Jahresrückblick 2017

Dieses Jahr war mal wieder sehr turbulent, aber ich habe auch viel geschafft. Insgesamt lief es aber deutlich ruhiger und sortierter, als in den vergangenen Jahren. Mein großes Problem bleibt mein Zeitmanagement. Mein Büroalltag als Verleger frisst genug Zeit. Nach der Arbeit manage ich ehrenamtlich im Berlin Story Bunker die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ und das „Berlin Story Museum„, so oft es geht fliege ich nach Kurdistan (Irak) und helfe dort in Flüchtlingscamps oder bin als Kriegsberichterstatter an der IS-Front. Dieses Jahr habe ich noch ein Buch über mein Leben geschrieben. Das geht, macht es aber nicht einfacher. Hier nun aber der Überblick über die Höhepunkte meines Jahres 2017. Den Jahresrückblick der Berlin Story findet ihr hier.

Traurige Tradition hat die Liste derer, die im vergangenen Jahr verstorben sind:

† Shifa Gardi
Journalistin von Rudaw, in Mossul vom IS erschossen

† Arkan Sharifi
Journalist, in Daquq von Unbekannten erstochen

† Major General Wahid Kovli
Leiter des Peschmerga Anti-Terrorkommandos, den Krieg überlebt und einem Herzinfarkt erlegen

† Muhamad Nuri Karim Muhamad
In Tuz Khurmatu von der iranischen Armee erschossen

 

Januar 2017


Den Berlin Story Bunker hatte ich 2013 übernommen. Der Plan einen Geschichtsbunker, ein Visitorcenter Berlin oder ähnliches draus zu machen war von Anfang an da – die Umsetzung war etwas komplizierter. Zum einen möchte ich meine Sachen ohne Fördergelder, ohne Banken, etc. finanzieren, zum anderen muss es ja inhaltlich passen. Nachdem der Großteil des Bunkers mit dem Berlin Story Museum, Bunkertouren und ähnlichem genutzt wurde, wurde noch die Etage mit dem Entertainmentteil geschlossen und die Planung für die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ wurde begonnen. Wie genau erklärt man anderen, von unwissenden ausländischen Schülern bis hin zu deutschen Geschichtsprofessoren, das Thema so, dass alle es sehenswert finden? Was sind die entscheidenden Wendepunkte? Wie sehr geht man ins Details? Eine Wahnsinnsaufgabe, die wir in kurzer Zeit im kleinen Team zu lösen hatten.

Februar 2017

Nachdem die 2.500qm Dokumentation geplant war, mussten die einzelnen Tafeln gestaltet werden. Also Bilder, Texte, Grafiken. Ich sah rund 75.000 Bilder durch und machte die Vorauswahl von mehr als 3.000 Bildern. Dazu sah ich 250 Stunden Filmmaterial, testete Mediaplayer, Monitore, Halterungen, Lautsprecher, Projektoren usw. mein Büro sah wochenlang wie eine Kombination aus Videothek und An- und Verkaufsladen aus. In der Zeit schrieben die anderen die Texte, übersetzten sie, setzen Tafeln und montierten sie. Alles parallel. Während die ersten Projektoren schon in den Räumen liefen, wurden die letzten Tafeln noch gesetzt.  Und wir mussten überlegen, was wir verschieben. Dazu gehörte der Audioguide. Wir hatten noch kein Feedback der Besucher, könnten also nur einen Audioguide machen, wie wir ihn uns denken – wir folgen aber den Wünschen der Besuchern.

März 2017

Eine wichtige Frage bei so einer Dokumentation ist: Was kann man zeigen, was muss man zeigen, was darf man zeigen? Nach rund drei Monaten mit 60h-Wochen brauchten wir alle mal eine Pause – aber wir mussten auch weiter machen. Die Lösung war, dass wir Reisen in die verschiedenen Teile der Welt buchten um uns nochmal dort anzusehen, wie die anderen den Zweiten Weltkrieg, Holocaust oder Völkermorde darstellen. Es ging nach Yad Vashem, in das US Holocaust Memorial und für mich nach Kurdistan (Irak). Dort gibt es das Halabja Monument, welches den Völkermord Saddams an den Kurden zeigt. Später im Jahr konnte ich mir das neue Museum vom Kampf gegen den IS ansehen. Hier arbeitet man viel mit Nachstellungen, Puppen, Szenenbau, Filmen, Geräuschen und ähnlichem – ganz anders, als es der Standard in Deutschland ist. Abgesehen von diesen Gegenden ging es aber auch wieder in die Flüchtlingscamps z.B. in Xanke, wo Jesiden aus Shingal darauf warten zurück in ihre Heimat zu können.

April 2017


Ende April wollten wir die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ eröffnen. Doch es kam ganz anders. Eines morgens gab es erst Probleme mit einigen Daten auf der Homepage, irgendwas lud nicht. Das passiert. Nach und nach fehlte mehr, der Fileserver zickte rum, ganz viel auf einmal. Sowas kennt man – Murphys Law eben. Die Erkenntnis, dass da ein ziemlich durchdachter Angriff hinter steckt, sickerte erst nach und nach durch. Dass dieser vermeintlich kleine Hack auf meine IT-Infrastruktur größere Wellen schlagen könnte, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht klar. Am Ende deutete aber vieles auf eine Beteiligung politischer türkischer Akteure. Das Nationale Cyberabwehrzentrum, LKA und BKA nahmen sich der Sache an und konnten die Details stück für Stück rekonstruieren. Besonders „hilfreich“ waren die Leute, die uns empfohlen haben einfach mal den Virenscanner zu aktualisieren – das helfe sehr oft!

Noch während wir damit kämpften kündigte sich der israelische Botschafter an. Er wollte am Pessach mit seiner Familie die unfertige Dokumentation sehen. Kein Problem – für ihn mache ich die Türen immer vorher auf. Sein Urteil nach drei Stunden:  „Die Ausstellung ist auf ihre Art außerordentlich beeindruckend. Danke.

Mai 2017

Mit einem Monat Verspätung haben wir die Dokumentation eröffnet. Acht Wochen lang wollten wir auf haben, bevor wir die Presse einladen. Erst soll alles sicher funktionieren und wir wollen die Gewissheit haben, dass die Besucher das mitnehmen, was wir vermitteln wollen. Zwei Wochen lang stand ich jeden Tag von morgens bis abends irgendwo rum und habe Leute befragt. Wenn man es nicht selber macht, bleiben zu viele Informationen auf der Strecke. Und es hat alles geklappt – das ist nicht selbstverständlich.

Juni 2017

Nun war wieder Zeit für anderes. Für den Riva Verlag begann ich das Buch über mein Leben bisher aber vor Allem über mein Wirken in Kurdistan zu schreiben. Unter dem Titel „Fronturlaub: Wie ich in meiner Freizeit in Kurdistan den Kampf gegen den IS unterstütze, statt unter Palmen zu liegen“ erscheint es im Frühjahr 2018. Langsam war es an der Zeit sich Gedanken darüber zu machen. Ich habe hunderte Bücher verlegt, aber nie eines geschrieben. Und bloggen ist auch etwas ganz anderes. Ich hoffe, dass es am Ende sinnvoll lesbar ist.

Juli 2017

Wenn man zu einer Pressekonferenz einlädt, hat man immer Sorge, dass niemand kommt. Passiert nicht, aber das hilft einem vorher nicht. Zum anderen erhalten wir permanent Anschlags- und Morddrohungen. Meist von sehr dummen Leuten. Die kommen nicht einfach vorbei, sondern kündigen so etwas besonders an, wenn wir Presse o.ä. im Bunker haben. Also müssen wir neben der Presseplanung auch mit unseren Objekt- und Personenschützern von High Risk Protection die Sicherheit abstimmen. Die Personenschützer sollen immer so dezent agieren, dass sie selbst bei der Pressekonferenz, umringt von den Kameras, nicht weiter auffallen. Das hat immer gut geklappt. Es kamen mehr als 100 Journalisten aus der ganzen Welt. Ich habe sechs Stunden lang Interviews gegeben. Das Feedback war beeindruckend gut. Einzig Kay-Uwe von Damaros, Pressesprecher der Topographie des Terrors, bezeichnet es als „Disneyland für Nazis“ – aber er hat es nie gesehen, beantwortet seit einem Jahr meine Emails nicht und lässt sich am Telefon verleugnen. Damit kann ich leben.

August 2017

Wenn man Hitler Büsten zerschlägt, sich gegen Rassismus und Antisemitismus stellt und gegen Neonazis den Mund auf macht, macht man sich nicht nur beliebt. Somit erhielten wir wieder einen großen Schwung an Morddrohungen. Wie so oft, gingen wir offensiv damit um und machten einfach eine Abstimmung draus: Wähle deine Lieblingsmorddrohung! Dies sorgte nicht nur für viel Presse, sondern auch dafür, dass der Kultursenator Dr. Klaus Lederer sich meldete um mir einen Solidaritätsbesuch abzustatten. Er ist wirklich cool, eine ehrliche Haut und hat sich lange mit mir über all diese Dinge unterhalten. Ich bin froh, dass er diesen Posten besetzt!

September 2017

Checkpoints der Peschmerga

Checkpoints der Peschmerga

Auszeichnung der Peschmerga

Auszeichnung der Peschmerga

Es ging wieder nach Kurdistan (Irak). Das Referendum über einen unabhängigen kurdischen Staat in den Grenzen der Autonomen Region Kurdistan wurde abgehalten. Dabei ging es nicht darum, die Unabhängigkeit auszurufen, sondern darum ein Meinungsbild einzuholen um in die Verhandlungen mit der Zentralregierung zu gehen. Ich war eine Woche vor Ort und habe unter andere den kurdischen Präsidenten Massoud Barazani, aber auch General Kaka Hama und Major General Sirwan Barzani getroffen. Bei einer der Veranstaltungen wurde ich im Beisein von Major General Sirwan Barzani für meine journalistische Arbeit an der IS-Front mit einer Auszeichnung geehrt. Eine unglaublich spannende Woche. Leider endete sie in der Bürgerkriegsdrohung der Zentralregierung. Die Flughäfen wurde wenige Tage später für zivile Flugzeuge gesperrt – ich hatte zufällig ein Ticket für den letzten Flug raus, konnte vorher aber noch mit unserem Konsul über die Lage sprechen.

Vor und hinter uns starteten bereits die amerikanischen Kampfjets um Präsenz zu zeigen. Geschützt haben sie ihre Verbündeten, die Peschmerga, nicht. Die irakische Zentralregierung marschierte zusammen mit der iranischen Armee in Teile der Autonomen Region Kurdistan ein. Ein Freund von mir wurde von der iranischen Armee erschossen, andere kamen mit dem Leben davon, mussten aber fliehen. Bis heute dürfen keine zivilen Flugzeuge die kurdischen Großstädte Erbil und Slemani anfliegen und in Tuz Khurmatu, wo ich im vergangenen Jahr war, sieht die irakische Regierung wohlwollend bei den Morden durch die iranische Armee zu.

Oktober 2017


Zurück in Berlin ging es immer noch mit der Pressearbeit weiter. Nun kamen internationale TV Teams, die längere Interviews geführt haben. Unter anderem war die kurdische Nachrichtenagentur Rudaw im Bunker und interviewte mich zu meinem Besuch des Halabja Monuments, des IS-Museums und fragte was ich von dort mitgenommen habe oder was die Leute dort von mir lernen könnten. Neben all dem Krieg ist Kultur und Erinnerungskultur nun mal sehr wichtig in der Gegend.

November 2017

Endlich Zeit um Dinge weiterzuentwickeln. Wir konnten den AudioGuide für die Dokumentation in Angriff nehmen, nachdem wir nun mehrer Monate das Feedback der Besucher hatten. Wie lang macht man den? Was soll alles rein? Wer spricht ihn ein? Wo? Was für Geräte nutzt man? Lässt man das ganze im Studio einsprechen und kauft von den gängigen Anbietern 300 AudioGuides, dann liegt man problemlos bei 100.000 und mehr Euro.  Da der gemeinnützige Verein die aber gerade nicht rumliegen hatte, haben wir es wie immer einfacher und selber gemacht. Und am Ende 300 Audioguides für 3.000€ realisiert. BÄM!

 

Dezember 2017


Entspannter, als sonst. Alle wichtigen Dinge erledigt, nur die üblichen Jahres-Endtermine und ich kann wieder meinen Hobbies nachgehen wie Hitler zertrümmern, Motorrad fahren oder faul auf der Couch liegen. Und eben die Jahresrückblicke hier und für die Unternehmen und Projekte schreiben.