Kirkuk und Shingal – was ist los?

was bisher geschah …

In Kirkuk war ich in den vergangenen Jahren immer wieder. Zuletzt stand ich vor drei Wochen vorm Disneyland und sprach mit Leuten in der Stadt. Kirkuk ist seit Langem ein Pulverfaß – aber es war soweit ruhig. Was ist also seit dem passiert?
Am 25.09.2017 hielt die Autonome Region Kurdistan im Nordirak ein Unabhängigkeitsreferendum ab. Ich war bis zum 29.09.17 da und fuhr in der Woche viel rum. Nachdem 93% der Bevölkerung für die Unabhämgigkeit stimmten, sagte der Präsident Massoud Barzani er sei sehr zuversichtlich, dass man nun in die Verhandlungen mit Bagdad trete. Auf dem Flughafen in der kurdischen Hauptstadt Erbil standen Kampfjets und Hubschrauber von diversen Nationen, die der Kurdischen Armee (Peschmerga) im Kampf gegen den IS helfen. Auch die Bundeswehr hatte rund 150 Ausbilder vor Ort. Alles stabil.

Ich sprach mit General Kaka Hama über Kirkuk und das südlich Gelegene Gebiet Daquq, in dem die religiöse Minderheit der Kakaii lebt und welches zu seinen Einsatzgebieten gehört. Hier kämpft er seit mehr als 40 Jahren. Früher gegen Saddam, dann gegen den IS. Als wir uns dort kennen lernten, hatte er gerade seinen Sohn in diesem Abschnitt verloren. “Wir haben mit unserem Blut, mit unseren Familien und Freunde für die Freiheit bezahlt. Wir ziehen uns nie wieder zurück. Das war immer ein Fehler”. Er sieht eher aus, wie der gemütliche Großvater von Nebenan – wir hier aber “der sowjetische Panzer” genannt und gilt als effektive Ein-Mann-Armee.

General Sirvan Barzani traf ich bei einer Veranstaltung, die für das Referendum warb. Er ist eigentlich seit Jahren millionenschwerer Unternehmer, kehrte aber für den Kampf gegen den IS zu den Peschmerga zurück. “Wir haben unsere Freiheit selber erkämpft. Gegen Saddam, gegen den IS. Nun müssen wir nur noch mit Bagdad verhandeln”.

Klingt alles einfach. Bagdad wollte aber nicht verhandeln, sondern schickte ihre Armee. Die Peschmerga sind ebenfalls eine Armee, die von der Verfassung legitimiert ist. Allerdings ist es der irakischen Armee per Verfassung verboten in die Autonome Region Kurdistan vorzudringen – die Peschmerga dürfen jedoch überall agieren. Wer darf also nach Kirkuk?

Ist Kirkuk kurdisch oder irakisch?

Der Gouverneur von Kirkuk, Dr. Najmaldin Karim, erklärte mir das ganze früher mal ausführlich: In der irakischen Verfassung ist das nicht geklärt. Jedoch muss bis 2007 (kein Tippfehler) ein Referendum abgehalten werden um die Status der Stadt und der Provinz zu klären. Das hat Bagdad nie gemacht und somit die Verfassung gebrochen. Kirkuk war lange unter irakischer Kontrolle. Als 2014 der IS kam, floh die Armee. Ich war damals in Kirkuk, der K1 Base, auf dem Flughafen und in Taza Khurmatu. Kurz: An allen Orten, die nun wieder in den Nachrichten sind. Der Gouverneur rief damals die Peschmerga zur Hilfe, die seitdem die Stadt gesichert haben. Vor wenigen Wochen wurde der gewählte Gouverneur vom irakischen Parlament seines Amtes enthoben – was diese aber gar nicht können. Sie stimmten einfach ab und beschlossen es. Anschließend warfen sie alle Kurden aus dem Parlament raus. Gestern setzten sie ihren Beschluss mit Hilfe der Armee um und stürmten sein Büro.

Wer kämpft gegen wen?

Hashd al Shabii Enklve in Tuz Khurmatu 11/2016

Hashd al Shabii Enklve in Tuz Khurmatu 11/2016

Neben den Peschmerga und der irakischen Armee kämpft die Hashd-al-Shabii (Volksverteidigungseinheit). Nachdem die irakische Armee 2014 implodierte durfte man bewaffnete Milizen bilden und als Volksverteidigungseinheiten legal registrieren. Dabei wurden zum großen Teil iranische Soldaten samt Kommandeuren als irakische Volksverteidiger registriert. Nun sind Irak und Iran keine Freunde, aber gemäß dem Motto “der Feind meines Feindes ist mein Freund” klappt es dann doch. Dies konnte ich auch selber sehen, als ich im Herbst 2015 in Tuz Kurmatu und Chanaqin war. Sie hatten iranische uniformen ohne Rangabzeichen und ohne Hoheitsabzeichen an, sprachen eine andere Sprache und hatten die Flagge ihrer Miliz an den Fahrzeugen, den den Chekpoints um ihre Enklave und an den Häusern. Es war schon damals ein offenes Geheimnis. Etwa wie die russischen Soldaten auf der Krim. Sie kämpfen auch jetzt in Kirkuk.

Um welche Gebiete geht es?

Es gibt die in der Verfassung definierte Autonome Region Kurdistan. Gerade 2014 hat sich das Gebiet aber massiv vergrößert, da die Peschmerga alle Gebiete gesichert haben, aus denen sich die irakische Armee zurück gezogen hat. Diese Gebiete sind meist mehrheitlich kurdisch besiedelt (aber nicht immer, wie z.B. Shingal) und werden “Disputed Areas” genannt. Alle diese Gebiete, aus denen die Peschmerga den IS vertrieben und sie drei Jahre lang gesichert haben, sollen nun zurück an den Irak. Die Bevölkerung möchte dies oft nicht, da sie sich von den irakern im Stich gelassen fühlten. Dass die Sorge berechtigt ist, zeigte sich direkt in Tuz Kurmatu, wo die ethnische Vertreibung bereits begonnen hat. Shiitische Hash-al_shabii Milizen haben begonnen alle nicht-shiiten auszuweisen.

Was war nun in Kirkuk?

Von der irakischen Armee 2014 auf der Flucht vorm IS  zurückgelassen

Von der irakischen Armee 2014 auf der Flucht vorm IS zurückgelassen

Die irakische Armee hatte angekündigt, Kikuk einzunehmen um ihr “Verfassungsmäßiges Recht” zu beanspruchen. Auch wenn sie den Gouverneur verfassungswidrig abgesetzt haben, auch wenn sie das Referendum verfassungswidrig nie abgehalten haben. Ein Freund von mir war im Frontabschnitt südlich von Kirkuk und berichtete mir gestern am Telefon:

Die Front stand. PUK Peschmerga, Kaka Hamas Leute und PDK Peschmerga. Wie waren genug, um die Hashd-al-Shabii…also da sind auch die iranischen Truppen bei…direkt zu stoppen. Aber dann sind uns die eigenen Leute in den Rücken gefallen. Die Peschmerga von Pafel und Lahur Talabani haben das Kommando bekommen sich zurück zu ziehen. Also nicht die PUK an sich – da gibt es gerade einen internen Streit. Damit war der Weg in der Mitte offen und die Irakis standen auf einmal auch hinter uns. Wir konnten nichts mehr machen. Nur abziehen. Die Hashd-al-Shabii hat inzwischen schon zehn Peschmerga geköpft und vertreiben die Sunniten. Die Amis haben und im Stich gelassen und die Bundeswehr… hat hier super arbeit geleistet… aber packen gerade alle. Ich sag dir Bruder: Keiner kann die Kurden ficken, außer sie sich selbst

Das war ein ziemlicher Schock. Von den eigenen Leuten betrogen? Den Viezepremierminister Quabad Talabani, Bruder von Pafel, hatte ich vergangene Woche noch persönlich gesprochen. Er hatte auch zuversichtlich in die Zukunft gesehen und sich auf die Verhandlungen vorbereitet.
Ich versuchte den Präsidenten zu erreichen, der war aber in Meetings mit allen Alliierten und musste erst mal die Lage sortieren. Kaka Hama war auf dem Weg zurück in seine Basis und telefonierte mit seinen Militärs. Niemand wollte voreilig etwas falsches sagen, niemand wollte eine weitere Spaltung der Leute riskieren, eine sehr komplizierte Lage.

Und Shingal?

Direkt nach Kirkuk kommt einem Shingal in den Sinn. Am 03.08.2014 verübte der IS hier den 74. Genozid an den Jesiden. ich war wenige Wochen später vor Ort um mir ein Bild der Lage zu machen. Alles unfassbar dort. In den folgenden drei Jahren schlossen sich die jesidischen Soldaten dort den Peschmerga an und stabilisierten die Lage vor Ort. Es ging langsam aufwärts. Vor vier Wochen plante ich wieder dort hin zu fahren und es sah alles problemlos aus. Als ich vor drei Wochen dann auf dem Weg war, hieß es auf einmal “Ein Stück weiter hat die Hash al Shabii Leute angegriffen, es liegen noch die Leichen auf der [einzigen] Straße… hier wird es erstmal zu gefährlich

Gestern nacht dann die Meldung: Die irakische Armee und die Hashd-Al-Shabii kommen und haben den Ort Shingal eingenommen. Den Berg nur in Teilen, das jesidische Heiligtum Sherfedin ist (soweit mir gerade bekannt) noch unter Kontrolle der Jesiden.

Und was jetzt?

Shingal und Kirkuk waren nur zwischenstationen in diesem Konflikt. Der irakische Premier Al Abadi hat Lunte gerochen und sieht, dass er derzeit Oberwasser hat. Die alliierten Luftstreitkräfte, die den Peschmerga gegen den IS halfen, beobachten, greifen aber nicht ein. Die Bundeswehr packt. Die Kurden wurden, wie so oft, alleine gelassen.

Die irakische Regierung arbeitet mit der türkischen und iranischen gemeinsam gegen die Autonome Region Kurdistan. Syrien ist noch nicht aktiv dabei, aber hilft sicher gerne.

Nach so vielen Verfassungsbrüchen durch die irakische Regierung bleibt abzuwarten, ob sie sich ab jetzt dran halten oder versuchen, die Kurden aus dem Land zu treiben. Eine Freundin aus Sulaymaniyah sagte mir vorhin “Wir packen schon mal, das sieht aus, wie 1991” – also wie der Angriff Saddams auf die Kurden damals.

1 Kommentar zu "Kirkuk und Shingal – was ist los?"

  1. Danke für den einordnenden Text aus kurdischer Perspektive. Der nahe Osten ist ein komplexes politisches Gebilde – und es gibt viele Interessen. Die Motivation der Bewohner um Kirkuk, sich lieber weiter von den Peschmerga verteidigen lassen zu wollen, ist nach der Flucht der irakischen Armee verständlich.

    Ein Detail erwähnst du allerdings nicht: Um Kirkuk liegt auch ein großer Teil der Ölfelder des Irak. Die Felder ziehen sich durch die meisten disputed areas:
    https://ichef-1.bbci.co.uk/news/624/cpsprodpb/F517/production/_98334726_iraq_kurdish_areas_map_640-nc.png (aus: http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-41646806)

    Ich glaube nicht, dass sich alle Konflikte auf Rohstofffragen reduzieren lassen. Aber bei irakisch-Kurdistan (und den jetzt umkämpften Gebieten dazwischen) scheint mir das ein nicht zu vernachlässigender Faktor zu sein. Wie siehst du das?

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