Kurdistans Filmcomission

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In einem 80er Jahre US-Spielfilm sieht man „Kurden“ in arabischer Tracht mit ihren Kamelen auf der Spitze rötlicher Berge stehen. Dem Biologen fällt auf, dass Kamele selten auf dem Berg wohnen. Dem Geologen fällt auf, dass es so flache, rote Berge in Kurdistan gar nicht gibt. Dem Kurden fällt auf, dass er gar kein Araber ist. Aber dem westlichen Zuschauer fällt nicht viel auf.  Diese Geschichte höre ich an diesem Abend von zwei kurdischen Filmemachern und ich kann ihren Ärger verstehen. Aber Kurdistan hat kein Hollywood und kein Babelsberg. Es gibt keine Filmförderung und kein Medienboard in unserem Sinne, und es gibt keine richtige Filmbranche, die auf große Produktionen ausgelegt ist. Also finden die großen Dreharbeiten zu Kurdistan überall auf der Welt statt – nur nicht in Kurdistan. Es gibt gute Filme über Kurdistan, wie „Haus ohne Dach“ oder „Zer“, welche aber wiederum keine große Reichweite haben. Aber warum ist das so?

Bis vor sechzehn Jahren herrschte Saddam Hussein über diese Gegend. Vor 31 Jahren wurden die Kurden hier noch vergast und erschossen. Zunächst musste man seinen Quasi-Staat aufbauen. Eine Regierung bilden, die Armee und Polizei in Ordnung bekommen, Schulen, Kanalisation, Mobilfunk, Straßen. Und das alles mit einer Zentralregierung, die einem Steine in den Weg legt. Als 2014 der IS kam, zog sich die irakische Armee zurück. Nicht ein irakischer Soldat und nicht eine Patrone Munition wurde den Kurden gegeben. Sie sollten einfach untergehen. Hier etwas aufzubauen ist schwer genug. Internationale Produktionen zu überzeugen, hier zu drehen, ist fast unmöglich. Zwei Tage lang treffen wir Filmemacher und Freunde aller Art: Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Sponsoren, Abgeordnete, Unternehmer mit Interesse dran. 

Dreht man in Berlin einen Film, so kann man auf ein eingespieltes Team von Leuten zurückgreifen. Man kann die Straßen sperren lassen, Statisten casten lassen, Toiletten, Wohnwagen, fahrende Garderoben und Foodtrucks bestellen und sich Lampen, Kameras und Tontechnik zum Drehort liefern lassen. In Kurdistan gibt es für nichts davon einen richtigen Markt. Und viele spezielle Dinge gibt es hier aufgrund des fehlenden Marktes einfach nicht zu kaufen. Dazu müsste man eine verlässliche Datenbank mit Sets, aber auch mit Schauspielern haben. „100 normale Peschmerga, 20 Flüchtlingsfamilien, 100 Terroristen und zwei Militärbasen mit Hubschraubern – so sieht so eine Bestellung für eine einzige Szene aus“ – erklärt mir ein Produzent. Aber die großen Produktionen wollen genau diesen Service haben. Man steht also sinnbildlich mitten in der Wüste, braucht ein Filmset und weiß nicht mal, wo man anfangen soll.

Die Filmemacher in Kurdistan sehen das Problem, grübeln über die Lösungen und suchen Verbündete. Der Anfang wäre, diese Gegend erst mal bekannt zu machen, auf den Messen und den großen Konferenzen. Doch wenn dort jemand „ja“ sagt, könnte man ihm gar nichts anbieten. Erst das ganze Equipment zu kaufen, ohne Interessenten zu haben, will aber auch niemand finanzieren.  Der Staat oder ein großer Sponsor müsste also in Vorleistung gehen. Der derzeitige Präsident Nechirvan Barzani ist ein großer Film-Fan und steht der Idee positiv gegenüber. Sein Vize Qubad Talabani sieht es genau so. Das ist wichtig, weil sie die beiden Regierungsparteien vertreten. Doch beide haben genug andere Sorgen derzeit. 

Wie so oft könnte man nach diesen Treffen sagen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Ich bin gespannt, ob so etwas wie eine Kurdische Filmkommission in absehbarer Zeit kommt. Zu wünschen wäre es der Region.