Im Museum: Von Schubladen und Schulklassen

EY ALTER!? Was geht denn hier ab!? Ne Schublade!“ sagt ein Jugendlicher in der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ zum anderen. Der erwidert „Krass! Du bist der Babo! Lass mal aufmachen!“ und öffnet sie. Drin liegen Primärquellen zum Thema Drittes Reich und NS-Terror. Beide legen das Smartphone weg, setzen sich davor und beginnen, fast eine Stunde lang intensiv zu lesen. Die Schublade hat sie so fasziniert, dass sie nicht widerstehen konnten. 

Nein. Natürlich ist das nie passiert. Aber so stellen sich viele Museumsmacher heute die Jugendlichen vor. Ich war auf vielen Veranstaltungen, bei denen es um die Frage ging, wie man Jugendliche oder nicht-Interessierte an das Thema ran führt. Dort saßen Menschen, die Geschichte oder ähnliches studiert haben und ihr Leben an Unis oder in (staatlich) geförderten Projekten verbracht haben. Ihr privates und berufliches Umfeld war oft genauso. Ich hatte mich immer wieder angeboten, auch mal etwas dazu zu sagen. Ich habe unter anderem ehrenamtlich Europas größtes Geschichtsfestival mit aufgebaut und geleitet, welches mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher zählte. Danach habe ich das Berlin Story Museum und die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ mit aufgebaut und manage sie immer noch. Beides ebenfalls Ehrenämter. Und ich habe mehr als 1.000 Führungen zum Thema Berlin Geschichte und NS-Terror mit Schulklassen gemacht. Aber ja, ich habe keinen Bachelor in Geschichte – und wir sind nun mal in Deutschland. Also war ich für die deutschen Veranstaltungen nicht qualifiziert genug. 

Schulklasse im Berlin Story Bunker

Woher habe ich mein Wissen?

Ich habe mich dann mit den Leuten unterhalten, wie das Feedback der Gruppen ist, wie sie sich an der Kasse verhalten usw. Das sind für mich die spannenden Punkte. Die Leute wussten es nicht, da sie selber nicht an der Kasse arbeiten und keine Touren machen. Oder nur ab und zu mit den Gewinnern von Geschichts-Aktionen in den Schulen. 

Die Ideen, die in einzelnen Arbeitsgruppen besprochen wurden, brachten mich an den Rand der Verzweiflung. Weiterhin wird ein Touchscreen und eine Schublade als das ultimative „interaktive“ Heilmittel gesehen. Die Begründung für den Touchscreen war „Na, die Kinder haben alle so Handies und so mit Touchscreen. Die finden das total spannend!“. Ich überlegte, wie ich erkläre, dass der Touchscreen das Eingabegerät ist und es um die Funktionalität des Geräts dahinter geht. „Nein. Überall WiFi machen! Und QR-Codes an alles!“ sagen die anderen. Mir kam es vor, als sähe ich ein kleines Kind, das einen Lutscher ins Türschloss steckt, weil es gesehen hat, dass man da irgendwas rein steckt. Aber der Zusammenhang und die genaue Funktionsweise wurde eben nicht verstanden. Ich habe es in dem Fall aufgegeben. 

Die großen Erfolge der Museen wurden angeführt, die das benutzen. Ich fragte dann, wie viele zahlende Besucher das angesprochene (öffentliche) Museum zur Berliner Geschichte hat. „Na, das ist ein Geschäftsgeheimnis. Wie viele habt ihr denn!?“. Ich war irritiert. Wie konnte eine öffentliche Einrichtung so ein Problem mit den Zahlen haben? Unsere stehen (obwohl privat und kein Cent Förderung) auf der Homepage. „Wir hatten im ersten Jahr mit der Dokumentation 200.000 Besucher“ antwortete ich. Das öffentliche Museum kam auf 10.000. Ich musste nachhaken – 10.000!? Mit einem Millionen-Budget?! Aber ja. Die Zahlen stimmten. Es wurden auch Museen wie das Deutsche Historische Museum angeführt. Jedoch habe ich nie gehört, dass Jugendliche sagen „Lass mal ins DHM gehen! Die haben Schubladen!“. Da geht es dann doch eher um die beeindruckende Sammlung. 

Wie kommen die Schulklassen zu uns?

Wie kommen also die Schulklassen zu einem und warum? Es wurden die tollen (online) Tools vorgestellt und Firmen empfohlen, die Befragungen durchführen. „Ich stelle mich ins Café oder an die Kasse und frage“ war mein Vorschlag. Die anderen erklärten mir, dass das aber nicht „ihr Job“ sei, daher machen sie das nicht selber. Nun gut. Das Ergebnis meiner Befragungen war im Laufe der Zeit sehr ernüchternd: Rund 50% der Schulklassen wissen nicht mal, wo sie hin kommen. Sie haben über Agenturen gebucht, die ein Programm zusammenstellen, den Fahrer usw. dazu geben und dann geht es los. Wirklich mehrmals haben mir auch Lehrer erklärt, es sei in Deutschland verboten, eine Klassenfahrt selber zu organisieren (also selber ein Museum anzurufen). Es müsse über eine Agentur gehen. In NRW gäbe es ein Gesetz dazu und ein Schreiben vom Kultusministerium. Ich habe es bis heute nicht gefunden. Aber Leute glauben das. Ich frage zu Beginn meist, was die Klassen sehen oder lernen wollen und warum sie zu uns kamen. Regelmäßig ist die Antwort „Na, das hat die Agentur gebucht… wir sind jetzt bei… Berlin Story… 11-12 Uhr… was ist denn hier?“. Die andere Hälfte hat eine grobe bis präzise Vorstellung. Am Ende ist der Punkt aber fast egal, weil die Gruppen sich immer ähnlich verhalten.

Schulklassen im Museum

Die Klassen bekommen ihre Audioguides und gehen los. Früher haben wir mehr persönliche Touren gemacht. Das war aber kontraproduktiv. Zum einen stört es die andere Besucher, zum anderen hat man dann auch die desinteressierten Schülerinnen und Schüler 90 Minuten dabei, die einfach keine Bereicherung für die Tour sind. Die Klassen mit Audioguide teilen sich immer ähnlich auf: Etwa ein Drittel ist in Rekordzeit durch. Zwanzig Minuten für 3.000qm sind keine Seltenheit. Sie setzen sich dann ins Café. Dort gibt es aber weder Wifi noch Handyempfang, da wir im Bunker sind. Danach geht es fünf Minuten in den Buchladen, der auch nicht spannend ist. Mehr gibt es nicht. Dann gehen sie raus. Das ist total ok. Wenn der Inhalt nicht interessiert, der soll halt raus gehen.

Schulklassen machen nur etwa 1% unserer Besucher aus. Der Rest kommt individuell. Daher sehe ich auch keinen Sinn darin desinteressierten und schlecht informierten Menschen hinterher zu rennen und ihnen zu erklären, was sie bei uns sollen. Berlin ist groß und hat für alle etwas im Angebot! Wenn das Thema NS-Terror nicht das passende ist, dann sicher etwas anderes.

Etwa ein Drittel der Gruppe ist zügig durch und nach einer Stunde am Ausgang. Das reicht nicht mal, um den Audioguide in Ruhe zu hören, aber das wichtigste hat man mitbekommen. Das letzte Drittel hört den Audioguide aufmerksam und liest (unter latentem Zeitdruck durch die Klasse) ein paar zusätzliche Informationen. Diese brauchen etwa zwei Stunden.

Mit allen Arten von Besuchern spreche ich regelmäßig, mehrmals in der Woche. Bei denen, die schnell draußen sind, ist es immer das gleiche: Zu müde, keine Lust, „war schon mal in einem Museum“. Auch auf die Frage, was man besser machen könnte kommen ähnliche Antworten „Wifi im Café, wenn man auf die anderen wartet“ oder „Was anderes rein machen“. Und das finde ich total ok. Wir haben nichts falsch dargestellt, es trifft einfach nicht das Interesse dieser Leute. Aber Schubladen und Touchscreens hätten nicht viel dran geändert. 

Die Leute, die länger drin sind, bemängeln oft – aber eher positiv – dass es so umfangreich ist. Oft schätzen sie die benötigte Zeit auch falsch ein. Viele Besucher sind 3-4 Stunden bei uns. Selten auch den ganzen Tag. Aber der Inhalt sei gut aufbereitet, die Texte gut zu lesen, der Audioguide kompakt. Kurz gesagt: Die Leute, die es sich ansehen, sind auch zufrieden. Und um die geht es mir.

Theorie und Praxis

Ich bleibe beim persönlichen Gespräch mit den Leuten, ich mache weiter Touren und Kassenschichten und gammel im Café rum. Das hat sich die vergangenen zehn Jahre bewährt. Zu den Fachgesprächen in Deutschland gehe ich schon lange nicht mehr. Die Szene hier ist irgendwie sehr wirr. Es geht um Formalia und darum, wer am längsten an welcher Uni ausgehalten hat. Das hat aber alles nichts mit den Leuten zu tun, die die Ausstellungen ansehen. Daher interessiert es mich nicht. Ich bleibe bei den englischsprachigen Events und bei denen in Kurdistan (Irak), wo spannende Museen entstanden (Saddam Museum) und entstehen (IS Museum). Auch Liebeskind ist dort seit 2009 involviert. Aber das verpasst man halt, wenn man immer nur in seinen Schubladen denkt.