchert werden. Dann hat man weniger als eine Minute, bis der Wagen steht.

Gepanzerte sind nicht immer gut verarbeitet und auch nicht luxuriös. Es ist ein Massenmarkt, wie bei Haustürschlössern. Da gibt’s auch sehr gute – aber die meisten Leute kaufen das billigste. Wenn man eine Firma mit Personenschützern und gepanzerten Fahrzeugen im Krisengebiet betreibt, dann geht es um Gewinne. Und der Kunde hat meist eh keine Ahnung. Ahnungslose klopfen an die Scheibe, die schön dick ist. Dann wundern sie sich, wie schwer die Tür ist und machen noch ein Selfie.

Wer Ahnung hat, guckt erstmal in den Motorraum. Ist der Kühler geschützt, bekommt aber noch genug Luft? Ist die Batterie und der Sicherungskasten extra geschützt? Sind die sieben Übergänge, die ein LandCruiser zwischen Motorraum und Fahrgastzelle hat, geschützt? Hat irgend ein Depp ein Loch in die Tür gebohrt, um einen beheizten Außenspiegel anzuschließen (JA! Selber gesehen!)? Und verriegelt der Fahrer die Tür? Man glaubt nicht, wie viele Probleme durch Unachtsamkeit entstehen.

Ich buche die Firma dauernd! Die haben Waffen und dicke Autos! Nie was passiert“ – höre ich immer wieder. Richtig. Aber ich bewerte Schutz nicht nach den Einsätzen, in denen nichts passiert ist, sondern nach den anderen.  Der Kunde kann das Produkt oft gar nicht bewerten. Fidelis Cloer, der etliche Regierung ausstattete, fasste das so zusammen: „Ich verkaufe keine Autos, sondern ein gutes Gefühl