Kurdistan abseits des Krieges

Bei der Autonomen Region Kurdistan denken viele Leute an Bomben, Frauen in Burkas und Männer, die auf Eseln reiten. Das ist alles fernab der Realität. Der größte Teil der Gegend ist sicher und man kann dort in einer offenen Gesellschaft Urlaub machen.

Normalerweise reise ich alleine in die Gegend – diesmal traf ich aber vor Ort ein paar Leute mit ähnlichen Interessen. Sie kamen aus Deutschland und engagieren sich im Urlaub ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen in Kurdistan. Wir sind ein paar Tage gemeinsam gereist und haben uns jeweils „unser“ Kurdistan gezeigt.

Ausgangspunkt war wie so oft die kurdische Hauptstadt Erbil. Mehr als sechs tausend Jahre ist die Zitadelle im Zentrum der Stadt durchgehend bewohnt. Am Fuße der Zitadelle findet man den Basar, wie aus tausend und einer Nacht, aber auch moderne Läden. Es gibt viele kurdische Sprachen, hier wird das wenig verbreitete Sorani gesprochen. Ich kann nur wenig davon, was hier aber niemanden stört. Die Menschen sind offen und herzlich und verhandeln mit mir auf dem Taschenrechner. Da das Neujahrsfest Newroz bevorstand, hängen noch mehr Flaggen, Fahnen und Deko, als sonst. In den schönen großen Parks werden Bühnen und Besucherränge aufgebaut.

Die Parks werden sonst vor allem am Wochenende genutzt. Familien machen hier oder außerhalb der Stadt ihre Picknicks. Man trifft die ganze Sippe und tauscht klatsch und tratsch aus. Am späten Abend geht es wieder nach Hause – natürlich mit dem Auto. Während die Einheimischen jede mögliche Strecke mit dem Auto fahren, sind wir viel gelaufen. Dabei stoppt jedes Taxi, welches einen sieht und möchte einen mitnehmen. „Brauchst du ein Taxi?“ – „Nein danke!“ – „Aber was willst du denn hier!?“ – „Hier will ich nichts, ich gehe weiter“ – „Hast du ein Auto?“ – „Nein“ – „Aber dann brauchst du doch ein Taxi!“. Diesen Dialog habe ich sehr oft geführt. Das Konzept des Spazierengehens ist hier noch nicht sehr verbreitet.

Die jüngeren zieht es aber auch immer mehr in die riesigen Malls. Einziger unterschied zu unseren ist das Sicherheitspersonal am Eingang. Man muss als Mann kurz die Jacke aufmachen um zu zeigen, dass man keinen Holster drunter hat, bei den Frauen gibt es einen Blick in die Handtasche. Wer nicht so aussieht, als könne er sich Dinge in der Mall leisten, kommt normalerweise gar nicht erst rein. Die Läden haben im großen und ganzen alles, was wir von zu hause kennen – aber die Farben und Details variieren um auf den lokalen Markt zu passen. Auch erotische Unterwäsche Sets stehen gut sichtbar in den Schaufenstern. „This is Kurdistan, not iraq!“ hört man dazu häufig. Was auf in der Mall auffällt sind die unmengen Kinder. Sie rennen immer und überall rum, sind aber eigentlich nie nervig und es gibt immer Stellen, an denen sie beschäftigt werden. Seien es große Fernseher oder ein (elektrischer) Zug, der durch die Mall fährt.

Neben der Family Mall ist Family Fun, ein kleiner Freizeitpark. Auch davon gibt‘s einige. Neben Autoscooter und Karusells gibt es auch die üblichen Kotzmaschinen. Der Eintritt sowie die Tickets für die Geräte kosten jeweils etwa einen Euro. Wir entscheiden uns für ein Riesenrad ohne Türen, Fenster oder Absperrkette. Das verspricht mehr Nervenkitzel, als eine TÜV-Geprüfte Achterbahn.

Die Region hat derzeit große finanzielle Probleme, da der Krieg an der Grenze viel Geld verschlingt und sie auf fünf Millionen eigene Einwohner zwei Millionen Flüchtlinge verteilen. Dennoch sieht man, wie viel Geld von der Welt rein gespühlt wird. Wer es sich leisten kann, wohnt in einer der Guarded-Communities. Diese sind Thematisch sortiert: Empire, italian village oder dream city heißen sie. Die Häuser sehen alle gleich aus, es gibt eine Art Hauptstraße mit Cafes und Restaurants und drum rum einen hohen Zaun. Im Italian Village besuchen wir das Erbil Book Cafe. Hier gibt es mehr als drei tausend Bücher auf Sorani, Arabisch und Englisch. Dazu gibt es schnelles WiFi, guten Kaffee und ausgezeichnete Kuchen. Sowas, wie ein hochwertiges Starbucks, auch wenn sich die Preise ähneln. Das Cafe gehört drei Frauen, von denen ich eine Treffe. Da ich selber Verleger bin und eine Buchhandlung hatte, sprechen wir viel über die Details. Am Ende kann ich sagen: Das wohl beste Buchcafe, welches ich auf der Welt gesehen habe

Während wir im Cafe sitzen und vom Kuchen so voll sind, dass wir uns kaum bewegen können erreicht mich eine weitere Einladung zum Essen: Der Chef des Dawa2 fragt, ob wir nicht zum Abendessen vorbei kommen wollen. Das Restaurant zählt zu den besten des Landes und ich war vor einigen Jahren schon mal hier. Also rollen wir uns ans andere Ende der Stadt. Das Restaurant ist groß, hat einen tollen innen und außen Bereich, das Personal ist exzellent und man weiß kaum, wo man sitzen soll. Jedes mal sieht man eine andere Ecke, die noch besser aussieht. Die Auswahl und Qualität des Essens toppt fast alles, was ich sonst kenne – und ich war in mehr als vierzig Ländern und kenne unzählige Restaurants. Langsam fangen wir an zu überlegen, ob wir einfach hier bleiben und warum wir eigentlich so lange in Deutschland gelebt haben. Dann fallen uns wieder ein paar Details ein, die in Deutschland schon ganz gut sind: Medizinische Versorgung, Autobahn, kein Krieg am Rande des Landes… auf der anderen Seite das gute Kurdische Essen. Eine harte Entscheidung.

Am nächsten Tag hat uns die Babylon Media Group zur Studiotour eingeladen. Neben dem Radiosender Babylon FM gehören vier TV Sender und der Radiosender für Flüchtlinge Al Salaam dazu. Auf dem Weg dorthin haben wir ein typisches Problem: Es wird sehr viel gebaut und es gibt kein funktionierendes Navi für die Region. Osmand+ schafft es aber zu 90%. Wir haben es auch bis in Sichtweite des Gebäudes geschafft – allerdings auf der Autobahn und keine Abfahrt weit und breit. Das Gute ist, dass das hier niemanden stört. Wir können dort problemlos aussteigen und uns den Weg über die Autobahn suchen um zum Studio zu kommen.

Der Gebäudekomplex besteht aus Büros, Studios, Schnittplätzen und in der Technikecke stehen Drohnen, Kameras, Rucksäcke mit teurer Technik usw. Ei Paradies für jeden, der sich für diese Dinge interessiert. Die Leute im Sender sind alles andere als scheu. Bishin zum Geschäftsführer und der Star-Moderatorin kommen alle zu uns, fragen, was wir hier machen und freuen sich. Alle zeigen uns, was sie genau machen, woran sie Arbeiten und wie das ganze funktioniert. Aus Deutschland bin ich da mehr Zurückhaltung gewohnt, wenn ich mit einer Kamera durch fremde Büros renne. Im Anschluss wollten wir

Da Babylon FM der einzige englischsprachige Sender ist, hören wir ihn eh die ganze Zeit. Zum Glück reicht er bis weit ins Land rein – auch als wir zum Wasserfall Gali Ali Beg in die Berge fahren. Wasser ist der Quell des Lebens und hat eine hohe symbolische Bedeutung. Der Wasserfall st daher ein beliebtes Ausflugsziel. Wir bestaunen dabei auch die atemberaubende kurdische Landschaft. Hier sieht es so aus, wie es in Karl Mays „das wilde Kurdistan“ beschrieben wird. Auch wenn er nie hier war, so hat er doch gute Reiseberichte gelesen, bevor er das Buch schrieb.

Unter dem Wasserfall kann man im Sommer mit Paddelbooten rum fahren, man kann in die Restaurants gehen und von der Terrasse aus das Treiben beobachten.

Von hier aus fahren wir weiter zum Mount Korek auf dessen Gipfel es ein Ski-Resort gibt. Innerhalb weniger Minuten sind wir aus dem Sonnenschein raus und befinden uns später auf knapp 2.000m im Schneesturm. Allerdings haben wir eine falsche Route genommen und kommen nicht beim Ski-Resort, sondern bei einem Checkpoint der Peschmerga (Armee der Autonomen Region Kurdistan) raus. Weiter den Berg hoch steht die große Abhörstation Richtung Iran, die noch aus Saddams Zeiten stammt und gerne auch als Sternwarte betitelt wird. Sie sind freundlich, wir können am Checkpoint unsere Fotos machen, aber weiter geht es nicht. Doch selbst hier oben ist das Internet noch gut genug um auf dem Handy einen Livestream zu starten.

Flüchtlingscamps sehen immer gleich aus – sie unterscheiden sich wohl nur in der Größe. Ich habe welche mit tausend bis achtzig tausend Einwohnern gesehen. Ist das Camp voll, wohnen Leute auch drumherum. Tausende, manchmal zehntausende. So lange, bis es weitere Camps gibt. Die Flüchtlinge kommen aus dem Rest-Irak (wobei die dann korrekterweise IDPs heißen) und aus Syrien. Es sind Kurden und Araber, Jesiden, sunnitische und schiitische Moslems, Drusen, Christen, Zaratustra, Konfessionslose, Juden und noch viele mehr. In den meisten Camps ist das kein Problem, dennoch gibt es auch Camps, die auf eine Gruppe spezialisiert ist. So gibt es bei Khanke Camps für Jesiden, die meist während des Genozids am 03.08.2014 bzw. in den folgenden Tagen aus Shingal geflohen sind. So ist man wenigstens im Camp mehr oder minder unter den gleichen Leuten mit der gleichen Geschichte.

Die Leute wohnen in Zelten, haben Wasser, Essen und grundlegende medizinische Versorgung. Man kann also gut überleben, aber eine echte Zukunft bietet das Camp nicht. Es ist, als Stände das Leben auf „Pause“ und man wartet, dass es weiter geht. Die Menschen hier sind überraschend fröhlich und Lustig – trotz allem, was man ihnen angetan hat.

In dieser Gegend treffen wir auch auf jesidische Peschmerga, die unter Heydar Schesho dienen. Seinen Onkel Kasim Schesho hatte ich bereits 2015 in Shingal getroffen und mit ihm über die Lage vor Ort gesprochen. Von hier aus ist es noch eine Stunde mit dem Auto bis zur IS-Front und 30 Minuten bis zu nächsten Mall. Die Welten treffen hier in einer Art aufeinander, die man sich sonst kaum vorstellen kann.

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