Welche Kurden haben welche Waffen?

,

Heute Berichtete Ansgar Graw, Chefreporter der Welt: “(…)und die Kurden sich ihnen mit deutschen Waffen entgegenstellen, die ursprünglich an die Peschmerga im Nordirak geliefert wurden(…)”. Also klar gesagte: Die Peschmerga sollen Teile der Waffen, die ihnen die Bundeswehr seit 2014 geliefert hat, an die YPG (die kurdische Volksverteidigungseinheit in Syrien) übergeben haben, damit diese sich damit gegen den Angriff der türkischen Armee wehren können. Ähnliche Vorwürfe wurden den Peschmerga oft gemacht – aber bis heute nicht belegt. Ich hatte mir das vor Ort oft angesehen und gerade erst andere Medien auf ähnliche Fehler hingewiesen. In diesem Fall ist es aber besonders spannend, da es sich um die dort sehr seltenen MILAN-Raketenwerfer handeln dürfte.

Welche Waffen gibt es dort?

Nun gab es durchaus Fotos, welche annehmen ließen, dass die YPG MILAN hat. Bei genauem Hinsehen entpuppten diese sich jedoch als die französischen (zu erkennen an der Druckkartusche, statt dem Kompressor), welche aus Assads Beständen sein können, aber sicher nicht von der Bundeswehr geliefert wurden. Man könnte auch die Panzerfaust 3 meinen, die immerhin rund 50% mehr Durchschlagskraft hat, als die lokal verbreiteten RPG-7 aus Sowjet-Zeiten und somit lohnenswerter einzusetzen wäre. Aber auch diese würden die Peschmerga kaum aus der Hand geben. Es ist auch wesentlich schwieriger mit der Panzerfaust 3 einen sicheren Treffer zu erzielen, als mit der MILAN. Die Peschmerga verfügen auch über chinesische HJ8 Raketenwerfer – auch diese würden sie kaum abgeben. Zu guter Letzt sind die YPG verbündete der USA. Wieso sollten die USA ihnen nicht z.B. die Panzerabwehrwaffe TOW liefern?

Warum sollten die Peschmerga teilen?

Aber davon ab: Warum sollten die Peschmerga die Waffen abgeben? Weil es alles “Kurden” sind und “der Kurde an sich” ja eh kriminell ist? Oder weil sie alle „Brüder“ sind? Beides eher nicht. Auch wenn die Kurden in den Gebieten der Türkei, Syriens, Irans und dem Irak irgendwie ein Volk sind, so sind die Anhänger der verschiedenen Organisationen doch nicht immer die besten politischen oder militärischen Freund. Stark vereinfacht sind die einen Sozialisten, die anderen Kapitalisten und auch sonst gibt es viele Unterschiede. Es ist entfernt vergleichbar mit der Situation im geteilten Deutschland: Natürlich mag sich das Volk untereinander und viele haben Bekannte, Freunde oder Verwandte auf der jeweils anderen Seite. Das heißt aber nicht, dass die NVA und die Bundeswehr ihre Waffen miteinander geteilt hätten.

Die Peschmerga wissen, dass die sich mit solchen Aktionen sofort vom internationalen Rüstungshilfen abscheniden würden. Und diese haben sie bitter nötig. Auf der anderen Seite sind solche falschen Headlines gift für die öffentliche Diskussion über Waffenlieferungen in Deutschland. Und sie diskreditieren die Welt als unseriöses Medium.

Mal vor Ort fragen

Zur Sicherheit fragte ich beim Peschmergaministerium nach – denen ist keine Richtung Syrien abtrünnige Milan, Panzerfaust oder sonstwas bekannt. Gut, die würden das in so einem Fall auch nicht unbedingt zugeben, könnte man nun sagen. Spannender fand ich aber die Auskunft, dass außer mir noch niemand danach gefragt hat. Daraus schließe ich, dass Herr Graw dort nicht mal der Form halber dort nachgefragt hat.

Wie kommt er also darauf?

Woher hat der Chefreporter der Welt also seine Informationen? Hat er eine Quelle vor Ort? Vielleicht sogar ein Foto? Oder hat er seinen Kollegen Hackensberger gefragt, der selber im YPG Gebiet war? Nein. Nichts dergleichen. Seine Quelle ist ein drei Jahre alter Spiegel Online Artikel, in dem die These aufgestellt wird, die Peschmerga hätten gegebenenfalls Waffen an die PKK abgegeben. Nun sind PKK und YPG zwar ideologisch Verwandt und es gab personelle Überschneidungen, aber es bleiben zwei verschiedene Organisationen, die ihren Handlungsschwerpunkt auch noch in verschiedenen Ländern haben.

Statt “und die Kurden sich ihnen mit deutschen Waffen entgegenstellen, die ursprünglich an die Peschmerga im Nordirak geliefert wurden” müsste es also heißen “Laut einer drei Jahre alten These sollen die Peschmerga Waffen an eine Organisation geliefert haben, die ideologisch mit der YPG verwandt ist”. Das wäre dann keine solide Nachricht, aber wenigstens die Wahrheit.

 

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.